Kleiner Pieks während der Arbeitszeit: Betriebsarzt Dr. Hendrik Mertens impft eine Heraeus-Mitarbeiterin.
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Kleiner Pieks während der Arbeitszeit: Betriebsarzt Dr. Hendrik Mertens impft eine Heraeus-Mitarbeiterin.

„Jeder Geimpfte zählt“

Corona-Impfung vom Betriebsarzt: Pilotprojekt des Main-Kinzig-Kreises gestartet

  • Jasmin Jakob
    vonJasmin Jakob
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Vier Betriebe bieten im Main-Kinzig-Kreis seit rund anderthalb Wochen Corona-Impfungen an. Das Pilotprojekt soll zeigen, wie das in der Breite funktionieren könnte.

Region Hanau – Das Impfen hat an Fahrt aufgenommen, auch in der Region. Ab Juni soll überall das Tempo gesteigert werden. Dann sollen nach Willen der Deutschen Bundesregierung auch die Betriebsärzte mitimpfen dürfen. Wie das organisiert werden kann, testet der Main-Kinzig-Kreis derzeit in einem Pilotprojekt. Rund 1000 Impfdosen hat der Kreis vier ausgewählten Betrieben zur Verfügung gestellt, die im Vorfeld Interesse bekundet haben, wie ein Sprecher auf Anfrage unserer Zeitung erklärt: Beteiligt sind neben dem Berufsbekleidungshersteller Engelbert Strauss in Biebergemünd die drei Unternehmen Vacuumschmelze, Evonik und Heraeus mit Standort in Hanau.

Verteilt wurde das Kontingent laut Kreis nach dem durch die Betriebsärzte gemeldeten Bedarf des jeweiligen Unternehmens. Dieser richtete sich danach, wie viele Mitarbeiter zu den nach Prioritätsgruppen eins bis drei Impfberechtigten gehörten. Die ersten Erfahrungen seien durchweg positiv. „Wir stellen vor allem fest, dass die Akzeptanz der Impfaktion dadurch enorm gewinnt“, sagt Gesundheitsdezernentin Susanne Simmler. Durch das Pilotprojekt seien die Abläufe schon gut eingespielt, wovon am Ende auch andere Betriebe im Kreis profitieren könnten.

Corona-Impfung am Arbeitsplatz: Nachfrage bei Heraeus in Hanau ist groß

Auch die teilnehmenden Betriebsärzte wie Dr. Hendrik Mertens von Heraeus verspricht sich von betriebsinternen Impfangeboten im positiven Sinne ein Ansteckungseffekt. „Wenn sich die Kollegen impfen lassen, mindert das sicher Unsicherheiten“, sagt er und sieht in den Impfungen durch Betriebsärzte großes Potenzial: „Der akutmedizinische Part ist im Betrieb deutlich geringer als beispielsweise bei einem Hausarzt, wir haben viel mehr Ressourcen, um den Fokus darauf zu lenken.“

Mit seinem zehnköpfigen Team hat Mertens in den Betriebsarzträumlichkeiten ein kleines Impfzentrum aufgebaut. Statt in der Freizeit einen Impftermin auszumachen, können sich die Mitarbeiter bei Heraeus bereits während der Arbeitszeit impfen lassen. Für die Anmeldung setzt der Technologiekonzern auf ein eigens eingerichtetes Terminierungstool. Die Nachfrage sei groß, die Termine innerhalb von wenigen Tagen ausgebucht.

Der Hanauer Technologiekonzern Heraeus hat bereits 250 Mitarbeiter geimpft

Der Rest funktioniere wie im Impfzentrum, jeder Mitarbeiter erhält die gleichen Formulare und Aufklärungsbögen, muss entsprechende Berechtigungsnachweise für die verschiedenen Prioritätsgruppen vorlegen und erhält vor Ort ein Beratungsgespräch. „Unsere Mitarbeiter kommen in der Regel sehr gut vorbereitet, pünktlich und haben wenige Fragen“, so Mertens.

Heraeus hat im Rahmen des Pilotprojekts nach eigenen Angaben rund 450 Impfdosen erhalten. So konnten innerhalb einer Woche bereits 260 der 3000 Mitarbeiter am Standort Hanau geimpft werden. „Wenn genügend Impfstoff zur Verfügung steht, lässt sich das Angebot ausweiten, dann wäre es vorstellbar, für den Sommer ein Zelt mit Impfkabinen einzurichten“, so Mertens.

Spezialchemiekonzern Evonik richtet eigenes Impfzentrum in der Kantine ein

Eine eigene Praxis mit Räumlichkeiten, die explizit für die betrieblichen Impfungen eingerichtet wurde, hat auch das Unternehmen Engelbert Strauss. Rund 1200 Mitarbeiter arbeiten derzeit an dem Standort in Biebergemünd. Etwa ein Viertel davon sei bereits einmal geimpft. „Wir gehen davon aus, dass wir bis morgen Nachmittag 305 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geimpft haben“, sagt eine Unternehmenssprecherin am Donnerstag (29.04.2021).

Corona-Impfung statt Mittagessen: Der Spezialchemiekonzern Evonik hat die Kantine des Unternehmensstandorts in Hanau zum Impfzentrum umgebaut.

Am Industriepark Wolfgang hat der Spezialchemiekonzern Evonik ein eigenes Impfzentrum eingerichtet: Impfen lassen könnten sich hier in einem ersten Schritt die insgesamt 5500 Mitarbeiter der ansässigen Unternehmen, in einem zweiten Schritt auch die engsten Familienangehörigen der 3500 Evonik-Mitarbeiter sowie externe Kunden. Statt Essensausgabe und gemütlichem Beisammensitzen in der Kantine stehen dort mit einzelnen Kabinen nun drei Impfstraßen bereit, die darauf warten, zum Einsatz zu kommen.

Am Industriepark in Hanau Wolfgang könnten täglich 200 Mitarbeiter geimpft werden

Eigentlich könnte es auch schon losgehen, nur der Impfstoff fehlt. Die rund 250 Impfdosen, die der Konzern im Rahmen des Pilotprojekts des Kreises erhalten hat, seien nach Auskunft des Unternehmens schon größtenteils verimpft. Und zwar seien diese paritätisch gemäß der vorgegebenen Prioritätsgruppen auf Evonik-Mitarbeiter und die Beschäftigten der Partnerunternehmen aufgeteilt worden.

Impfwillige Mitarbeiter gebe es viele: „In einigen Abteilungen haben uns 90 Prozent der Mitarbeiter ihre Impfbereitschaft signalisiert“, erklärt Evonik-Betriebsärztin Dr. Christine Busch auf Anfrage unserer Zeitung. Da aber noch unklar sei, wann wie viel Impfstoff zur Verfügung stehe, sei die Planung derzeit kompliziert. Sobald genügend Impfstoff zur Verfügung stehe, könne Busch mit ihrem Team am Industriepark Wolfgang täglich rund 200 Personen impfen.

Unternehmen in der Region warten auf Impfstoff-Nachschub

Das Impfzentrum in der Kantine des Spezialchemiekonzerns hat den gleichen Aufbau wie die kreiseigenen Impfzentren: Die Mitarbeiter melden sich beim Empfang an, bekommen in einer ersten Kabine ein ärztliches Beratungsgespräch, werden geimpft, ruhen sich im Anschluss an die Impfung in einem Wartebereich aus. Bei einem abschließenden Check-out wird überprüft, ob die Geimpften das Vakzin gut vertragen haben, bevor sie gehen können. „Wir haben uns bei er Einrichtung unseres Impfzentrums an den Vorgaben des Main-Kinzig-Kreises orientiert und arbeiten in enger Abstimmung mit dem Gesundheitsamt“, so Busch. „Jeder, der früher geimpft werden kann, zählt, und wir freuen uns, mit unserem Einsatz einen Beitrag zur Pandemiebekämpfung zu leisten.“

Auch bei der Vacuumschmelze sind in den vergangenen eineinhalb Wochen über 100 Personen von den insgesamt 1000 Mitarbeitern am Standort Hanau geimpft worden. Das Unternehmen hoffe, weiterhin kontinuierlich rund 100 Mitarbeitern pro Woche die Impfung anbieten zu können. (Jasmin Jakob)

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