Zum letzten Mal vorgeführt: Der Angeklagte war nach Auffassung des Landgerichts vor 18 Jahren am Tatort, kann aber nicht verurteilt werden. Archivfoto: Andreas Ziegert

Hanau/Biebergemünd

28 Jahre alter Fall: Beweise reichen für Verurteilung nicht aus

Hanau/Biebergemünd. „Setzen Sie das um, was Sie hier angekündigt haben: Fahren Sie so schnell wie möglich heim zu Ihrer Familie.“ Diese eindringliche Mahnung gibt Richter Dr. Niels Höra dem Mann auf der Anklagebank mit auf den Weg nach Serbien.

Von Thorsten BeckerDort sitzt Selver J., er hat soeben einen Freispruch bekommen – einen Freispruch zweiter Klasse. Und der 50-Jährige kündigt an, noch an diesem Tag Deutschland verlassen zu wollen.

Die 1. Schwurgerichtskammer am Hanauer Landgericht ist zwar überzeugt davon, dass J. im Juni 1991 zusammen mit unbekannten Komplizen an einem Raubzug in ein abgelegenes Haus in Biebergemünd-Neuwirtheim beteiligt gewesen ist. Dabei wurde ein älteres Ehepaar mit Knüppeln niedergeschlagen und schwer verletzt zurückgelassen (wir berichteten).

Besonders schwerer Fall des Raubes

Als „besonders schweren Fall des Raubes“ würden die Richter das Geschehen bewerten und mit mindestens fünf Jahren Freiheitsstrafe ahnden. Doch die fünfköpfige Kammer kann und darf das nicht. Sie muss sich an das Gesetz halten. Als Raub ist dieses Verbrechen nach 28 Jahren bereits verjährt. „Sie haben Glück, dass Sie nicht mehr dafür bestraft werden können“, sagt Dr. Höra. Es ist dem Vorsitzenden anzumerken, dass das Ergebnis, zu dem die fünf Richter gekommen sind, eigentlich unbefriedigend ist.

Aber es zeigt ebenso, dass die Juristen sehr gewissenhaft an dem Fall gearbeitet haben, der schon fast eine Ewigkeit zurückliegt. Man habe sehr ausführlich beraten, so der Vorsitzende.

Zu viele offene Fragen

Doch am Ende bleiben zu viele Fragen offen, die einer rechtskräftigen Verurteilung im Wege stehen. Das liegt zum einen daran, dass 1991 bei der Auswertung der Spuren am Tatort einige gravierende Fehler gemacht worden sind, Asservate wie die Tatwerkzeuge oder das Hauptbeweisstück – eine Münzeinsteckfolie mit dem Fingerabdruck des Angeklagten – nicht mehr vorhanden sind.

Zum anderen sind zahlreiche Zeugen bereits verstorben oder so betagt, dass sie in dem mehrtägigen Prozess glaubhaft aussagen, sich nicht mehr eindeutig erinnern zu können. „Es haben Krankenakten und vieles andere gefehlt“, stellt der Vorsitzende in seiner Urteilsbegründung fest.

Beweise reichen für eine Verurteilung wegen versuchten Mordes nicht aus

Wenn überhaupt hätte das Schwurgericht J. wegen versuchten Mordes verurteilen können. Das wäre juristisch gesehen die einzige Möglichkeit gewesen. Denn Mord verjährt nicht.

So hatte Staatsanwältin Sarah Lehmann in ihrem Plädoyer wegen Habgier und Verdeckung einer Straftat auch dieses Verbrechen gesehen und eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren gefordert. Doch für eine solche Verurteilung reichen die Beweise in diesem Indizienprozess eindeutig nicht aus. Zu viele Zweifel bleiben am Ende, wie Höra betonte.

Dennoch ist sich die Kammer sicher: „Wir sind überzeugt davon, dass Sie beteiligt waren, dass Sie am Tatort waren.“ Das zeige das Hauptbeweisstück in diesem Prozess, der Fingerabdruck auf der Folie, der eindeutig von J. stammt.

Version des Angeklagen ist zu konstruiert

Die Geschichte, die J. erzählte, dass er von Mitgliedern der damaligen „Jugo-Mafia“ zur Mitarbeit angeworben worden sei und dass die „Dunkelmänner“ ihn mit einem Fingerabdruck erpressen wollten, verwies Höra in das Reich der Märchen: „Das glaubt Ihnen die Kammer nicht.“ Zu „konstruiert“ und „unverständlich“ sei die Version des Angeklagten, der sich selbst als unschuldig bezeichnet.

Nach dem Freispruch hat J., der zuvor fast elf Monate in Untersuchungshaft gesessen hat, das Landgericht ohne Handschellen verlassen. Zuvor jedoch verzichtete er – auch auf Anraten seines Verteidigers – auf eine Haftentschädigung, die ihm zugestanden hätte. Nach Ansicht der Juristen ist er an der Strafverfolgung nicht so ganz unschuldig gewesen.

Der Fall

  • 3. Juni 1991: In Biebergemünd wird ein altes Ehepaar von Unbekannten ausgeraubt und mit Holzknüppeln niedergeschlagen.
  • 2016: Ein Fingerabdruck vom Tatort wird Selver J. zugeordnet.
  • 2018: J. wird in Montenegro festgenommen und ausgeliefert.
  • 25. Februar 2019: Vor dem Hanauer Schwurgericht beginnt der Prozess, der aber wegen eines Krankheitsfalls abgebrochen werden muss.
  • 23. April: Der Prozess beginnt erneut. Zahlreiche Zeugen, zumeist längst pensionierte Kriminalbeamte werden an drei Verhandlungstagen gehört.
  • 2. Mai: Die Staatsanwaltschaft fordert sieben Jahre Haft wegen versuchten Mordes. Die Verteidigung plädiert auf Freispruch.
  • 10. Mai: Das Landgericht spricht J. vom Vorwurf des versuchten Mordes frei – alle anderen Verbrechen sind bereits verjährt. thb

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema