„Perfide Strategie“: Nach der Ankündigung, 700 Arbeitsplätze am Standort Gelnhausen abzubauen, steht das Management von Veritas nun in der Kritik. Der Betriebsrat will die angebotenen Abfindungen nicht akzeptieren. Foto: Veritas AG/PM

Gelnhausen

Harsche Kritik am Arbeitsplatzabbau bei Veritas in Gelnhausen

Main-Kinzig-Kreis. Die Kreisspitze unterstützt die Position des Betriebsrates der Veritas AG, den geplanten Abbau von 700 Arbeitsplätzen am Standort Gelnhausen nicht mitzutragen und keinerlei Vereinbarungen mit der Unternehmensspitze den potenziellen Investoren zu treffen.

In einem Gespräch mit dem Betriebsrat hat die Kreisspitze Solidarität mit den Veritas-Mitarbeitern erklärt und erklärt, dass der Vorschlag von einem Arbeitsplatzabbau von 700 Mitarbeitern und einer Abfindungszahlung von drei Monatsgehältern ein „völlig inakzeptables Angebot“ darstelle.

„Der Betriebsrat hat uns gegenüber klargemacht, dass er diesen Weg nicht mittragen wird und wir unterstützen den Betriebsrat in dieser klaren Haltung uneingeschränkt“, erklären Landrat Thorsten Stolz sowie die beiden Kreisbeigeordneten Susanne Simmler und Winfried Ottmann in einer Pressemitteilung.

Kreis sieht keine fairen Abfindungsangebote

Es habe nichts mit einem fairen Interessenausgleich zu tun, wenn Mitarbeitern, die 20, 30 oder 40 Jahre dem Unternehmen die Treue gehalten haben, ein Angebot für eine Abfindung in Höhe von drei Monatsgehältern vorgelegt werde.

„Nach dem ersten Schock über den angekündigten Arbeitsplatzabbau von 700 Stellen am Standort Gelnhausen stehen wir hier klar in der Verantwortung für die betroffenen Mitarbeiter und ihre Familien“, so Stolz weiter. Es sei eine „perfide Strategie“, die Beschäftigten und die Öffentlichkeit offenbar vor vollendete Tatsachen zu stellen und auf diese Weise Druck aufzubauen.

Politik solidarisiert sich mit Beschäftigten

Auf den Stellenabbau haben in den vergangenen Tagen zudem zahlreiche Parteien reagiert. „Die CDU-Kreistagsfraktion Main-Kinzig steht fest an der Seite der Beschäftigten“, erklärte Fraktionsvorsitzender Michael Reul. Offensichtlich sei die Entscheidung endgültig getroffen worden, die Mehrheit der Gesellschaftsanteile an das US-amerikanische Unternehmen American Industrial Acquisition Corporation (AIAC) zu veräußern (wir berichteten).

„Das ist ein schwerer Schlag für die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie für die gesamte Region. Dieser Schritt ist aus unserer Sicht besonders problematisch, weil die Beschäftigten der Veritas AG seit Jahren durch Verzicht einen wesentlichen Beitrag zur Unternehmenssicherung geleistet haben“, betont Reul.

"Fehler liegen im Management und bei den Eigentümern"

Der SPD-Landtagsabgeordnete Heinz Lotz (Steinau) erklärte sich erneut mit den Mitarbeitern solidarisch: „In Gelnhausen haben die Mitarbeiter in den vergangenen Jahren immer wieder für die Veritas verzichtet. Dabei ist es offensichtlich, dass die Fehler im Management und bei den Eigentümern, die sich immer wieder in das operative Geschäft eingemischt haben, liegen.“ Die Manager, so Lotz, würden nun „mit dem Verkauf des Unternehmens für ihre Fehler belohnt und die Belegschaft muss es ausbaden“.

„Die Belegschaft von Veritas hat auf über 40 Millionen Euro tariflich zustehendes Einkommen jahrelang verzichtet und wird jetzt mit einer Produktionsverlagerung ins Ausland und der Streichung von 700 Stellen in Gelnhausen dafür belohnt“, kritisiert der Landtagsabgeordnete der Linken, Hermann Schaus. Die Poppe-Veritas-Gruppe habe „Fehler begangen und nicht rechtzeitig ihre Produktion auf Zukunftstechnologien umgestellt“.

Weitere Verluste von Arbeitsplätzen befürchtet

Ein weitaus düsteres Bild zum Veritas-Verkauf zeichnet derweit die CDU-Mittelstandsunion (MIT). Der Verkauf sei „nur der Anfang einer Entwicklung“, an deren Ende eine „nachhaltige Beschädigung der gesamten Automobilindustrie“ stehen werde. Wie der MIT-Kreisvorsitzende Volker Rode, sagte, gehe derzeit die Saat von Technologiefeindlichkeit und der grünen „Anti-Autopolitik“ auf.

Für den Main-Kinzig-Kreis rechnet Rode mit weiteren, deutlichen Arbeitsplatzverlusten bei zahlreichen lokalen Automobilzulieferern. Nicht Fehler im Management, sondern „insbesondere grüne Politiker tragen für den dramatischen Abschwung der deutschen Autoindustrie besondere Verantwortung“, so Rode.

"Nadelstiche gegen Automobilindustrie"

Nachdem zunächst mit kleinen „Nadelstichen“ für Autofahrer begonnen wurde, würden „Grüne, selbsternannte Umweltschützer und ihre Helfershelfer“ nunmehr zum „Sturm auf einen bedeutenden Industriezweig in Deutschland“ blasen.

Dies, so Rode, sei nur noch mit dem „Vernichtungsfeldzug gegenüber der Nuklearindustrie von einigen Jahren vergleichbar“. Zwischenzeitlich habe sich jedoch herausgestellt, dass in den europäischen Nachbarländern von Deutschland kaum eine Regierung daran denke, sich nennenswert von Nuklearstrom zu trennen.

Klare Forderung an Bundesregierung

Es sei daher höchste Zeit, dass sich die CDU geführte Bundesregierung entschließe, Industrie und Technik den Stellenwert beizumessen, der ihnen zukommt. Rode erinnert daran, wonach in Deutschland derzeit jeder siebte Arbeitsplatz mittel- oder unmittelbar von der Automobilindustrie abhänge.

Es wäre wünschenswert, wenn für Forschung und Entwicklung der damit zusammenhängenden Branchen ein entsprechendes Budget bereit gestellt werde. Auch einen Finanzierungsvorschlag hat Rode: Das Geld sollte aus dem Etat des Umweltministeriums entnommen werden. thb

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