100-Tage-Bilanz mal anders: HA-Redakteurin Yvonne Backhaus-Arnold hat sich mit Gelnhausens Bürgermeister Daniel Glöckner zum Stadt-Spaziergang getroffen. Im Hintergrund: die Joh-Immobilie, in der ein Outlet entstehen soll. Das Objekt beschäftigt den neuen Bürgermeister seit seinem ersten Arbeitstag. Foto: Bender

Gelnhausen

Daniel Glöckner: Seit 100 Tagen Bürgermeister in Gelnhausen

Gelnhausen. Am 16. Oktober hat Daniel Glöckner die Stichwahl gewonnen. 63,5 Prozent der Stimmen hat der FDP-Mann geholt. Anlässlich der ersten 100 Tage als Bürgermeister von Gelnhausen, haben wir uns mit Glöckner zum Bilanz-Spaziergang getroffen.

Von Yvonne Backhaus-Arnold

Frau Bonzelius steuert ihr kleines Auto durch die enge Gasse Richtung Gelnhäuser Obermarkt. Die alte Dame entdeckt Daniel Glöckner. Die Bremsen quietschen. „Na mein Bub“, ruft sie ihm durchs offene Fenster zu, „wird Zeit, dass ich wieder in mein Haus zurück kann.“ Glöckner ist um keine Antwort verlegen: „Ei, sind doch nur noch zwei Monate. Das schaffen sie auch noch.“

Es ist der 20. November 2017. Daniel Glöckner ist vier Tage zuvor als neuer Verwaltungschef der Barbarossastadt vereidigt worden. Sein Handy klingelt. So früh am Morgen wird er eigentlich nicht gerne gestört. Der Anrufer gibt nicht auf. Es ist ein befreundeter Feuerwehrmann. In der Röther Gasse um die Ecke brennt es. Fachwerk, 15. Jahrhundert. Drei Tage im Amt, und die Stadt brennt ab, denkt Glöckner und sprintet aus dem Haus – ohne Duschen und Rasieren. Das Gebäude steht in Flammen, die Katze, die es später landesweit in die Nachrichten schafft, wird gerade wiederbelebt. Glöckner kennt die Familie schon ewig, nimmt Frau Bonzelius in die Arme.

Glöckner ist tief verwurzelt„In ein paar Wochen kann sie wieder einziehen“, sagt der 40-Jährige und deutet auf das Eckhaus, in dem sich das Drama im November abspielte. Bei unserem Spaziergang durch die Stadt weiß Glöckner viel zu erzählen zu Straßenzügen, Plätzen, Gebäuden . . . was er vor hat, was die Politik bereits auf den Weg gebracht hat. Immer wieder wird er von Passanten angehalten, Händeschütteln, kurzer Plausch. Fast jeden scheint er mit Namen zu kennen. Kein Wunder: Glöckners Familie mütterlicherseits lebt seit 300 Jahren hier.

Als ausgebildeter Stadtführer kennt er die Geschichte seiner Heimat natürlich aus dem Effeff. Als früherer Leiter der Konzernkommunikation der Veritas AG kann er sie auch verkaufen. 19 Jahre und 45 Tage war er bei dem Automobilzulieferer. Der Abschied nach dem Sieg bei der Bürgermeisterwahl ist schwer gefallen. Aber jetzt ist er Bürgermeister der 23 000-Einwohner-Stadt. Eine erste Bilanz? „Nein, nein“, sagt Glöckner. Nach einem Jahr könne man dem Bürgermeister ein Zeugnis ausstellen, aber nicht nach 100 Tagen, zumal die hauptsächlich aus Antrittsbesuchen, Weihnachtsfeiern und Neujahrsempfängen bestanden hätten.

Den Empfang der Stadt Gelnhausen hat der Neue kurzweilig gestaltet – ohne lange Rede, dafür mit viel Zeit zum Austausch. Darauf setzt er auch im Rathaus, im Magistrat und im Parlament. „Ich versuche, die Fraktionsvorsitzenden frühzeitig einzubinden. Ich bin für Gelnhausen gewählt, und wir müssen gemeinsam für Gelnhausen entscheiden“, sagt Glöckner, der das politische Miteinander als „harmonisch“ bezeichnet.

