Verbotenes Autorennen: Weil sie mit Tempo 120 über die Hanauer Landstraße gerast sind, hat das Amtsgericht Hanau zwei junge Autofahrer zu Geldbußen, Fahrverbote und Nachschulungen verurteilt. Symbolfoto: pixabay

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Illegales Autorennen: Junge Raser auf der Anklagebank

Region. Das Video zeigt zwei schwarze Limousinen der Marke Mercedes Benz, die nebeneinander auf eine Ampel zufahren und anhalten. Es ist April, mitten in der Nacht am Ratswegkreisel in Frankfurt.

Von Thorsten BeckerAls die Ampel auf Grün umschaltet, wird es zunächst flott, dann halsbrecherisch auf der Hanauer Landstraße in Richtung Maintal. Wer in diesen beiden Autos am Steuer sitzt, weiß zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Doch die beiden Fahrzeuge sind in dieser Nacht nicht alleine. Hinter ihnen fährt ein getarnter Streifenwagen der Frankfurter Polizei. Einer der Beamten hat den richtigen Riecher und bereits sein Smartphone gezückt – die Videofunktion eingeschaltet.

Die Beamten trauen ihren Augen nicht: Vor ihnen spielt sich ein illegales Autorennen ab. Beide Wagen rasen nebeneinander. Immer wieder schwenkt das Handy des Polizisten von der Fahrbahn auf den Tacho: Dort zeigt die Nadel inzwischen 120 Stundenkilometer an. Innerorts sind höchstens 50 erlaubt. In diesem Tempo geht es weiter in Richtung Maintal. Aber nur rund zwei Kilometer. Dann hat der Spuk ein Ende. Auf dem Video ist eine Stimme zu hören: „So. Das reicht jetzt. Zugriff!“

Moderne im Amtsgericht

Dann wird es schwarz auf der Mattscheibe, Jugendrichter Markus Filbert schaltet den Flachbildschirm aus, der neuerdings einen Hauch von digitaler Moderne in den altehrwürdigen Schöffengerichtssaal 19 des Hanauer Amtsgerichts bringt.

Mehr Beweise werden an diesem Tag nicht benötigt. Selbst die Frankfurter Polizisten, die als Zeugen gelanden sind, dürfen ganz schnell wieder zu ihrer Station zurückkehren.

Bereits seit einigen Minuten sitzen zwei junge Angeklagte auf der Bank. Dem 20-jährigen Hanauer ist das Video sichtlich peinlich. Kein Zweifel: Er ist einer der beiden „Fahrzeugführer“ gewesen.

Und dann die Überraschung. Nur zwei Meter entfernt sitzt eine junge Dame aus Maintal auf der Anklagebank, zum länger zurückliegenden Tatzeitpunkt ebenfalls Heranwachsende.

Sie ist diejenige gewesen, die mit dem anderen Mercedes der C-Klasse in halsbrecherischem Tempo über die Hanauer Landstraße gerast ist und offenbar meinte, den weiblichen Lewis Hamilton in dieser Nacht zu geben.

Nicht nur Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung

Ihre beiden Verteidiger Gordian Hablizel und Serkay Bolat wissen, dass es in diesem Fall nicht nur um die Straßenverkehrsordnung und das darin enthaltene Kapitel „Geschwindigkeitsüberschreitung“ des Bußgeldkatalogs geht.

In diesem Prozess geht es um den erst seit zwei Jahren gültigen Paragrafen 315d des Strafgesetzbuchs, in dem die Teilnahme an illegalen Autorennen hart bestraft wird. Bis zu zwei Jahre Haft drohen, wenn nichts passiert.

Kommt es aber zu Sachschäden, Verletzten oder gar Toten, drohen bis zu zehn Jahre Freiheitsstrafe. Anlass für die Reform waren spektakuläre Fälle von illegalen Autorennen in Großstädten. In einem Fall sind in Berlin zwei Raser als Mörder zu lebenslanger Haft verurteilt worden. So will es das Gesetz.

Und die beiden Angeklagten scheinen das von ihren Anwälten auch eingetrichtert bekommen zu haben. Was also tun mit dem Möchtegern-Sebastian-Vettel und der Lewis-Hamilton-Darstellerin?

Keine Vorbestrafung

Zunächst hat die Jugendgerichtshilfe das Wort. Sie hat an den beiden jungen Leuten nichts auszusetzen. Beide haben Jobs, sind juristisch gesehen ein unbeschriebenes Blatt – also nicht vorbestraft. Doch bereits die Gutachterin macht beide darauf aufmerksam, was für ein schreckliches Ende die Raserei vor acht Monaten hätte nehmen können. „Es hätten Menschen sterben können – schreiben sie sich das hinter die Ohren“, wird sie sehr deutlich.

Der Staatsanwalt wird noch drastischer: „Wer die Hanauer Landstraße kennt, der kann erkennen, dass sie mit 120 Sachen dort unverantwortlich – fast schon selbstmörderisch unterwegs gewesen sind.“ Nun säßen die beiden auf der Anklagebank, weil sie „Quatsch im Kopf“ gehabt hätten.

Doch alle Juristen im Saal wissen auch: Beide jungen Leute scheinen einsichtig zu sein, haben eine Chance verdient. Und bereits seit acht Monaten sind ihre Führerscheine konfisziert.

Jugendrichter Filbert nennt die Raserei der beiden schließlich eine „dumme Aktion“ und verurteilt sie zu Geldbußen von 500 sowie 1000 Euro, die an den Malteser Hilfsdienst gezahlt werden müssen. Zudem gibt es Fahrverbote von jeweils drei Monaten, die beide bereits verbüßt haben. Die junge Dame muss sich drei Sitzungen bei einem Verkehrspsychologen unterziehen. Ihr Kumpel wird es schwerer haben: Weil er einen Führerschein auf Probe besitzt, muss er zur Nachprüfung antreten. Richter Filbert: „Ich hoffe, Sie haben die Lektion gelernt.“

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