Büdingen

NPD in Büdingen: Riesiges Polizeiaufgebot und Geschäftseinbußen

Büdingen. Der Bürgermeister von Büdingen, Erich Spamer (FWG), hat es nicht leicht in diesen Tagen. Wieder hat die NPD mit ihrer als Jahresempfang angemeldeten und später zum Rechtsrock-Konzert umfirmierten Veranstaltung in der Willi-Zinnkann-Halle der Stadt in der Wetterau negative Schlagzeilen beschert.

Von Jutta Degen-Peters

Ein Riesenpolizeiaufgebot am Samstag, der gezeigte Hitlergruß, zwei nächtliche Festnahmen. Um den Hausmeister zu entlasten, schoss Spamer, dem das Verwaltungsgericht das von der Stadt verfügte Veranstaltungsverbot gekippt hatte, die Halle am Samstagmorgen selbst auf.

Klein beigeben will der Bürgermeister trotz mehrfacher Niederlagen vor Gericht auch bei früheren Versuchen, die rechtsextreme Partei in die Schranken zu weisen, deshalb aber keineswegs. Er hofft darauf, dass die Satzungsänderung am 25. Januar durchkommt, auf die sich die Fraktionen im Stadtparlament verständigt haben. Diese soll künftig die Nutzung der Willi-Zinkann-Halle generell für Parteiveranstaltungen verbieten. Mit den Kommunen Wetzlar und Weinheim, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie Büdingen, will sich Spamer in den nächsten Tagen in Verbindung setzen und erhofft sich, wie er gestern gegenüber unserer Zeitung erklärte, noch Ideen.

Großaufgebot der Polizei

Am Samstag präsentierte sich Büdingen ihren wenigen Besuchern in trüb-grauem Schmuddelwetter. Die Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort, unzählige Mannschaftswagen standen auf dem Parkplatz hinter der Halle, durch die Straßen patrouillierten immer wieder Streifen, im Auto, zu Fuß und zu Pferd. Möglicherweise war die aus vier Personen bestehende Reiterstaffel für den Fall im Einsatz, dass es Konflikte in den schmalen Gassen der Altstadt geben könnte.

Vor der Halle hielten sich immer wieder mehrere Besucher der Parteiveranstaltung rund um den in Büdingen lebenden Daniel Lachmann auf. Befragte Bürger erklärten, dass wohl hauptsächlich seinetwegen in ihrer Stadt so viele NPD-Wähler lebten. Bei der Kommunalwahl von 2016 holte die rechtsextreme Partei 10,2 Prozent der Stimmen und sitzt nun mit vier Vertretern im Stadtparlament. Im Oktober 2018 änderte sich das Bild. Sie bekam nur noch 3,1 Prozent der Stimmen (17,3 Prozent entfielen auf die AfD).

Unmut unter den Bürgern

„Für mich ist die NPD verfassungswidrig“, erklärte Bürgermeister Spamer am Sonntag. „Aber mir ist lieber, sie agiert öffentlich.“ So könne er dem Bürger klarmachen, mit wem er es zu tun habe. Rechtsrock-Konzerte wie das am Samstagabend sind ihm deshalb ein besonderer Dorn im Auge, weil dort versucht werde, auf subtile Art junge Leute einzufangen, die noch kein kritisches Bewusstsein entwickelt hätten.

Der Unmut ist auch unter den Bürgern groß. Unweit der Halle versammelten sich rund 30 Jusos zu einer Mahnwache. Die Linke protestierte mit Besen und wollten den brauen Spuk aus der Stadt kehren. In der Bahnhofstraße hatten einige Mitglieder des Bündnisses für Demokratie und Vielfalt Aufstellung bezogen und wiesen Passanten an den gesperrten Straßen rund um die Halle auf die braunen Umtriebe hin. „Wir haben beschlossen, uns breiter aufzustellen“, erklärte Pfarrer Andreas Weik, einer der Sprecher des Bündnisses.

Rund 800 Bürger hätten sich der aktuellen Kampagne „Ich zeige Gesicht“ angeschlossen. Die Plakate hängen in Geschäften aus, sollen bald vielleicht in Kinos laufen. Ideen haben die Bündnis-Mitglieder reichlich. „Wir wollen nicht immer nur reagieren, wenn die NPD eine Veranstaltung ankündigt, wir müssen uns offensiver einmischen“, sagt Weik.

Das sagen Geschäftsleute

Der pensionierte Lehrer Wolfgang Jeensch pflichtet ihm bei: „Büdingen darf nicht länger als Standort für Hassbotschaften in den Köpfen sein.“ Mehr Wissen über die kommunalpolitischen Verhältnisse vor Ort würden manchen vielleicht auch zum Umdenken bewegen, glaubt er. Außerdem wünscht sich das Bündnis eine stärkere Beteiligung von Geschäftsleuten, denn die spüren die Auswirkungen des braunen Spuks auch.

Im türkischen Gemüseladen am Kreisel spricht der Inhaber von einem ruhigen Tag. „Wir haben zeitweise Däumchen gedreht.“ Ein Schuhhaus hat „aus Sicherheitsgründen“ bereits um 15.30 Uhr dichtgemacht. Beim Modehaus Müller-Ditschler hingegen heißt es, das Geschäft sei normal gewesen.

Rentner: "Viel zu aufgeblasen“

Aber Bürgermeister Spamer berichtet von Anrufen bei seiner Tourismus-Abteilung. „Was ist denn bei euch in Büdingen los?“, heiße es da immer wieder. „Sollen wir die geplanten Besuche lieber verschieben?“ Die 21-jährige Studentin Tamara Rösch, die sich an der Juso-Mahnwache beteiligte, stellt fest, dass der Name ihrer Heimatstadt bei Auswärtigen mittlerweile oft mit rechten Ideen in Verbindung gebracht werde.

Ein älterer Rentner findet das Polizeiaufgebot völlig übertrieben und „den ganzen Spuk viel zu aufgeblasen“. Bei einem Unfall rufe man vergeblich nach der Polizei, hier sei sie aus der ganzen Region zusammengezogen. „Es ist eine Gratwanderung“, betont der Bürgermeister. „Wir wissen schließlich nicht was passiert, und wir müssen gewappnet sein für den Fall, dass die Rechten auf linke Chaoten treffen“.

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