Diskussion um die Personalstärke der Polizei: Nach den Berichten über die Zustände auf der Hanauer Wache werden Stimmen laut, die auf eine ähnliche Situation im restlichen Kreisgebiet hinweisen. Symbol
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Diskussion um die Personalstärke der Polizei: Nach den Berichten über die Zustände auf der Hanauer Wache werden Stimmen laut, die auf eine ähnliche Situation im restlichen Kreisgebiet hinweisen. Symbol

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hanau

Immer mehr Hinweise auf chronisch unterbesetzte Polizeistationen im Main-Kinzig-Kreis

  • Thorsten Becker
    VonThorsten Becker
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Die personelle Ausstattung der Polizei in der Region ist in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, nachdem ein Abschlussbericht der Hanauer Staatsanwaltschaft bekannt geworden ist. Nun gibt es immer mehr Hinweise darauf, dass die Polizeistation Hanau I am Freiheitsplatz nicht die einzige betroffene Dienststelle im Kreis ist, die unter Personalmangel leidet.

Main-Kinzig-Kreis - „Alle Hanauer Zustände treffen auch für den ganzen Main-Kinzig-Kreis zu. Und das schon seit den 1990er Jahren, seit die Politik in Wiesbaden mit der ‘schlanken Verwaltung’ begann“, berichtet ein erfahrener Mitarbeiter, der lange Jahre im Bereich der öffentlichen Sicherheit gearbeitet hat. Die Staatsanwaltschaft hat die Arbeit der Hanauer Innenstadtwache in der Nacht der fremdenfeindlichen Morde vom 19. Februar 2020 unter die Lupe genommen, da der Vater eines der Mordopfer Anzeige erstattet hatte, weil sein Sohn in dieser Nacht den Polizeinotruf 110 offenbar dreimal angewählt, aber nicht erreicht hatte (wir berichteten).

Staatsanwaltschaft untersucht die Wache in Hanau

Der ermittelnde Staatsanwalt sowie das Landeskriminalamt hatten festgestellt, dass insgesamt nur vier Beamten sowie zwei Praktikanten, die in dieser Nacht auf der Wache im Einsatz waren. Diese Polizisten treffe keine Schuld. Daher hatte die Anklagebehörde die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens abgelehnt. Allerdings haben die internen Ermittler auch die Organisationsstruktur der Hanauer Polizei analysiert. Aus diesem Abschnitt geht klar hervor, dass die Notrufanlage der Hanauer Polizei zum Zeitpunkt des Anschlags völlig veraltet gewesen ist. Zudem wurde festgestellt, dass die Mindeststärke bei nur sieben Polizisten liegt. Nach einem leitenden Polizeibeamten, der gegenüber unserer Zeitung die gravierenden Mängel bestätigt und harsche Kritik an der politischen Führung der hessischen Polizei geübt hatte, bestätigt nun auch ein Insider aus dem Bereich Feuerwehr/Rettungsdienste die desolate personelle Situation, denn er stand im ständigen Kontakt zu den Ordnungshütern.

„Es kam im Kreis öfter vor, dass Polizeistationen, vor allem nachts und an Wochenenden, nur mit drei Beamten besetzt waren: Zwei waren auf Streife – wenn Zeit dafür war – und der Wachhabende am Telefon. Es kam auch gelegentlich vor, dass der Wachhabende alleine zu dringenden Einsätzen fuhr und die Wache sowie der Notruf nicht besetzt waren.“ Dies sei vor allem in ländlichen Gegenden des Kreises der Fall gewesen. Im städtischen Bereich sei es auch vorgekommen, dass Straftäter die personelle Schwäche der Polizeistationen gezielt ausgenutzt hätten.

Rettungswagen unterstützen Streifen

„Es wurde von der einen Seite der Stadt eine größere Schlägerei gemeldet.“ Dafür seien dann zahlreiche Streifen aus umliegenden Stationen losgeschickt worden, um nach dem Tatort zu suchen. „Danach häuften sich dann die Notrufe über Wohnungs- und Ladeneinbrüche in einem entgegengesetzten Stadtteil.“ „Es ist auch schon vorgekommen, dass ein Rettungswagen von der Polizei zu einer vermeintlich hilflosen Person angefordert wurde, mit dem Hinweis, dass momentan keine Streife frei sei – doch allen war klar, dass es eigentlich kein Einsatz für den Rettungsdienst ist.“ Doch die Retter ließen die Polizisten nicht im Regen stehen: „Man wollte halt helfen.“ (Von Thorsten Becker)

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