„MyChallenge2021“: Mit ihrer Radtour im Oktober will Carina Hilfenhaus zeigen, dass das Leben auch mit Krankheit lebenswert ist.
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„MyChallenge2021“: Mit ihrer Radtour im Oktober will Carina Hilfenhaus zeigen, dass das Leben auch mit Krankheit lebenswert ist.

Jeder Tag ist ein Geschenk

Carina Hilfenhaus sagt ihrer Krankheit den Kampf an – „Mychallenge2021“ feiert das Leben

  • vonKevin Bien
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Carina Hilfenhaus aus Freigericht hat nach mehreren Schicksalsschlägen zurück ins Leben gefunden. Trotz ihrer seltenen Erkrankung will sie sich einer besonderen sportlichen Herausforderung stellen – und anderen Menschen Mut machen.

Region – „Ich bin noch am Leben.“ Wo andere ihren Instagram-Account beschreiben und ihre Themen ankündigen, steht bei Carina Hilfenhaus dieser Satz. Direkt daneben ein hell leuchtender Stern. Ein Statement. Selbstverständlich? Für die Mehrheit der Menschen schon – für die 35-Jährige aber nicht. Und auch wenn der Satz auf den ersten Blick etwas befremdlich wirkt, so beschreibt er doch perfekt, wofür die junge Frau einsteht: Anderen Menschen zu zeigen, wie wertvoll das Leben ist.

Im Oktober will sie eine mehrtägige Biketour in und um Garmisch-Partenkirchen absolvieren – mit im Gepäck: Ein Herzschrittmacher, eine tückische Krankheit und der unbändige Wille zu beweisen, was eine positive Lebenseinstellung bewirken kann.

Immer positiv trotz Krankheiten

„Dass mein Mann und ich noch am Leben sind, ist ein Wunder“, erzählt die Mutter der elfjährigen Josephine in ihrem Haus in Freigericht-Somborn. Wer ihr heute zuhört, erlebt eine lebensfrohe, begeisternde junge Frau. Voller Elan und immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Ihre gute Laune und positives Denken sind ansteckend. Dass das nicht immer so war, ist schwer vorstellbar. Nichts deutet darauf hin, dass die 35-Jährige eine jahrelange Tortur hinter sich hat.

Sie lässt sich das Strahlen nicht nehmen: Carina Hilfenhaus trotzt ihrer seltenen Erkrankung.

„Da war ein ganz warmes Licht. Ich habe gedacht: So muss sich absoluter Friede anfühlen“, mit diesen Worten beschreibt die Mutter ihre Nahtoderfahrung, die sie im Oktober 2015 während ihres zweiten Herzstillstandes erlebt hat. Bereits vier Jahre zuvor musste sie während eines Fluges reanimiert werden. Die Ursache ist das sogenannte Sick-Sinus-Syndrom, eine Vereinigung mehrerer Herzrhythmusstörungen. 2017 dann der nächste Schock: Im Krankenhaus erhält die Sombornerin die Diagnose „Pseudotumor cerebri“. Die bisher kaum erforschte neurologische Krankheit ist vergleichbar mit einem Hirntumor. Die Folge: Bis heute muss die 35-Jährige täglich Medikamente einnehmen und sich regelmäßig Nervenwasser zur Senkung des Hirndrucks entnehmen lassen.

Nahtoderfahrung in 2015

Kaum zu glauben: Während dieser Krankheitsgeschichte gründet Carina Hilfenhaus mit einer Geschäftspartnerin einen überaus erfolgreichen ambulanten Pflegedienst. Aus einer Handvoll Mitarbeitern werden schon bald 50. Dass sie in dieser Zeit Raubbau an ihrem eigenen Körper betreibt, ist ihr heute klar – damals nicht. Da galt für sie das Prinzip „höher – schneller – weiter“. Diesem Prinzip folgte sie bis aufs Äußerste. Als ihr nach dem zweiten Herzstillstand ein Herzschrittmacher eingesetzt wird, sitzt sie zwei Tage später wieder am Schreibtisch. „Ich habe der Firma viel gegeben, aber sie hat sich auch viel genommen“, sagt sie heute dazu. Als es ihr immer schlechter geht und ihr Mann Tobias 2019 wegen Darmkrebs in Lebensgefahr schwebt, nimmt die 35-Jährige ihre letzte Kraft zusammen und trifft die Entscheidung, ihr Leben komplett zu ändern.

