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Hier wurde noch gekickt: Der aus Neuberg stammende Zweitliga-Fußballer Marcos Alvarez verwandelte im Februar einen Foulelfmeter am Darmstädter Böllenfalltor. Die Zwangspause wegen der Corona-Krise nervt den Profi des VfL Osnabrück, der nach Polen wechseln wird

Neuberger kickt beim Zweitligisten VfL Osnabrück

Marcos Alvarez im Interview über Homeoffice bei Fußball-Profis, Geisterspiele und das Attentat von Hanau

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Nicht nur die Amateurfußballer haben wegen des grassierenden Corona-Virus Zwangspause. Auch im Profibereich ruht der Ball – und vielerorts auch das Mannschaftstraining. So auch beim Zweitligisten VfL Osnabrück. Dort steht der Neuberger Marcos Alvarez unter Vertrag.

Im Interview erzählt er, wie er sich aktuell fit hält, spricht über Probleme bei der Wohnungssuche in der neuen Wahlheimat Krakau und den Kontakt in die Heimat.

Der Kader Ihres VfL Osnabrück befindet sich derzeit im Homeoffice. Was muss man sich bei einem Profifußballer darunter vorstellen?

Ich stehe morgens ganz normal auf und absolviere ein Laufprogramm. Grundlagen und auch Tempoläufe. Das mache ich meistens im Feld. Nachmittags sollen wir Übungen für Kraft und Beweglichkeit machen, das geht dann schon im Wohnzimmer oder im Garten. Wir durften uns Materialien vom Verein mit nach Hause nehmen. So hält man sich fit, doch für einen Fußballer ist das trotzdem alles sehr nervig. Das Übungsprogramm wurde gut koordiniert, aber ein Mannschaftstraining ersetzt es nicht.

Corona-Krise: Mannschaft hält über soziale Medien Kontakt

Vermissen Sie in Zeiten der sozialen Distanzierung Ihre Mannschaftskameraden besonders oder wird der Kontakt über Social-Media-Kanäle derzeit intensiviert?

Wir versuchen natürlich derzeit in erster Linie über Social Media auf dem neusten Stand zu bleiben. Doch das Zusammensein mit den Jungs in der Kabine fehlt schon. Miteinander lachen und Blödsinn machen gehört ja zum Fußball auch dazu. Ein Profi ist ja im Laufe einer Saison fast schon häufiger mit den Teamkameraden zusammen als im Kreis der eigenen Familie. Von daher vermisst man seine Mitspieler schon.

Apropos Social Media: Wie gut sind Sie eigentlich im Jonglieren von Klopapierrollen?

Natürlich ist die Challenge auch an unserem Team nicht vorbeigegangen. Zehn Kontakte habe ich geschafft – und die waren auch mein Ziel. Jetzt aber werden die Rollen wieder für ihren ursprünglichen Zweck benötigt.

Alvarez glaubt an die Qualität vom VfL Osnabrück

Zum Sportlichen: Wie ist Ihr Zwischenfazit der ersten Zweitliga-Saison nach dem Aufstieg? Vor der Corona-Pause hatte man den Eindruck, als wäre Ihr Team drauf und dran, in den Tabellenkeller durchgereicht zu werden. Widersprechen Sie?

Wenn man vom fünften oder sechsten Platz nach einigen Niederlagen auf Rang zwölf abrutscht, kann man schon sagen, dass man durchgereicht wurde. In der 2. Liga ist alles eng beisammen und mit zwei Siegen können wir auch schnell wieder Siebter oder Achter sein. Der VfL Osnabrück verfügt vielleicht nicht über die besten Einzelspieler, doch die Mannschaft hat trotzdem Stärken und eine sehr gute Qualität. Ich bin sehr optimistisch, dass der Klassenerhalt gelingen wird.

Geisterspiele die einzige Möglichkeit für Fortsetzung der Saison

Bei Fortsetzung der Liga drohen Geisterspiele. Können Sie sich Spiele an der Bremer Brücke ohne Publikum vorstellen und wäre es für Ihren Klub ein erheblicher Nachteil, im heißen Endspurt auf die stimmungsgeladene Atmosphäre der Heimspielstätte verzichten zu müssen?

Es wäre definitiv traurig, ohne Zuschauer spielen zu müssen. Keiner, der den Fußball liebt, kein Spieler, kein Fan und auch kein Reporter mag Geisterspiele. Wenn es aber aufgrund der aktuellen Situation zum Schutz der Gesundheit keine andere Möglichkeit gibt, dann ist das nun mal der Weg, den alle gehen müssen. Es wäre sicher eine sehr komische Situation und für uns auch ein Nachteil, denn gerade zu Hause an der Bremer Brücke sind die Fans durch ihre tolle Unterstützung für unser Team wie ein zwölfter Mann. Ihr Wechsel zur Cracovia Krakau steht seit Wochen fest. Haben Sie schon Umzugsüberlegungen getroffen oder liegen die wegen Corona erstmal auf Eis? Wir wollten vor zwei Wochen eigentlich nach Krakau fliegen, um uns verschiedene Wohnungen anzuschauen, doch Polen hat ja schon vor Deutschland die Grenzen dicht gemacht. Ich hoffe, dass die Krise bald vorbei ist, denn ansonsten müssen meine Lebensgefährtin, ihre beiden Kinder und ich eine Wohnung mieten, bevor wir sie gesehen haben. Aber wir ziehen ja nicht irgendwo aufs Dorf, Krakau ist eine schöne Stadt.

Der angekündigte Wechsel und der Name Ihres neuen Vereins kamen für viele überraschend, schließlich sind Sie an der Bremer Brücke nach wie vor ein Publikumsliebling. Was waren Ihre Beweggründe, einen Tapetenwechsel anzustreben?

Ich war dann fünf Jahre in Osnabrück und es wäre für mich eine tolle Sache, dieses Projekt mit dem Klassenerhalt in der 2. Liga abzuschließen. Für den Wechsel nach Krakau sprach auch die Aussicht, noch einmal Erste Liga und vielleicht sogar im Europapokal spielen zu können. Zudem war das Angebot des Vereins sehr gut, inklusive der Vertragslaufzeit von drei Jahren. Ich bin jetzt 28 Jahre alt und muss ehrlich gesagt auch auf solche Dinge achten.

Attentat von Hanau ein Schock für den Fußballprofi

Wie halten Sie aktuell Kontakt nach Hause und wie haben Sie das schreckliche Attentat in Hanau aus der Ferne verfolgt?

Der Kontakt zu meiner Familie ist intensiver als je zuvor, denn aktuell sind meine Eltern bei mir und meiner zukünftigen Verlobten zu Besuch. Das Attentat in Hanau war für mich ein Schock. Ich bin dort zur Schule gegangen und habe viele Freunde dort. Wenn man so etwas sieht, fragt man sich schon, weshalb ein Mensch so etwas tut. Je näher es an einen selbst heranrückt, umso mehr beschäftigt es einen. Es ist ein ungutes Gefühl, sich nirgends mehr sicher fühlen zu können. Da geht man in ein Restaurant oder will gemütlich eine Shisha rauchen und plötzlich schießt einer wie im Wilden Westen. So etwas hat mit einem zivilisierten Leben nichts zu tun.

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