Inhalte oft unbekannt: Ganz banale Substanzen wie Pflanzendünger werden als Drogen konsumiert und sind extrem gefährlich. Foto: Andrea Euler

Gelnhausen

Drogenexperte warnt vor neuen psychoaktiven Substanzen

Gelnhausen. Karsten Tögel-Lins ist zu Hause in der Welt der Drogen, der Welt des Wegdriftens. Er ist zuständig für die „Legal highs“ bei „Bas!s“, einem gemeinnützigen Frankfurter Verein, dessen Ziel die Hilfe für drogenabhängige Menschen und deren Angehörigen und die präventive Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist.

Von Andrea EulerTögel-Lins gehört zu den Gastreferenten, die im Rahmen der Feierlichkeiten zum 20-jährigen Bestehen des Fördervereins Suchtprävention, der die Drogenberatungsstelle Gelnhausen/Schlüchtern unterstützt. Die Fachtagung hat den Titel: „Suchtprävention am Puls der Zeit“.

Neue psychoaktive Substanzen (NPS), stehen im Mittelpunkt des Vortrag des Leiters des Sucht- und Drogennotrufs Hessen, der seinen Vortrag trocken einleitet mit den Worten: „Man glaubt, man weiß alles – und dann kommen neue psychoaktive Substanzen daher.“ Um zu erklären, worum es sich handelt, muss der Fachmann in der Geschichte ein paar Jahrzehnte zurückgehen: bis 1961 und 1971, als es zwei Konventionen gab, mit denen verschiedene Substanzen verboten wurden.

Neue psychoaktive Substanz

„Alles, was danach kam, ist eine neue psychoaktive Substanz“, berichtet Tögel-Lins, die sich in die drei Gruppen Räuchermischungen, Badezusätze und als „Research Chemicals“ bezeichnete Grundsubstanzen subsumiert. Von diesen Substanzen kursieren unter den rund 60 Gäste diverse Proben, was Tögel-Lins lächelnd kommentiert: „Ich habe kein Problem, die Sachen rumzugeben, aber bitte: Konsumieren Sie nichts, sonst haben Sie Probleme, meinem Vortrag zu folgen“, setzt der Referent noch einen drauf.

Wohl wissend, dass das Thema für die anwesenden Pädagogen, Sozialarbeiter und Jugendbetreuer noch hart genug werden wird.

Er berichtet rückblickend von „Spice“, einer Kräutermischung, die 2008 die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zog. „Spice war mächtiger von der Rauschwirkung, stärker als Cannabis“, weiß er zu berichten.

„Das war ein Phänomen. Man hat nicht herausgefunden, was drin war.“ Erst eine Analyse belegte den Inhalt von synthetischen Cannabinoiden, die weder Tabak noch Cannabis enthielten – aber Wirkungen erzeugten, die denen von Cannabis ähnlich waren.

Psychoaktive Substanzen im Kommen

„Es gab eine Eil-Unterstellung zu den Betäubungsmitteln, aber die Büchse der Pandora war geöffnet“, beschreibt der Referent die Folge. Seither sind psychoaktive Substanzen im Kommen, und auch wenn laut Statistik in den letzten Jahren die Anzahl neuer Substanzen pro Jahr rückläufig ist: „Das täuscht. Da auch die alten zum Teil auf dem Markt verbleiben, steigt die Gesamtanzahl beständig“, hat Tögel-Lins beobachtet.

Er muss es wissen: In seinem Vortrag wird deutlich, dass der Fachmann sowohl auf europäischer Ebene vernetzt als auch vor Ort kundig ist. Er weiß, wo er in Frankfurt und Offenbach erlaubte, psychoaktive Substanzen erwerben kann.

Er kennt die Internetanbieter europaweit. Er kennt die Vertriebswege, kann die legalen von den illegalen Stoffen unterscheiden. „Eine Droge zu bekommen, hat sich mit zwei Klicks erledigt.“ Und lässt sich mit Paypal bezahlen. Der Referent kennt die Statistiken: „Räuchermischungen“, so sagt er, „machen den absolut größten Teil an psychoaktiven Substanzen auf dem Markt“ aus. Und sie seien eine „komplett andere Substanz als Cannabis“. Letzteres aktiviere den die Rezeptoren im Gehirn nur zu einem ganz bestimmten Prozentsatz – vergleichbar mit dem Autofahren im ersten Gang. Synthetische Cannabinoide dagegen zeigten eine 500 bis 600-fache Wirkung. Vollgas.

Auswirkungen zum Teil noch unbekannt

„Die gleiche Menge aus dem gleichen Päckchen kann völlig unterschiedlich wirken, das macht die Substanzen so gefährlich“, da sie einmal eine schwache Wirkung entfalte, ein anderes Mal jedoch schon für den Weg ins Krankenhaus sorge. Fünf Gramm für 10 000 Dosen – die Dosierung dieser „sehr potenten Mittel“ stelle sich als äußerst schwierig heraus.

Die Durchmischung sei einfach nicht ein wie das andere Mal gewährleistet. Polizisten in Amerika hätten allein schon von der Verwirbelung der Luft beim Öffnen von synthetischen Opioden wie Carfentanil eine Überdosis abbekommen. Die „Differenz zwischen Wirkdosis und tödlicher Dosis“ sei extrem klein.

Das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz stellt den Besitz neuer psychoaktiver Stoffe teilweise unter Strafe. Die Folgen: Nicht nur positive, denn die Meinung taucht auf: „Wenn's ohnehin verboten ist, kann ich auch die alten, illegalen Stoffe wieder nehmen.“

„Im Gesetz ist ganz genau beschrieben, was darunter fällt. Aktuell gibt es immer neue Cannabinoide, die nur eine geringfügig andere chemische Struktur haben – ich könnte es auch vor Ihrer Schule verkaufen. Kein Gesetz verbietet dies im Moment.“

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