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Immer mehr Fastnachtsvereine schaffen den Protokoller ab

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Norbert Feyh, Protokoller von der SKG Büdesheim, in Aktion.  Archivfoto: Bender
Norbert Feyh, Protokoller von der SKG Büdesheim, in Aktion. Archivfoto: Bender

Main-Kinzig-Kreis. Er wird immer seltener: Viele Fastnachtsvereine schaffen den Protokoller ab. Dabei schaut der Protokoller der Politik auf die Finger und viele Karnevalisten halten ihn für unverzichtbar.

Von Christine Semmler

Sie sind die närrische Instanz, die den Mächtigen den Spiegel vorhalten: die sogenannten Protokoller – die Büttenredner, die die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse aufs Korn nehmen. Aber der „Job“ des Protokollers ist nicht leicht. Immer mehr Fastnachtsvereine schaffen den politischen Vortrag ab.

„Dramen, Krisen und viel politische Scheiße. Es war ein Wahnsinnsjahr – buchstäblicherweise.“ So lautet die Kernbotschaft, die Jutta Straub in diesem Jahr in der Bütt verkündet. Straub ist Protokollerin der Großauheimer Karnevalsgesellschaft und nimmt alljährlich das Polit-Geschehen in der Welt, in Deutschland und in unserer Region aufs Korn. Ihr jährlicher „Generalüberblick“ reicht von Donald Trumps Amtsantritt über Seehofers Flüchtlingspolitik bis hin zur Stadtentwicklung in Großauheim."Später wollen die Leute nur noch feiern"„Ein Protokoller gehört einfach dazu, weil er der Politik auf die Finger schaut“, sagt sie. „Im Schutz der Narrenkappe kann er Mächtigen sagen: 'Was ihr gemacht habt, war Mist.'“ Dass sie aktive Sozialdemokratin ist, sieht sie nicht als Hindernis: „Ich schimpfe auf die SPD genauso wie auf die CDU.“ Allzu Bissiges ist dennoch nicht ihrs: „Ich schaue, dass ich keinem zu sehr auf die Füße trete.“Die politische Veralberung, die quasi den „anarchistischen Ursprung“ der Fastnacht lebendig hält, hat aber nicht überall seine Fans. „Das Protokoll wird immer am Anfang der Sitzung eingesetzt, wenn die Leute noch zuhören können“, sagt Straub. „Später wollen die Leute nur noch feiern.“Mut, Redetalent und ein "breites Kreuz"Manche Besucher, so Straubs Erfahrung, stünden während des Protokolls auf und gingen aus dem Raum. Zur gesellschaftskritischen Ein-Mann- oder Ein-Frau-Show gehören Mut, Redetalent und, wie Straub es formuliert, ein „breites Kreuz“. Deshalb gebe es auch nicht all zu viele, die sich das Protokoll zutrauen.Einige Vereine verzichten in ihren Sitzungen mittlerweile ganz auf die sozialkritische Komponente. Die Hanauer Geelerieben etwa haben keinen Protokoller mehr, auch die Concordia Kesselstadt. „Das Publikum ist übersättigt von der Stand-Up-Comedy im Fernsehen“, glaubt Vorstandsmitglied Sylvia Fischer. Sobald ein Protokoller in der Bütt stehe, komme Unruhe in den Saal. „Die Leute haben verlernt zuzuhören.“Kein drittklassiger Vortrag gewünschtAuch die Maintaler Rot-Weißen haben schon seit Jahrzehnten keinen Narren mehr, der das Polit-Geschehen humorvoll unter die Lupe nimmt. „Irgendwann war keiner mehr da, der das konnte“, erinnert sich der langjährige Sitzungspräsident Günter Tauber.„Und mit einem drittklassigen Vortrag würde man dem Publikum keinen Gefallen tun.“ Dazu äußert er Bedenken, dass man in der Politlandschaft heute – vor allem in der rechtspopulistischen Ecke – keinen Spaß mehr verstehe.Schwerpunkte in Tanz-, Gesang- und ShowAlso setzen die Rot-Weißen jetzt Schwerpunkte, wo sie am meisten zu bieten hätten: in Tanz-, Gesang- und Showdarbietungen aus den eigenen Reihen. Darbietungen zuzukaufen, kommt für sie nicht in Frage. Tauber verhehlt nicht, dass er diese Entwicklung auch ein bisschen schade findet. Er verweist auf die „exzellenten Redner“ des Nachbarvereins, des Humor-Musik-Vereins „Edelweiß“ in Hochstadt, deren Erfolg er „neidlos“ anerkennen müsse.Die Protokoller Frank Walzer und sein Humoristen-Kollege Colin Stein sind echte Publikumslieblinge, ihre Vorträge werden regelmäßig mit stehenden Ovationen belohnt. Frank Walzer sieht die Entwicklung in Vereinen, „neue Wege“, ganz ohne Subversion beschreiten zu wollen, kritisch.Colin Stein hält den politischen Vortrag für unverzichtbarDie Ursprungsidee, die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen, weiche tendenziell einem reinen Tanz- und Revuetheater. Die Folge: „Sitzungen werden austauschbar, Dargebotenes wiederholt sich von Ort zu Ort.“ Auch Colin Stein hält den politischen Vortrag für unverzichtbar: „Ich glaube, viele Vereine lassen sich zu schnell von Themen wie Politik oder gesellschaftlichen Herausforderungen wie der Flüchtlingskrise abschrecken. Die karnevalistische Aufbereitung solcher Themen kann man zum Teil sicherlich lernen und als Verein aktiv fördern.“Stein mimt in dieser Kampagne den Clown, einer eigentlich positiv besetzten Figur, die aber seit Aufkommen der „Horror-Clowns“ ein recht schweres Dasein hat. Stein reimt im freien Vortrag und ohne Bütt. Ihm, so sagt er, sei vor allem wichtig, den Vortrag so aufzubereiten, dass sich die verschiedensten Zuschauergruppen wiederfinden. Er will komplexe Themen aufs „Dorf“ herunterbrechen, um zu zeigen, „dass auch scheinbar ferne Geschehnisse Relevanz für jeden einzelnen von uns haben.“Unbequeme Themen gehören dazuZu einem guten Protokoll gehöre auch der Mut, sich unbequemen Themen zu widmen, die im Kern ihrer Sache nicht lustig sind. Dass das Publikum nicht mehr zuhöre, deckt sich nicht mit seinen Erfahrungen, im Gegenteil: „Es weiß eigene geistige und intellektuelle Leistungen sehr zu würdigen.“

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