Kämpft für die Umwelt und für Europa und schreckt dabei auch vor Hürden wie der Landrats-Kandidatur nicht zurück: der parteilose Großauheimer Dr. Gerhard Stehlik. Foto: Degen-Peters

MainKinzigKreis

Gerhard Stehlik: Kandidatur ist pädagogisches Experiment

Main-Kinzig-Kreis. Chancen, am Ende wirklich Landrat zu werden, rechnet sich er sich nicht aus: Der parteilose Dr. Gerhard Stehlik (73) aus Hanau sieht seine Kandidatur auch als pädagogisches Experiment an.

Von Jutta Degen-Peters

Die Frage, was um Himmels Willen einen 73-jährigen Pensionär dazu bringt, sich um das Amt des Landrats zu bewerben, hört Dr. Gerhard Stehlik in diesen Tagen häufiger. Der in Großauheim lebende Chemiker könnte seinen Ruhestand genießen und sich seinen Lieblingsthemen Europa und CO2 widmen. „Ich sehe meine Kandidatur auch als pädagogisches Experiment an und will zeigen, dass so etwas überhaupt geht“, sagt er.

Wirkliche Chancen, am Ende auch tatsächlich Landrat zu werden, rechnet sich der parteilose engagierte Leserbriefschreiber nicht aus. Aber man soll ja nie „nie“ sagen. Und selbst wenn: Zutrauen würde er sich das Amt durchaus. 30 Jahre lang war der Naturwissenschaftler bei Degussa im Führungskräftebereich tätig und ist in der Welt herumgekommen."Die Verwaltung funktioniert auch alleine"Außerdem, so erklärt er bei einem Gespräch in seinem Haus in Großauheim, sei ein Landrat ohnehin ein Amt mit wenig wirklichen Einflussmöglichkeiten. „Die Verwaltung funktioniert auch alleine“, ist er überzeugt. „Es geht mir weniger darum, Landrat zu werden, als darum, Redeverbote zu durchbrechen.“Er selbst werde als „verquerer Außenseiter“ wahrgenommen, der mit der Botschaft unterwegs sei, dass CO2 nicht erwärmen könne, sondern nur kühlen. Dass er mit dieser seiner Theorie immer wieder Steine in den Weg gelegt bekomme, wenn er etwa eine öffentliche Veranstaltung dazu plane, findet er unmöglich. Stolz führt er drei überdimensionale Plakate vor, die er hat drucken lassen, um die Menschen von seiner CO2-Theorie zu überzeugen.Vater 1944 verlorenAn der Gesellschaft interessiert war er seinen Ausführungen zufolge schon als Jugendlicher. Als Kriegswaise, der den Vater 1944 verlor, wuchs er im erzkonservativen Trier in sehr bescheidenen Verhältnissen auf und verdankt den Naturwissenschaften, dass es ihm heute vergleichsweise gut gehe.Als Chefredakteur der Schülerzeitung habe er seine aktivste zeit des gesellschaftlichen Wirkens erlebt, erinnert er sich. Unter anderem habe er erreicht, dass die strikt getrennten Jungen- und Mädchengymnasien eine gemeinsame Schülerzeitung herausgeben durften.FDP bis 2010 treuSein außerberufliches Engagement setzte sich fort, als er 1973 nach Hanau kam. Von seinem Vorgesetzten Dr. Morlock angeregt, trat er der FDP bei und blieb der Partei treu bis 2010, war sogar Kreisschatzmeister. Den Rücken kehrte er den Liberalen dann der Naturwissenschaften wegen. Weil eine mit der FDP vereinbarte Veranstaltung zum Thema CO2 nicht stattfand, warf er das Handtuch.Seither widmet sich der vierfache Vater und Großvater neben dem Thema CO2 besonders dem Europagedanken. Von 2007 bis 2012 war er Vorsitzender des Kreisverbands Hanau der Europa Union. 2014 gründete er mit einem Mitstreiter nach Querelen den neuen Verein EU-Kanton Rhein-Main.Stehlik für mehr Europa„Wir brauchen mehr Europa und dringend eine europäische Verfassung“, sagt Stehlik und will als Landrat auch darum werben. Er weiß wohl, dass die Befugnisse des Landrats in Europafragen begrenzt sind. Doch als Botschafter auftreten könne und müsse er schon, meint er.Besonders will er auch dafür werben, dass die Menschen sich mehr für das Gemeinwohl engagieren. Dieses Bemühen sei viel zu schwach ausgeprägt. Die Bürger ließen sich vom Hickhack in der Politik abschrecken. Die Demokratie besser machen, mehr Ordnung hineinbringen, besser das Private vom Öffentlichen trennen – all das ist ihm ein Anliegen.Stehlik: Kreistag halbierenAuch das Wahlrecht würde Stehlik reformieren, wenn er könnte. Den Kreistag halbieren, jeden Abgeordneten direkt wählen lassen wie Oberbürgermeister und Landräte. Das hält er für den richtigen Weg. Der Einfluss der Parteien müsse zurückgedrängt werden.„Wir müssen toleranter und experimentierfreudiger werden“. Dem 5. März sieht er gelassen entgegen: „Ich habe schon gewonnen“, findet er. Dass er bis heute 324 Unterstützer gefunden habe, findet er großartig. Und als einst passionierter Bergsteiger hat er dafür ein sehr schönes Bild: „Es muss nicht immer der Gipfel sein!“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema