Ohne Binder unterwegs: Für unser Foto verzichtet der Landtagsabgeordnete Hugo Klein auf die Krawatte. „Habe ich lange genug getragen“, sagt er und lacht. Foto: Mike Bender

Freigericht

Hugo Klein verlässt nach knapp 16 Jahren den Landtag

Freigericht. Wer Hugo Klein in seinem Haus am Ortsrand von Neuses besucht, wird lautstark empfangen, noch bevor er die Klingel drückt. Leonie heißt das Begrüßungskommando auf vier Pfoten. Ein schwarz-grauer Havaneser, der seit sechs Jahren zur Familie gehört.

Von Yvonne Backhaus-Arnold

Zu seinem Abschied aus dem Landtag haben wir uns zum Gespräch getroffen. Dabei zeigt sich, dass Anfang und Ende im Leben manchmal dicht beieinander liegen.

So auch am 14. November – für Hugo Klein das einschneidendste Erlebnis des vergangenen Jahres. Bei den Kleins ist Enkelsohn Mats zu Besuch. Dreimal pro Woche wird er ein paar Stunden von Oma und Opa betreut. Ute Klein ist gerade mit den Mittagsvorbereitungen beschäftigt, der 15 Monate alte Enkelsohn steuert auf Opa Hugo zu. Als der die Arme ausstreckt, um den Zwerg hochzuheben, schmerzt es in der Brust, dann im linken Arm. Dass da „was nicht stimmt“, merkt Klein schnell.

Seine Frau ruft den Sohn, der in der Nachbarschaft lebt und heute wegen eines Schultermins früher zu Hause ist. Vom Sprechzimmer des Hausarztes geht es mit Blaulicht und Sirene direkt ins Kreiskrankenhaus nach Gelnhausen. Die Diagnose: Herzinfarkt. Hugo Klein hat Glück, überlebt, weil die Hilfe schnell da ist. Acht Tage ist er im Krankenhaus, dann wird er entlassen. Die Vorgabe des Arztes ist einfach: mehr Bewegung, weniger Stress.

Zeit für Veränderung und weniger Stress

Dass Zeit ist für Veränderung und weniger Stress, hat Hugo Klein schon viele Monate zuvor entschieden. Da saß er, der Landtagsabgeordnete, mal wieder im Auto auf dem Weg von Freigericht nach Wiesbaden. Sitzungswoche. „Bei den vielen Staus auf der A3 hat man reichlich Zeit zum Nachdenken“, erzählt der 65-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung.

Die Nominierungsversammlungen standen bevor und die Frage im Raum: Tritt er noch mal an, der Hugo, wie viele ihn nennen, für „seinen“ Wahlkreis 41, in dem er nach 2003 dreimal das Direktmandat gewinnen konnte. Der Christdemokrat beantwortet die Frage für sich schließlich mit einem Nein. Immerhin wäre er über 70, bis die nächste Legislatur endet.

Warum? „Du musst gehen“, sagt er am großen Holztisch im Wohnzimmer, „solange sie sagen: 'Schade, dass er aufhört'.“ Und genau das haben sie gesagt: Parteifreunde, politische Weggefährten, Bürger, eigentlich alle. Die Entscheidung, die zu Beginn einem Wechselbad der Gefühle glich, sieht Klein heute „relativ gelassen“.

Abschied aus dem Landtag nach fast 16 Jahren

In ein paar Tagen ist es so weit, dann ist er kein Abgeordneter mehr – nach fast 16 Jahren im Landtag. Am 17. Januar wird der Freigerichter, der in Wiesbaden, weil es einen Namensvetter gab, offiziell immer unter „Klein, Freigericht“ lief, im Rahmen einer Feierstunde verabschiedet, gemeinsam mit 24 anderen Abgeordneten.Seine Frau Ute, die ihm jahrelang den Rücken frei hielt, ist auch dabei. „War sie bei der letzten Einführung schließlich auch“, sagt ihr Mann und lacht. Wenn noch Platz ist auf der Tribüne wollen sie dabei sein am 18., wenn sich der neue Landtag konstituiert. „Das wird spannend“, sagt Klein mit Blick auf die eine Stimme Vorsprung, die CDU und Grüne nur haben.

Spannend und alles andere als Politiker-like ist auch Hugo Kleins Leben. Weggefährten nennen ihn „einen von der alten Garde“ und meinen damit nicht sein Alter, sondern die Verlässlichkeit im Tun und Sagen. Offen. Nicht nachtragend. Ein konstanter Gesprächspartner. Einer, der Verbindungen zum Land hergestellt hat, wenn es nötig war. Wenn Klein ankündigte, sich zu kümmern, dann tat er dies – allerdings immer, ohne etwas zu versprechen.

Der Fußball bringt ihn mit der Politik in Berührung

1953 in Neuenhaßlau geboren, tritt er in die Fußstapfen des Vaters, der sich ehrenamtlich in der Feuerwehr engagierte, und probiert sich auch im Fußball. „Und das gar nicht schlecht“, wie Klein schmunzelnd anmerkt. Groß ist er, schlank, schnell und beidfüßig treffsicher. Sie nennen ihn den „Bomber von Hasslau“.

Der Fußball bringt ihn schließlich auch mit der Politik in Berührung. Ein Mitspieler aus der A-Jugend erzählt von einem ersten Treffen der Jungen Union. Klein geht hin und wird Gründungsmitglied des Ortsverbandes. Jahre später, schon mit Frau und den beiden kleinen Söhnen in Freigericht zu Hause, trifft er mit Martin Trageser einen alten Fußballkollegen wieder. Der engagiert sich in der CDU vor Ort und überzeugt Klein, es ihm gleichzutun. 1981 kandidiert er erstmals für die Gemeindevertretung. Der Rest ist Geschichte.

Netzwerker Klein ist immer offen für Menschen und neue Techniken

Hugo Klein war von Beruf nie nur Politiker. Das hat ihn geerdet – bis heute. Er sollte das Berufsleben kennenlernen, fand sein Vater. Klein hörte auf ihn und absolvierte Ende der 60er Jahre eine Lehre als Maschinenschlosser, danach studierte er Maschinenbau in Frankfurt – und arbeitete, um sich das Studium zu finanzieren, nebenbei in einer Eisengießerei in Großauheim. War eine Maschine kaputt, musste der junge Mann sie reparieren. Nach dem ersten Studium sattelte der Diplom-Ingenieur noch ein zweites drauf: Berufspädagogik, Politik, Wirtschaftskunde und Geschichte an der Technischen Hochschule Darmstadt. Berufsschullehrer wollte er werden, etwas weitergeben an die nächste Generation.

Von 1980 bis zu seiner Wahl in den Landtag 2003 unterrichtete der Metaller an der Ludwig-Geißler-Schule in Hanau. „Ich habe das außergewöhnlich gerne gemacht“, sagt Klein rückblickend. Er führte 1997 das Berufsvorbereitende Jahr ein: zwei Tage Unterricht, drei Tage Praktikum. Am Ende sind 19 Betriebe an Bord, fast jeder Schüler findet nach dem Jahr einen Ausbildungsplatz.

Klein ist ein Netzwerker, einer, der als Berufsschullehrer immer offen sein muss – nicht nur für die Menschen, sondern auch für neue Techniken. In seiner Zeit im Landtag bringt er den großen Erfahrungsschatz immer wieder in Debatten ein. Als einziger Berufsschullehrer im Gremium ist er ein gefragter Ansprechpartner. Die Schulpolitik ist eines seiner Themen. Bei G8 und G9, sagt er, haben wir Politiker Fehler gemacht. Die gleichen Inhalte in einen kürzeren Zeitraum pressen: unmöglich und undurchdacht sei das gewesen.

Beruf und Politik gehen all die Jahre Hand in Hand

Klein ist acht Jahre lang Kreistagsmitglied und bis heute – 25 Jahre ohne Unterbrechung – ehrenamtlicher Kreisbeigeordneter im Kreisausschuss. 1999 fragt ihn der Landtagsabgeordnete Walter Korn aus Maintal, ob er sein Nachfolger werden wolle. Klein sagt Ja, unterliegt in seinem ersten Wahlkampf dem späteren Wirtschaftsminister und SPD-Urgestein Lothar Klemm. Trotz der Niederlage ist Kleins Ehrgeiz geweckt. In den darauffolgenden vier Jahren absolviert er unzählige Termine, die meisten am Wochenende, und gewinnt das Direktmandat 2003 mit 12 000 Stimmen Vorsprung vor Klemm.

Und so verabschiedet sich der Oberstudienrat aus seiner Schule und wechselt nach Wiesbaden. Dort ist er Mitglied im Ausschuss für Wissenschaft und Kunst, im Kulturpolitischen Ausschuss, im Rechtsausschuss, der Richter und Staatsanwälte beruft, im Unterausschuss Justizvollzug und im Hessischen Landesdenkmalrat. Ab 18. Januar ist Schluss mit Landtag und Fahrerei über die A3.

Politik muss den Bürgern wieder mehr zuhören

Auf null runter fährt der 65-Jährige danach nicht, will er auch nicht und kann er vielleicht auch gar nicht – immerhin ist er bis zur Kommunalwahl 2021 Gemeindevertreter in seinem Heimatort und als Kreisbeigeordneter weiter in Vertretung der hauptamtlichen Kreisspitze unterwegs.

Und danach? „Wer weiß“, sagt Klein und krault Leonie, die es sich neben ihm bequem gemacht hat, hinterm Ohr. Jetzt gelte es erstmal, Freundschaften aufleben zu lassen, die jahrelang gelitten hätten. Und sich mehr zu bewegen – so, wie der Arzt es empfohlen hat.

Von der Politik wünscht sich Klein, dass sie den Menschen, den Bürgern wieder zuhört und sie nicht als notwendiges Übel betrachtet. Max Schad, seinem Nachfolger im Landtag, wolle er nicht im Nacken sitzen oder unabgesprochen bei Terminen auftauchen. „Das“, sagt Klein mit einem wissenden Lächeln, „werde ich ihm nicht antun.“

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