Dafür trennt sie sich im vergangenen Jahr von Menschen und Dingen, die ihr nicht mehr guttun. Dazu zählt auch ihre Firma. Nicht jedem gefällt das, doch das ist Hilfenhaus egal. Seit sie ihr Leben geändert hat, sei für sie „nur Gutes passiert“. Sie habe gelernt, nein zu sagen und sich nur noch auf das zu konzentrieren, was ihr wirklich wichtig ist: Angst vor dem eigenen Tod habe sie keine, aber ohne ihre Familie zu leben, das sei für sie undenkbar. Ihre Krankheit hat sie nicht nur akzeptiert, sondern daraus positive Energie gewonnen. „Ich hege keinen Groll“, sagt die junge Mutter daher auch bemerkenswert reflektiert. Vielmehr möchte sie mit ihrem Projekt „MyChallenge2021“ zeigen, dass das Leben auch mit Krankheit lebenswert ist.

Radtour soll Vorbildcharakter haben

Für ihre Radtour vom 11. bis 17. Oktober hat sie mithilfe der Sponsoring-Plattform „Sponsoo“ namhafte Unterstützer wie die Barmer, die Deutsche Herzstiftung und die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie gewinnen können. Zudem erhält sie Unterstützung durch das Bikecenter München und den Tourismusverband Garmisch-Partenkirchen. Das Interesse an ihrer Geschichte ist riesig. Das HR-Fernsehen hat bereits einen Beitrag gedreht, der Ende März ausgestrahlt werden soll. Aber auch über ihren eigenen Instagram-Account geht Carina Hilfenhaus sehr offen mit ihrem Leben um, teilt die schönen Momente, aber auch Schattenseiten ihres Lebens, um anderen Mut zu machen. Ein „Seelen-Striptease“, wie sie selbst schmunzelnd dazu sagt.

Um ihre Challenge zu schaffen, trainiert sie derzeit meist bis zu fünfmal die Woche: Radfahren, Laufen gehen und Fitnessübungen stehen auf dem Programm. Und ihre Erfolge sind beachtlich: Konnte die 35-Jährige im September 2020 nur acht Minuten am Stück gehen, schafft sie es heute, mehrere Kilometer hintereinander zu joggen. Ihr nächstes Ziel sind zehn Kilometer. Dabei empfindet sie die Einheiten nicht als Belastung – im Gegenteil: „Der Sport ist meine Kraftquelle“, wie sie selbst sagt. Um sich professionell auf die Radtour vorzubereiten, stehen der Sombornerin mit Olympiasiegerin Miriam Welte und der Triathletin Laura Chacon Biebach zwei erfahrene Coaches zur Seite.

Viele Ideen, aber kein Druck

Neben der Challenge hat die junge Mutter bereits zahlreiche weitere Ideen für die Zukunft. Sie möchte dabei helfen, ihre Krankheit zu erforschen und ein spezielles Sport-Programm für Betroffene zu entwerfen. Darüber hinaus steht sie vor der Fertigstellung eines Buches und möchte mit ihrer Lebensgeschichte als Rednerin andere begeistern. Druck machen will sich Carina Hilfenhaus aber nicht, sondern sich einfach vom Leben leiten lassen. Oder wie sie selbst sagt: „Ich lebe, und das ist das Beste, was ich für heute erreichen kann.“ (Kevin Bien)

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