Bürgermeister sieht sich auch als StadtplanerUnser Spaziergang durch die Stadt führt zur Berliner Straße, hier soll der Parkplatz einem Parkhaus weichen. „Die Varianten werden gerade gezeichnet“, erklärt Glöckner, der sich auch als Stadtplaner sieht. „Wir diskutieren seit 15 Jahren über Parkplätze, jetzt ist es Zeit, auch mal was zu tun, aus dem Schlaf zu kommen.“ Für die Röther Gasse, die jetzt hinter uns liegt, hat Glöckner auch Ideen. Hier, wo sich einige Kneipen und Restaurants befinden und demnächst ein Hotel einziehen wird, könnte eine Fußgängerzone entstehen, der Verkehr wird künftig nur noch über die Berliner Straße laufen.

Der eisige Wind bläst uns ins Gesicht, und wir schlagen den Weg gen Müllerwiese und ehemaliges Kaufhaus Joh ein. Outlet? „Ja, lassen Sie uns gleich darüber sprechen.“ Erstmal will er über den Fürstenhof reden – der war mal ein Hotel, dann Flüchtlingsunterkunft, ist jetzt wieder in städtischer Hand und seit mehr als zwei Jahren ungenutzt.

Auch hier hat Glöckner Ideen, gibt sich aber diplomatisch. Erst soll der Magistrat informiert werden, dann alle anderen aus den Zeitungen. Als Mann der Sprache hat Glöckner allen Mitarbeitern der Verwaltung eine persönliche Weihnachtskarte geschrieben, was viel sagt über den 40-Jährigen, der Mitglied im Lego Club ist und Stadtpläne sammelt. „Ich bin nicht der Dynamit Daniel, ich schaue erstmal, höre zu.“

Outlet dominiert Wahlkampf und DienstantrittZurück zum Outlet. Das hat nicht nur den Wahlkampf dominiert, sondern auch den ersten Arbeitstag des neuen Bürgermeisters. Um 11 Uhr wartete der Projektmanager der Barbarossa City Outlet GmbH. Da war noch alles gut. Bis zum 4. Februar sollte er dem Magistrat unterschriebene Mietverträge für mindestens 50 Prozent der geplanten Ladenflächen im ehemaligen Kaufhaus Joh vorlegen.

Einige Vertragspunkte blieb er schuldig, hat nun noch einmal vier Wochen Zeit zum Nachbessern. Am Sonntag, 4. März, um Mitternacht, wäre Schluss, der Vertrag hinfällig, wenn die Vorgaben nicht eingehalten werden. Glöckner hofft noch, sieht nicht Schwarz. Am Outlet würde er gerne festhalten, „damit Gelnhausen sich von anderen Innenstädten abhebt“, eventuell auch gemeinsam mit Wohnungen und einem Teil des Rathauses – so wie er es im Wahlkampf vorgeschlagen hatte. „Ich schaue da jetzt nach vorn, etwas anderes bringt doch auch nichts.“

Klare KanteGlöckner hofft – natürlich – auf die Entwicklung der Immobilie, die seit fast fünf Jahren leer steht, und darauf, dass durch sie Schwung in die Stadtentwicklung kommt. Bei all seinem Tun ist sich der 40-Jährige nie zu schade, sich Rat zu holen – von anderen Bürgermeistern oder politischen Weggefährten.

Gemeinsam mit den Magistratskollegen hat er klare Kante gezeigt gegen eine der sieben Trassenvarianten für die Bahnstrecke Hanau-Fulda. Lärmbelastung, Naturschäden, Dauerbaustellen – all das sieht Glöckner bei Variante I auf Gelnhausen und einige der Stadtteile zukommen, und es macht ihn zutiefst unglücklich, dass er – bis auf die abgegebene Stellungnahme – keine Handhabe dagegen hat.

Eine leere Wand als ZielNach eineinhalb Stunden sind wir zurück im Rathaus. Kaiser Barbarossa hängt hinter Glöckners Schreibtisch – seine Unterstützer haben ihm das Bild nach dem Wahlsieg geschenkt. Eine Wand ist schon neu gestrichen – weiß statt braun; die anderen sollen demnächst folgen.

Den großen Schreibtisch seines Vorgängers hat er aussortiert, einen 90 Jahren alten, viel kleineren vom Dachboden des Lebensgefährten seiner Mutter geholt. Im Büro fehlt nur noch die Wand mit den 180 Ideen der Gelnhäuser Bürger, die Glöckner im Wahlkampf gesammelt hatte. „Es wäre toll“, sagt er und lacht, „wenn diese Wand am Ende meiner Amtszeit leer wäre.“

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