Andacht und Ehrfurcht in der Leder-Kombi: Beim Gottesdienst in der Niedergründauer Bergkirche mit Motorradpfarrer Thorsten Heinrich holten sich Tausende von Bikern den Segen für die Saison. Dabei ging es in der Kirche festlich und unkonventionell zugleich zu. Fotos: Bergmann

Main-Kinzig-Kreis

Born to be wild: Zum "Anlassen" gab es das Ja-Wort

Main-Kinzig-Kreis. Wer den Steppenwolf-Titel „Born to be wild“ hört, denkt nicht unbedingt an die Kirche. Andrea und René Losekann schon. Das Paar, das sich inmitten unzähliger Motorradfahrer in der Bergkirche Niedergründau das Ja-Wort gab, hat sich das alljährliche „Anlassen“ bewusst für diesen besonderen Tag ausgesucht.

Von Jutta Degen-Peters

Vor allem deshalb, weil der Gottesdienst vom Motorradpfarrer Thorsten Heinrich gestaltet wird. Denn Heinrich, seit fünf Jahren Motorradpfarrer der Landeskirchen Hessen Nassau und Kurhessen-Waldeck, ist für sie und auch für Tanja und Klaus Hartmann aus Florstadt, die sich den Segen für ihre Silberhochzeit abholten, ein besonders glaubwürdiger Pfarrer. Einer, der unkonventionell daherkommt – was spätestens deutlich wird, wenn die Besucher die unzähligen Maschinen vor dem Kirchenportal sehen – und das Motorrad vor dem Altar.

In diesem Jahr dürften es rund 5000 Biker gewesen sein, die mit ihren Maschinen zur Bergkirche fuhren. Die meisten von ihnen nicht zum ersten Mal. Denn der unkonventionelle Gottesdienst, bei dem ihnen der Segen mit dem Wunsch nach einer unfallfreien Saison erteilt wird, hat für die Frauen und Männer in Lederkluft – Menschen im feinen Zwirn waren allerdings auch zugelassen – wegen der Rockmusik zwischen den Worten des Pfarrers und dessen Predigt eine große Anziehungskraft.

Im Alter von 50 Jahren das Ja-Wort Denn Heinrich, der in Lederhose und -Stiefeln vor dem Altar steht, ist ein Mensch, der Lockerheit mit Tiefgang zu verknüpfen vermag. Er findet an diesem Tag schöne und treffende Worte für die beiden Paare. Für die Losekanns, die sich beide im Alter von 50 Jahren das Ja-Wort geben. Sie in Jeans und mit Bluse. Nur die Stiefel lassen Rückschlüsse darauf zu, dass sie an diesem Tage mit ihrer Triumph zur Kirche gekommen ist. Und für die Hartmanns, die seit vielen Jahren regelmäßig im Frühjahr zum Anlassen fahren und heute mit zwei Motorrädern da sind. Tanja Hartmann hatte das Mitfahren auf dem Sozius leid und hat sich den Führerschein zum 40. Geburtstag gewünscht.

In Pfarrer Heinrichs Predigt geht es um Vertrauen. Das sich dem anderen völlig in die Hand Geben sei für gemeinsame Fahrten auf dem Motorrad ebenso wichtig wie für eine Ehe, sagt er. Ganz gleich, ob man sich vorher schon länger kannte oder nicht. Und auf Touren komme man mit der eigenen Maschine wie auch in einer langen Beziehung erst nach längerem „Einfahren“.

Pfarrer Heinrich auf dem MotorradDie Kirche in Niedergründau ist an diesem Tage rappelvoll. Die Besucher sind – mit und auch ohne Motorrad – von weit her gekommen. Sie hören gerne, wenn der Motorradpfarrer spricht, der das Motorrad, das deutlich sichtbar vor dem mit vier Motorradhelmen geschmückten Altar steht, nicht zum Goldenen Kalb erklärt. „Meine Gottesdienst-Besucher müssen wissen, dass sie nicht wegen des Motorrades kommen, sondern wegen Gott“.Dass mancher da gerne das eine mit dem anderen verknüpft, zeigen auch die beiden Paare, die ihre Kinder an diesem Tag taufen lassen.

Die Warteliste beim Motorradpfarrer ist lang. Die Eltern eines der Täuflinge hatten letztes Jahr vergeblich auf einen Termin gewartet. Also wurde die Taufe um ein Jahr verschoben. Nach dem Gottesdienst steigt das Ehepaar Losekann neben Pfarrer Heinrich aufs Motorrad. Sie führen mit ihm den Konvoi an, der gemeinsam mit 25 motorisierten Polizisten, Ordnern und Tausenden weiterer Motorradbegeisterten in Richtung Festplatz aufbricht. Auch da geht es wieder um Vertrauen – und um das Einhalten von Spiel- und Verkehrsregeln.

Gemeinsames BikenBeim Gemeindefest auf dem Festplatz spielen nicht nur Bands, dort wird auch Verkehrssicherheitstraining angeboten, und eine Gruppe namens „Notruf 110“ versucht, mit Rasern ins Gespräch zu kommen.Dass die Hartmanns oder Losekanns nach dem Gottesdienst und dem Fest nach Hause rasen, steht nicht zu befürchten. Beide Paare haben in vielen Jahren gemeinsamen Bikens gelernt, dass man mit Umsicht am besten zum Ziel kommt – wie in einer Ehe.

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