Appelliert an die Vernunft: Dagmar Wieland, die Leiterin der Fachstelle Suchtprävention. Foto: Andrea Euler

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Interview mit Suchtexpertin: Komasaufen immer noch ein Problem

Gelnhausen. Komasaufen ist immer noch ein Dauerbrenner. Immer wieder kommt es zu Exzessen. Die Fachstelle Suchtprävention der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Gelnhausen hat dieses Thema konstant im Blick und jüngst zahlreiche Fachleute zu einer Diskussionsrunde gebeten.

Dagmar Wieland, Leiterin der Fachstelle Suchtprävention der AWO Gelnhausene, gibt im Interview Auskunft zu den aktuellen Entwicklungen.

Alkoholbedingte Exzesse waren das Thema einer Diskussionsveranstaltung, zu der Sie als Leiterin der Fachstelle Suchtprävention der AWO Gelnhausen jüngst eingeladen haben. Hat sich etwas verändert?

Die Qualität hat sich verändert: Früher konnte man noch einen Funken Vernunft erkennen bei solchen alkoholbedingten Vorkommnissen. Das ist heute oft nicht mehr der Fall. Etwa bei der Hailerer Kerb, bei der Jugendliche in den Verkehr gegangen und über Autos gelaufen sind. Das ist nicht mehr nur Selbstgefährdung, sondern hat eine neue Qualität: Andere werden ebenfalls gefährdet. Da fragt man sich: Können diese

Menschen die Veranstaltungen nur noch zugedröhnt ertragen?

Falls das so ist, könnte es ja auch eine Konsequenz sein, einfach nicht hinzugehen. Oder sich nicht derart zuzurichten, dass andere in Gefahr und das Fest möglicherweise zum Kippen gebracht wird. Selbstverantwortung ist das eine, die Verantwortung für andere das zweite. Ich würde gerne Menschen zum Nachdenken bringen: Was bedeuten uns diese Feste? Und geht es nur um Erleichterungstrinken und Druckablassen? Und jeder sollte sich fragen: Was mute ich mir und meiner Gesundheit zu – und wem mute ich mich zu? Wir müssen unsere eigenen Grenzen reflektieren.

Sie haben gesagt, viele der Konsumprobleme hätten „auch etwas mit dem ländlichen Raum zu tun“. Was meinen Sie damit konkret? Und welche Handlungsanweisungen sollten sich Ihrer Meinung nach daraus für die politisch Verantwortlichen ableiten lassen?

Alkohol erfährt auf dem Land eine wahnsinnig hohe Aufmerksamkeit. Ich spreche mal die Wächtersbacher Biermeile an: Es ist doch traurig, wenn das alles ist, was ein Fest ausmacht. Und wenn über ein Fest nur über Essen und Alkohol berichtet werden kann.

In Städten gibt es eine andere kulturelle Zusammensetzung und damit eine andere Bevölkerungsstruktur – es gibt auf dem Land weniger Menschen mit Migrationshintergrund. Muslimische Mitbürger trinken weniger.

Aber die biodeutsch Sozialisierten ab 14 Jahren haben es schwer, nicht mitzumachen. Da muss man sich immer legitimieren. Und es ist schwer, Nein zu sagen. Da ist gute Jugend- und Jugendkulturarbeit wichtig. Es reicht nicht, eine Hütte oder einen Bauwagen am Ortsrand hinzustellen, wo außer Bierkästen-Stapeln und Trinken nichts passiert. Die Jugendlichen brauchen Begleitung, Unterstützung, eine vernünftige Rausch- und Risiko-Pädagogik.

Müssen Schulen und Arbeitgeber als Taktgeber der heutigen Beschleunigung reagieren?

Schulen müssten zu einem Lern- und Lebensort werden, an dem man soziales Lernen viel stärker in den Mittelpunkt stellt. Die jungen Menschen müssen lernen, sich selbst zu reflektieren. Wirklich notwendig ist auch eine gesamtgesellschaftliche Wertediskussion. Großartig finde ich in dem Zusammenhang die Freitagsdemos – es ist schön, dass sich die Kids wieder politisieren. Und da kann Schule ansetzen, auch mit mediengestützten Aktionen wie Bauernhofprojekten oder Geocaching. Konzepte gibt es genug.

Ein großes Problem ist, dass die Jugendlichen sich selbst über die Mediennutzung Druck machen. Da brauchen sie ganz viel Unterstützung, eine vernünftige Medienerziehung.

Es gibt Menschen, die die Thematik Alkoholexzess als „Einzelfälle“ bezeichnen. Statistiken belegen, dass junge Menschen so wenig trinken wie nie zuvor. Ist das Thema medial aufgebauscht? Oder die Beachtung gerechtfertigt?

Die neueste Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung belegt, dass bei den ganz jungen Jugendlichen die Zahl der Intoxikationen zurückgeht. Aber es gibt einen wahnsinnigen Anstieg bei den über 18-Jährigen. Weltweit werden jährlich 6,5 Liter reiner Alkohol pro Kopf und Jahr konsumiert, in Deutschland sind es elf Liter. Da sind wir fast beim Doppelten. Das muss man benennen. Wir müssen versuchen, auch die jungen Erwachsenen in unsere Arbeit einzubeziehen. Deshalb wurde auch das HaLT-Projekt (Hart am Limit) auf die bis 21-Jährigen ausgeweitet – absolut angemessen und wichtig.

Faschingsumzüge, die aus dem Ruder laufen, Hailerer Kerb, Biermeilenfest – die Exzesse scheinen sich zu häufen. Was müssen Veranstalter Ihrer Meinung nach tun, um das zu verhindern?

Die Veranstalter tun vor Ort oft, was sie können. Mein Thema ist: Wie schreibe ich ein Fest aus? Müssen das Stände sein, wo Alkohol getrunken wird? Bei uns ist Alkohol im Vergleich zu anderen Ländern extrem billig. Da kann ich ein Rädchen drehen: indem ich die Preisgestaltung anders mache.

Oder, indem ich – etwa beim Biermeilenfest – die Verkostung mit ganz kleinen Gebinden wie bei einer Weinprobe anbiete. Es geht nicht um Abstinenzparadigmen, sondern um Genuss. Und der hat nichts mit der Masse zu tun. Wichtig wäre mir auch, dass die politisch Tätigen – egal welcher Couleur – sich an ihre Vertreter in Berlin wenden, damit sich etwas tut. Bei der Nichtrauchergesetzgebung hat das ja auch geklappt.

Das Interview führte Andrea Euler.

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