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Beim „Hessenschmaus“ an der Heldenberger Straße in Nidderau hat Pächterin Fidan Durna draußen im Freien schon schwer gearbeitet

Gepfefferte Vorgaben als Salz in der Suppe

Ab Freitag dürfen die Gastronomen in der Region öffnen – Wirte ächzen unter Last der Vorschriften

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Der Zollstock, Flatter- und Klebebänder gehören seit Tagen zur unverzichtbaren Ausstattung eines jeden Gastronomen. Denn wenn diese heute ihre Restaurants und Gaststätten wieder öffnen – und die Betonung liegt auf dem Wörtchen „wenn“ – dann tun sie das unter erschwerten Bedingungen

„Wir zeigen Ihnen Ihren Platz“, heißt es ab heute nicht nur im Dragonerbau in Langenselbold. Hier versuchen Jochen Gerber und seine Frau, die Corona-Vorgabe umzusetzen.

1,50 Meter Abstand muss zwischen den Tischen und an den Laufwegen zu den WCs eingehalten werden, auf fünf Quadratmetern darf maximal ein Gast untergebracht werden, Mundschutz und Desinfektionsspender sind Pflicht. Das wäre für sich genommen schon kompliziert genug, doch die Liste der Hygienevorschriften ist noch lange nicht erschöpft. 

Und sie ist vor allem noch nicht ganz ausgereift, wie Jochen Gerber vom Dragonerbau in Langenselbold bemängelt: „Wir lesen ständig im Internet die neuesten Vorgaben. Stündlich wird wieder etwas umgeworfen“, stöhnt er. Er hat in den vergangenen Tagen Abstände gemessen, Tische gerückt und Textaufgaben gelöst. Kopfarbeit mit Köpfchen also, die ergab, dass er im Innenbereich 32 Gäste platzieren darf, im 150 Quadratmeter großen Biergarten 30. Gläser dürften nicht mehr auf den Tischen stehen, nur Besteck darf eingedeckt werden, Stoffservietten sind tabu. 

„Soll ich dann auch noch die Ausweise kontrollieren, ob die angegebenen Daten korrekt sind?“

Dass Gerber von den Gästen im Innenbereich die Personalien abfragen und notieren muss, im Biergarten aber nicht, leuchtet ihm nicht ein. „Soll ich dann auch noch die Ausweise kontrollieren, ob die angegebenen Daten korrekt sind?“, fragt er. „Und soll ich den Gast wegschicken, wenn er mir die Angaben verweigert?“ Gerber findet die Vorschriften „total strange“. Und angesichts des Aufwandes, der den Gastronomen aufgebürdet wird, ärgert er sich auch, dass er von dem Kurzarbeitergeld, das er als Chef seinen Angestellten seit 21. März vorgestreckt hat, von der Bundesagentur noch keinen Cent gesehen hat. 

Allzu gerne würde Gerber mal im Bundestag sprechen und dort aus der Praxis plaudern. Dabei würde er all seinen Kollegen aus dem Herzen sprechen, die die Auflagen zähneknirschend und sehr skeptisch in Kauf nehmen. 

„Al Camino“ kam mit Lieferservice über die Runden

Haben das Lachen trotz aller Schwierigkeiten nicht verlernt: Mulham Al Hatem (rechts) und Tonino Urbani vom Ristorante Al Camino in Hanau.

Etwa im Lokal „Al Camino“ in der Burgallee in Hanau. Das Lokal hat Mulham Al Hatem von seinem Ziehvater und Vorinhaber Tonino Urbani übernommen, bei dem er 13 Jahre als Kellner gearbeitet hatte. In der Trattoria und Pizzeria, die als Familienbetrieb geführt wird, sagt Ketty Urbani: „Wir kämpfen wie alle Gastronomen.“ Da das Lokal sehr klein ist, dürfen die Betreiber drinnen maximal zehn, draußen 15 Gäste unterbringen. „Wir werden den Testballon starten“, sagt Urbani und hofft dabei, dass an der Quadratmeter-Vorgabe noch etwas geändert wird. 

Über die Runden gekommen ist das Team bisher durch seinen Lieferservice und die Gerichte zum Mitnehmen. Gerade erst hatte Al Hatem in die Neugestaltung des Gartens investiert. Jetzt kämpfe das Familienteam, das sich auch moralisch gegenseitig stütze, „mit dieser nicht gerechtfertigten Lösung“. Denn die Hygieneregeln verhießen wenig Umsatz bei großem Einsatz. Trotzdem, die Urbanis und Al Hatem freuen sich, dass ihnen die Stammkunden in den letzten Tagen die Treue gehalten haben, und versprechen für die nächsten Tage: „Wir geben alles.“ 

Das haben sie auch in den vergangenen Wochen getan. Trotz aller Schwierigkeiten belieferten sie die beiden Hanauer Kliniken mit kostenlosem Essen und bekamen dafür viel Anerkennung. Auch eine Art „Hanauer Helden“. 

Öffnungspläne von Da Tonino sind gescheitert

In der Trattoria Da Tonino an der Hanauer Straße in Roßdorf scheitert die Öffnung daran, dass das Lokal zu klein ist, bedauern Inhaber Christian Mertens und seine Frau.

Gescheitert sind gerade die Öffnungspläne der Trattoria Da Tonino in Roßdorf. Inhaber Christian Mertens hat nach dem Aufstellen der Tische und dem Ausmessen die Segel gestrichen: „Ich bekäme maximal 1,35 Meter Abstand hin“, erklärt er. Zwar sei seine Gaststätte 70 Quadratmeter groß, aber die Flächen seien lang und schmal. Normalerweise passten in die als „In-Lokal“ gehandelte Trattoria 58 Personen an elf Tischen. „Jetzt können wir nicht aufmachen, weil wir die 1,50 Meter Abstand nicht einhalten können“, klagt er. 

