Weitermachen, Herrchen! Nora lässt sich von ihrem Herrchen Dieter Kunath allzu gerne kraulen. Im Wachdienst kennt sie kein Pardon. Fotos: Andrea Euler

Main-Kinzig-Kreis

Dieter Kunath züchtet Schutzhunde - auch für sein Geflügel

Main-Kinzig-Kreis. „Du bist eine Feine.“ Wenn Dieter Kunath mit seinen Hunden spricht, dann wird die Stimme des 58-Jährigen auf einmal singend, liebevoll. Die Hingabe zu seinen Tieren, sie ist zu spüren bei dem Bio-Landwirt aus Birstein, der die neun Monate alte Nora offenkundig gar nicht genug kraulen kann.

Von Andrea Euler

Kaum hört er auf, kommt sie mit der Pfote und kratzt an seinem Hosenbein: „Weitermachen, Herrchen!“ Und Kunath macht weiter. „Die Hunde lieben mich, und ich liebe meine Hunde“, sagt er. Dass es Herdenschutzhunde sind, die da seine Zuneigung erbetteln, spielt für ihn keine Rolle: „Es muss Vertrauen aufgebaut werden, sonst wird das nichts mit der Beziehung. Das ist wie mit Menschen.“

Herdenschutzhunde sollen dem Schutz und der Verteidigung einer Herde dienen und werden speziell gezüchtet. „Die Herdentiere sind quasi die Familie des Hundes“, wie der Herr über Hunderte Enten, Gänse, Puten und Perlhühner sagt. Auch Rinder und Ziegen stehen auf den Weiden des 74 Hektar umfassenden Demeter-Betriebs.

Die Hunde bewachen alles, "was man ihnen zum Bewachen gibt"

Wie die Zucht funktioniert, kann Kunath nicht in einer Abfolge von Schritten beschreiben. Die individuelle Beziehung stehe im Mittelpunkt, und klar müsse sein: „Der Hund muss sich an mir orientieren, nicht umgekehrt.“ Genauso klar: „So einen Hund kann man nur dirigieren, aber nicht bestrafen. Wenn man diese Hunde bestraft, hat man verloren. Die sind so was von stolz, da ist das Verhältnis gebrochen.“

Angeschafft hat Kunath, der im Betrieb seines Sohnes Sebastian mitarbeitet, die Hunde, „ohne dass hier in der Region von Wölfen die Rede war“. Stattdessen seien „zwei- und vierbeinige Füchse“ der Grund gewesen, zudem Habichte und Raben. Sachbeschädigung und Diebstähle auf der einen Seite, Fressfeinde auf der anderen.

Kunath lässt seine Hunde nicht auf Schafe aufpassen, wie zu vermuten wäre. Seine Hunde bewachen das Geflügel auf dem Hof. „Das spielt aber keine Rolle, die bewachen alles, was man ihnen zum Bewachen gibt. Unsere Hunde werden auch von Schaf- und Rinderhaltern gekauft und eingesetzt.“

Wie geht man sinnvoll mit dem Fressfeind Wolf um?

Generell ist Kunath ein Freund deutlicher Worte: In der aktuell oft hitzigen Diskussion um den sinnvollen Umgang mit Wölfen sagt er: „Die eine politische Seite möchte alles haben, aber nichts dafür tun. Und die andere möchte die Tiere abschießen. Nun muss man sagen: Der Wolf ist nicht vom Aussterben bedroht. Aber es soll schon eine Vielfalt geben.“

Eine Position zwischen den beiden vorherrschenden Standpunkten also. Klar ist für Kunath aber das Versagen der Politik: „Natürlich müssen die Landwirte entschädigt werden und zwar mit einer unkomplizierten Regelung.“

Warum die Regierung „unkritisch dem einen Anbieter 6000 Euro für einen Herdenschutzhund anbietet, nur weil der sich gut verkaufen kann, wenn es einen Wettbewerber gibt, der 2000 Euro für einen solchen Hund haben will“, erschließt sich ihm nicht. „Da ist Geld da, und auf der anderen Seite werden die Landwirte geschröpft, und die Politik hält sich raus“, sagt Kunath bitter.

Alpakas und Hunde als gute Alternativen zum Elektrozaun

Die derzeit diskutierten Alternativen zu den Hunden: Elektrozäune – oder auch Alpakas oder Lamas. „Elektrozäune können Sie vergessen“, so der Fachmann. „Der Wolf springt so hoch wie der Fuchs, das ist nur Geldmacherei.“ Den Alpakas kann er da schon mehr abgewinnen, wobei er sagt: „Ich selbst habe noch keine Erfahrung damit, aber von anderen höre ich da schon Positives.“

Ein Wolf, sagt Kunath, „teilt sich seine Kraftreserven ein. Er ist kein Mensch, der sich blödsinnig rumstreitet um jeden Mist.“ Seit 2010 hat er die ersten Pyrenäen-Berghunde bei sich, für die er sich – einer Kindheitsbegeisterung folgend – entschied, weil er seinerzeit die Reihe „Belle und Sebastian“ im Fernsehen gesehen hatte.

Einen Welpen und eine Hündin holte er damals zu sich. „Herdenschutzhunde existieren seit zirka 4000 Jahren. Die sind rein gezüchtet für die Arbeit, der Genfaktor ist besser als bei anderen“, erklärt der Züchter.

"Bei manchen ist die Hemmschwelle weit oben, bei anderen weit unten"

Schutzhunde wiegen zwischen 40 und 60 Kilogramm bei einer Körpergröße von etwa 65 bis 80 Zentimetern. Wenn sie in der Herde aufwachsen, kommen sie mit den Hütehunden problemlos klar. Seine Hunde, so Kunath, haben noch nie einen Menschen gebissen, aber „man sollte für die Spaziergänger schon Schilder zur Information aufstellen“.

Drei Hunde, so schätzt der Profi, sind nötig, um eine Herde mit 500 Schafen zu schützen, „wobei es natürlich auch auf die Lage der Fläche ankommt“. Zehn Jahre werden sie im Schnitt alt, mit zwei Jahren sind sie erwachsen.

Und: „Es gibt verschiedene Rassen bei den Herdenschutzhunden. Bei manchen ist die Hemmschwelle weit oben, bei anderen weit unten.“ Bei den italienischen und asiatischen Rassen sei das Aggressionsgebaren ein anderes. Aber „wir haben auch zwei asiatische – da bin ich positiv erstaunt“.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema