Kritischer Blick auf das Gesundheitswesen: Mit der Homöopathie beschäftigt sich Professor Dr. Klaus Michael Keller (links). Dr. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (rechts), warnt vor dem Datenmissbrauch. Fotos: Reinhold Schlitt

Main-Kinzig-Kreis

Kinderärzte diskutieren die Digitalisierung im Gesundheitswesen

Bad Orb. Deutschlands Kinder- und Jugendärzte warnen im Zusammenhang mit der Digitalisierung im Gesundheitswesen davor, dass Patientendaten zum „Handelsgut“ werden könnten.

Von Reinhold Schlitt

Auf der Jahrestagung des Kinder- und Jugendärzte-Berufsverbandes in Bad Orb beschäftigen sich die Pädiater unter anderen mit gesundheitspolitischen Vorhaben des Bundesgesetzgebers, darunter auch dem geplanten Digitalen Versorgungsgesetz (DVG).

Das Gesetz soll die Abläufe und digitale Kommunikation der verschiedenen Akteure im Gesundheitswesen wie Ärzte, Krankenkassen, Apotheken und anderen regeln und auch digitale Gesundheitsanwendungen voranbringen. Kontrovers wird zum Beispiel die Elektronische Patientenakte wegen der Sicherheit sensibler Daten diskutiert.

Lob für das Modell der halben Stellen

Bezogen auf die Arbeit der Kinderärzte warnte der Präsident des Berufsverbandes, Dr. Thomas Fischbach, vor dem Missbrauch von Patientendaten: „Unsere Sorge ist, dass die im DVG geplanten Regelungen für digitale Gesundheitsanwendungen vor allem den Krankenkassen und der Industrie nutzen. Die Daten unserer Patienten könnten zum wertvollen Handelsgut werden. Das wollen wir nicht. Wir wollen zum Beispiel nicht, dass ein Kind mit ADHS-Diagnose später keinen Job mehr findet, weil seine Daten in unbefugte Arbeitgeberhände geraten sind.“

Die Kinder- und Jugendärzte seien nicht gegen die Digitalisierung um Gesundheitswesen und sehen durchaus auch positive Aspekte: „Apps und Diagnose-Tools können zum Beispiel Kindern mit Diabetes helfen, ihre Therapie zu steuern und körperbehinderte Kinder können mit Online-Programmen üben“, sagte Fischbach. Lob gab es für die seit Januar dieses Jahres bestehende Möglichkeit, dass Mediziner auch auf Dreiviertel- oder halbe Ärztestellen gehen könnten. Gerade in der Kinder- und Jugendmedizin könne dies helfen, dem zunehmenden Fachärztemangel zu begegnen.

Homöpathie werbe mit Empathie

Eine kritische Haltung nehmen die Kinder- und Jugendärzte zur Homöopathie in der Pädiatrie ein. Es gäbe keine wissenschaftlichen Studien für erwiesene Wirksamkeit, die über eine Placebowirkung hinausgingen, hieß es. Der wissenschaftliche Leiter des Orber Ärztekongresses, Professor Klaus-Michael Keller, sagte, dass seine und andere ärztliche Berufsgruppen mit ihren Zweifeln an der Homöopathie nicht alleine stünden: „In Frankreich strebt die Politik an, die Kostenerstattung der Homöopathie aus den Kassenleistungen zu streichen“, so Keller.

Er räumte ein, „dass die Widerstände dagegen groß sind, da es um signifikante kommerzielle Interessen der Hersteller und um viele Arbeitsplätze geht.“ Homöopathie werbe mit Empathie, Zeit für Gespräche und die Behandlung „ohne die böse Chemie“, kritisierte Keller. Verschwiegen werde, dass in der Schulmedizin das Gespräch mit Patienten und Angehörigen ein wichtiger Faktor sei, jedoch würde dies nicht ausreichend honoriert.

Das Geld für Homöopathie aus der Krankenversicherung könne angesichts der zunehmenden Aufgaben der Versorgung in einer weiter alternden Gesellschaft medizinisch und therapeutisch sinnvoller eingesetzt werden.

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