In den Außenbereich passten wegen der Durchgänge auf die 50 Quadratmeter-Terrasse höchstens neun Gäste. „Ich könnte für 400 Euro pro Stück Plexiglaswände anfertigen lassen.“ Doch das lohne sich nicht. Für sein seit vier Jahren bestehendes Restaurant, das immer gut besucht gewesen sei, sei das „eine Riesenkatastrophe“. Ein Glück, dass der seit vier Jahren bestehende Lieferservice ihm ermögliche, „wenigstens kostendeckend zu arbeiten. Trotzdem: Wir müssen da alle durch“, bemüht sich Mertens um Zuversicht. 

„Anas Kitchen Bar & Cafe“ denkt an eine Eineinhalb-Stunden-Regelung

Die verbreitet auch Katerina Constanidis als Inhaberin des Restaurants „Anas Kitchen Bar & Cafe“ in Maintal, das feine griechische Hausmannkost bietet. Ihr aus elf Leuten bestehendes Team hat sich in der Krise auf fünf Personen reduziert. „Wir öffnen heute. Und das können wir, weil wir groß sind“, freut sie sich. 60 Gäste hätten laut den neuen Vorschriften im Innenraum Platz, im Außenbereich seien es 40 Leute. Constanidis will zwei bis drei Wochen lang beobachten, ob sich der Aufwand lohne. Sie habe die Speisekarte reduziert auf den Umfang der „Delivery-Karte“, nach der ausgeliefert werde. „Im schlimmsten Fall machen wir nur noch Takeaway und Lieferservice“, sagt sie. 

Katerina Constanidis, Chefin des Lokal „Anas“ in Maintal, rückt die Tische im Außenbereich und probiert aus, wie die Gäste ab heute sitzen können.

Geplant sei auf jeden Fall eine Eineinhalb-Stunden-Regelung mit Zeitfenstern: Die ersten Gäste seien für 17 Uhr eingeplant, die dritte und letzte Schicht dann für etwa 20 Uhr. Ideen für die weitere Gestaltung hat die Chefin auch schon im Kopf: Zum Beispiel Veranstaltungen wie Cocktails to go mit Musik. Ihre Kreativität lasse sie sich nicht nehmen, auch wenn sie findet, dass der betriebene Aufwand in Sachen Corona zu viel ist. 

18 bis 20 Gäste im Innenbereich des „Hessenschmaus“

Beim „Hessenschmaus“ an der Heldenberger Straße in Nidderau hat Pächterin Fidan Durna draußen im Freien schon schwer gearbeitet: Alles ist mit Panzer- und mit Klebeband markiert – wo die Leute sitzen können, wo und wie sie laufen sollen. Pfeile weisen den Weg. Normal kann die Gastronomin in den Außenbereichen vorne 100 und hinten 80 Gäste platzieren. Jetzt dürfen im Biergarten anstelle von 100 maximal 30 Gäste sitzen. „Innen ist es noch schlimmer“, sagt Durna. 

Aus dem eng geschnittenen 100 Quadratmeter großen Gastraum musste sie jeden zweiten Tisch entfernen, für den Durchgang zu den Toiletten mussten weitere Tische weichen. So kann sie 18 bis 20 Gäste drinnen bewirten. Überall stehen Desinfektionsspender. Und da der Ausgang nicht mit dem Eingang identisch sein dürfe, habe man den Ausgang nach hinten verlegt. Das Herz blutet Durna auch angesichts der neuen Speisekarten, die sie vor zwei Wochen gerade liebevoll neu gestaltet hatte. „Die darf ich nicht mehr auslegen, damit dort keine Keime haften bleiben“. Sie habe die Karte auf eine Seite verkürzen und einlaminieren müssen. „Die Karte muss nach jedem Benutzen desinfiziert werden.“ 

Zwar habe die Stadt Nidderau die Miete für das Lokal ausgesetzt und auch die Stromkosten seien vorübergehend verringert worden. Doch helfe all das nur bedingt. Als kleine Anekdote am Rande berichtet Durna, dass sie im Großmarkt vergeblich versucht habe, Portionstütchen mit Salz und Pfeffer zu kaufen – Fehlanzeige. Salz- und Pfefferstreuer auf den Tischen sind verboten. „Da bleibt uns nur, die Gäste über große Salz- und Pfefferstreuer zu versorgen“, muss Durna bei aller Skepsis schmunzeln.

Alltags-Gastronomie im Schloss Philippsruhe bleibt geschlossen

Im Schloss Philippsruhe bleibt die Alltags-Gastronomie von Thorsten Bamberger vorerst geschlossen. Aus betriebswirtschaftlichen Gründen sei ein Betrieb von Schlossterrasse, Gewölbekeller und Biergarten aktuell nicht möglich“, bedauert er. 

Veranstaltungen wie Hochzeiten, geschlossene Gesellschaften und Catering werden laut dem Location Manager der Schloss-Gastronomie, Bob Riemer, jedoch wieder angeboten. „Unsere Idee vom Erlebnis Gastronomie sieht anders aus als das, was jetzt mit den aktuellen Vorschriften möglich ist“, begründet Riemer die nach langen Überlegungen getroffene Entscheidung. Es gehe darum, dass die Gäste entspannt zusammenkämen, sich wohlfühlen und Spaß haben könnten, das sehe man mit den vorgeschriebenen Regularien nicht. „Aber wir beobachten die Situation sehr genau“, so Riemer abschließend.

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