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Tische sind gerückt, Desinfektionsmittel steht bereit, fehlen nur noch die Kinder. Die müssen sich jetzt weiter gedulden.

Überraschende Kehrtwende am Freitag

Unterrichtsbeginn kurzfristig verschoben: Grundschulen waren bereit für die Viertklässler

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Statt mit dem Einmaleins beschäftigten sich die Grundschulen in den vergangenen Tagen mit schwierigeren Rechenaufgaben: „Wenn bei 15 Kindern 1,5 Meter zwischen den einzelnen Sitzplätzen sein soll, wie groß ist dann der Klassenraum?“, sagt Mareike Meister.

Die Leiterin der Sophie-Scholl-Schule in Hanau bringt die derzeitige Situation humorvoll auf den Punkt. Für rund 33 Kinder sollte an der inklusiven Grundschule nach sechswöchiger Schulpause am kommenden Montag wieder der Unterricht beginnen. Doch dann wurde der Schulstart für die Viertklässler auch in Hanau kurzfristig verschoben. 

Tagelang hatten Meister sowie andere Schulleiter der Region komplexe Regelungen entworfen, wie es gelingen sollte: einerseits alle vom Kultusministerium vorgegebenen Hygienemaßnahmen einzuhalten und andererseits mit den gegebenen Raum- und Personalkapazitäten wieder ein Stück weit zur Normalität zurückzukehren. Am Freitagvormittag sagte Meister noch: „Wir sind bereit für unsere Viertklässler und freuen uns sehr, die Kinder wieder in der Schule zu haben.“

Kehrtwende kam völlig überraschend

Wenige Stunden später kam dann die Kehrtwende. Die Stadt Hanau vermeldete: Grundschulen bleiben vorerst geschlossen, nur die Notbetreuung findet dort weiterhin statt. Grund dafür war ein Urteil des Kasseler Verwaltungsgerichts, nachdem es sich bei der Beschulung der vierten Klassen im Unterschied zu anderen Nicht-Abschluss-Klassen um eine Ungleichbehandlung handele, wenn für sie die Schulpflicht früher wieder in Kraft tritt.

„Wir fühlen uns einfach von hinten überrollt“, so Meister. „Hoffentlich können wir eine Woche später anfangen, auch wenn das für uns heißt, die Wochenenden wieder durchzuarbeiten, wo man dachte, 'wir sind gut vorbereitet'.“ In vier Gruppen sollten die Kinder jeweils von einer ihrer beiden vertrauten Klassenlehrerinnen unterrichtet werden.

Unsicherheiten bei den Kindern 

Jetzt heißt es für alle jedoch für mindestens eine Woche: Das Homeschooling geht weiter. „Erwachsene können das ja noch nachvollziehen, aber für die Kinder ist das natürlich echt hart“, so Meister. „Für unsere Viertklässler hieß es, am Montag geht die Schule wieder los und jetzt sind da wieder ganz viele Ängste und Unsicherheiten und die Kinder können nicht begreifen, was die Erwachsenen da tun.“ 

Viele Jungen und Mädchen hätten das dringende Bedürfnis, ihre Freunde und Klassenkameraden wiederzusehen, alltägliche Rituale und Abläufe zu pflegen. „Schule muss dabei zwei Dinge leisten, das eine ist die Wissensvermittlung, die können wir ganz gut über Videoschalten mit den einzelnen Klassen und über Arbeitsaufträge digital lösen, aber das Miteinander- und Voneinander-Lernen, ein offenes Ohr zu haben, füreinander da zu sein, diese ganzen Fähigkeiten können wir im Moment nicht unterrichten.“

Die Schule habe dabei von Anfang an versucht, die Eltern bei der Doppelbelastung durch die Schulschließung, die sich durch Homeoffice und Homeschooling ergibt, zu lindern. Über Videokonferenzen kann sich so zum Beispiel die ganze Klasse mit der Fachlehrerin treffen, wobei jeder für sich zu Hause Aufgaben erledigt und sich bei aufkommenden Fragen melden kann. Die kann die Lehrerin dann direkt beantworten.

Wiedereröffnung für Familien enorm wichtig

Die Wiederaufnahme des Schulbetriebs sei laut Meister vor allem für Kinder in angespannten Familiensituationen, die sich durch verschiedene Belastungen in der Krise zuspitzen könnten, enorm wichtig. „Bei uns ist das jetzt nicht der Fall“, so Meister, „aber ich kann mir schon vorstellen, dass sich die Lehrer an Brennpunktschulen gerade in dieser Zeit auch Sorgen um ihre Schüler machen. Das ist natürlich für sie auch kein so gutes Gefühl.“

Die Schulleiterin sieht gerade in der Corona-Krise eine wichtige gesellschaftliche Leistung der Schulen darin, in der Ausnahmesituation Sicherheit und Halt zu geben: „Wir werden jetzt noch eine lange Zeit mit der Ansteckungsgefahr durch das Virus leben“, sagt sie. „Da ist es auch unsere Aufgabe, den Umgang damit mit den Kindern einzuüben, Verhaltensweisen zu trainieren und die veränderte Lebensrealität zu vermitteln.“ 

Schulen sehen sich gut vorbereitet für Wiederbeginn

Die Tische in den Klassenzimmern sind auseinandergeschoben, extra Mülleimer aufgestellt und Hinweisschilder aufgehängt. „Ich glaube, wir sind gut vorbereitet, aber trotz allem bleibt es natürlich total spannend, wie das, was wir uns vorgestellt haben, auch spielerisch mit einer gewissen Leichtigkeit umgesetzt werden kann“, sagt Meister. 

Schwierig sei für die Kinder auch, dass gerade kurz vor dem Schulwechsel geplante Ausflüge abgesagt werden müssten. „Die Kinder wollen vor dem Übergang auf die neue Schule natürlich noch ganz viel miteinander erleben“, erzählt Klassenlehrerin Annika Koppe. „Sie fragen dann schon immer so, dass sie davon ausgehen, dass Ereignisse ausfallen. Das macht einen natürlich auch traurig. Wir hatten schon einiges geplant und jetzt gibt es keine Lesenacht, keine Fahrradfahrausbildung und so weiter.“

Einbahnstraßensystem mit Kreide und Absperrband

Das gilt auch für andere Schulen in der Region. Die Theodor-Heuss-Schule in Steinheim hat beispielsweise innerhalb einer Woche ein Einbahnstraßensystem vom Schulhof zu den einzelnen Klassenräumen entwickelt. Kreide und Absperrband wiesen dabei mit Pfeilen den Weg und zeigten den nötigen Abstand. Hier sollten ab Montag knapp 60 Viertklässler in vier Gruppen mit jeweils höchstens 15 Schülern unterrichtet werden.

Mike Bender

„Die Planung war ein kleiner Staatsakt“, sagt Konrektorin Jana Becke und lacht. In enger Abstimmung mit Lehrkräften, Hausmeister und Elternbeirat hatte auch sie von Schulhofregelungen bis zum Anstehen an den Waschbecken der Klassenzimmer alles durchdacht. Becke: „Uns hat es ehrlich gesagt überrascht, dass die Viertklässler als Erstes mit den Abschlussklassen beschult werden sollen.“

Wiedereröffnung wird große Herausforderung auch für Schüler

Becke war im Gespräch am Donnerstag schon ganz klar gegen eine Beschulung der Viertklässler: „Ich hätte die Viertklässler gerne erst später in der Schule gesehen“, sagt sie. „Denn es ist schon sehr herausfordernd für die Kinder. Die Neun- und Zehnjährigen können noch nicht so gut mit den Hygienerichtlinien umgehen wie beispielsweise die älteren Abschlussjahrgänge und ich denke, es wird für sie sehr schwierig, sich mit der neuen Situation zurechtzufinden.“

Dabei sei auch der Unterricht ungewohnt: „Wir setzen eigentlich auf offenes Arbeiten und soziales Lernen, aber jetzt wird natürlich genau das Gegenteil der Fall sein, nämlich Frontalunterricht.“ Doch vor allem die Personalplanung habe es in sich gehabt: „Wir haben sieben Lehrkräfte mit kleinen Kindern, die keine Betreuung in Anspruch nehmen durften, da Lehrer bislang noch nicht als systemrelevant eingestuft wurden. Andere Lehrkräfte gehören zur Risikogruppe. Wenn wir die Drittklässler dann auch noch dazunehmen sollten, wäre das für uns unter diesen Gesichtspunkten personell überhaupt nicht zu stemmen gewesen.“

Notbetreuung ab Montag auch für Lehrkräfte

Ab Montag dürfen Lehrer auch in Hessen die Notbetreuung in Anspruch nehmen. Bei der Brückenschule in Bruchköbel-Roßdorf sei die Personalproblematik ebenso spürbar: „Grundschullehrer gibt es ja leider nicht wie Sand am Meer, viele unserer Lehrkräfte gehören aufgrund von Vorerkrankungen oder wegen ihres Alters zur Risikogruppe“, sagt Melanie Neumann, die Konrektorin der Grundschule. „Uns fehlen dadurch sechs Lehrkräfte mit insgesamt 138 Unterrichtsstunden pro Woche.“

Ab Montag wären hier ebenso fast 60 Viertklässler in den Schulalltag in sechs Lerngruppen zurückgekehrt. Daher hätte die Brückenschule die vom Kultusministerium empfohlene Anzahl von 20 Wochenstunden im Präsenzunterricht nicht gewährleisten können. Geplant waren täglich daher drei Stunden Präsenzunterricht sowie die Bereitstellung von weiterem Arbeitsmaterial für das Lernen zu Hause. „Für die Lehrer ist die momentane Situation eine extreme Grenzbelastung zwischen Notbetreuung, Unterstützung der Kinder im Homeoffice und bald zusätzlichem Präsenzunterricht“, so Neumann.

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