Mit zwei Jahren verlor Alexander Fiedler bei einem Unfall auf dem Bauernhof seiner Großeltern beide Beine. 40 Jahre später will er nun den Tauschein machen.

Main-Kinzig-Kreis

Als Kind beide Beine verloren: Alexander Fiedler will tauchen

Birstein. Dienstagabend. Im Freibad Birstein ist um 19 Uhr noch einiges los. Auf der Wiese neben dem Funktionsgebäude sitzt Tauchlehrerin Andrea Euler neben Alexander Fiedler und erklärt wie immer Schritt für Schritt den Zusammenbau der Tauchausrüstung. Und doch ist ein Detail anders: Tauchschüler Fiedler hat keine Beine mehr.

Seit 40 Jahren sitzt er im Rollstuhl. „Ich war zweieinhalb Jahre alt und habe auf dem Bauernhof meiner Großeltern gespielt. Das war in Leisenwald, einem Wächtersbacher Ortsteil. Wie Kids so sind, bin ich abgehauen, ohne dass das bemerkt wurde. Mein Opa presste gerade kleine Hochdruckballen in der Scheune. Ich wollte so gerne helfen, hab' mit meiner Schaufel Heu hineingeworfen. Und dann bin ich irgendwie in die Maschine reingezogen worden. Mein Opa hat sie sofort ausgeschaltet, aber da war es schon zu spät“, erinnert sich Alexander Fiedler, von seinen Freunden „Fidi“ genannt. Das war 1978. Ein Schock für die gesamte Familie, aber auch eine große Herausforderung, die es zu bewältigen galt. „Ich hatte großes Glück, dass meine Familie und mein Stiefvater sich so für mich eingesetzt haben“, sagt der heute 43-Jährige.

"Ich lasse mich nicht behindern"

Dank dieser Unterstützung konnte er in seinem Heimatdorf Leisenwald den Kindergarten, im benachbarten Brachttal die Grundschule besuchen. Die weiterführende Schule in Wächtersbach beendete Fiedler schließlich mit dem Hauptschulabschluss, bevor er in Gelnhausen den sozialpädagogischen Bereich der Berufsfachschule besuchte. Das Logopädie-Studium in Chemnitz war dann doch nicht das Richtige. Deshalb folgte auf ein Jahr des Jobbens und Kennenlernens die Verwaltungslehre im Wächtersbacher Rathaus. Danach wechselte Fiedler in die Frankfurter Stadtverwaltung, bis er sich 2008 selbständig machte – als Bestatter bei der Pietät Eden in Wächtersbach und Büdingen. Zudem ist der Vater zweier Töchter Trauerbegleiter und ausgebildeter Hospizhelfer. Und er sagt von sich: „Ich lasse mich nicht behindern.“

Dem kann Tauchlehrerin Andrea Euler, die vor einigen Jahren eine Zusatzausbildung zur Handicapped-Instructorin absolviert hat, nur zustimmen: „So, wie sich Fidi unter Wasser bewegt, wäre es eine Schande, wenn er sich nicht weiter ausbilden ließe.“ Ein paar Umstände gilt es allerdings zu klären, bevor das erste gemeinsame Abtauchen ansteht: Passt der mitgebrachte Taucheranzug, wenn man ihm die Hosenbeine für künftige Tauchgänge abtrennt und vernäht? Passt. „Ich hätte aus alter Gewohnheit fast auch noch nach der Schuhgröße für die Flossen gefragt“, muss Euler lachen.

Badegäste schauen erstaunt zu

Wo sollen die Bleigewichte hin? Und – da Fidi sein Gewicht weder kennt noch wissen will – wie viel braucht der Schnuppertaucher davon überhaupt? Fünf Kilo werden es schließlich, die zum Abtauchen reichen, die an der Flasche zusätzlich angebrachten Stücke können schnell wieder entfernt werden. Zu viel. Atmen aus dem Atemregler an der Oberfläche und dann mit dem Gesicht im Wasser. Und anschließend geht es erstmals runter, unter die Oberfläche, auch mit dem Atemregler im Mund. Das alles vor den oft ungläubigen, manchmal auch staunenden Blicken der übrigen Badegäste.

„Ich fühle mich wie ein Kugelfisch“, lacht Fiedler beim ersten Auftauchen. Alles ist zunächst ungewohnt, „und es ist ein interessantes Gefühl, auch mal so viel Wasser über sich zu haben“, wie er nach dem Abtauchen ins Sprungbecken feststellt. 3,80 Meter sind das immerhin. Was die beiden Übungen angeht, die schließlich anstehen, ist der Taucherneuling zunächst ein wenig skeptisch: „Wer weiß, wie das wird“, sei ihm durch den Kopf gegangen, als Euler ihm das Wiedererlangen eines aus dem Mund gefallenen Atemreglers und das Ausblasen einer halb gefüllten Maske erläuterte.

Entschluss steht fest: Fiedler will Tauchschein machen

„Ich mach's doch noch vor“, beruhigt sie ihn und zeigt die Handzeichen für die Übungen, für Stop und für die Wiederholung. „Wie das aussieht, wenn ich Dir gratuliere, das erkennst Du dann sofort“, schmunzelt die erfahrene Tauchlehrerin, die seit mehr als 15 Jahren mit ihrem Mann Stephan Siemon zusammen Tauchkurse anbietet.

Eine Stunde lang sind die beiden schließlich unter Wasser, nur zweimal kommen sie kurz nach oben: einmal um die Bleimenge anzupassen, dann, um die Unterwasser-Frisbee zu holen. Am Ende hat Fidi in seiner kleinen Flasche noch eine Menge Luft, so entspannt ist er unterwegs. Und er bringt eine Entscheidung mit an die Oberfläche: In den nächsten Wochen wird der Tauchschein gemacht.

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