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Bluttat von Schlüchtern: Neuneinhalb Jahre Haft für Dawit W.

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Dawit W. wurde zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt. (Symbolbild)
Dawit W. wurde zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt. (Symbolbild)

Hanau/Schlüchtern. Ohne nachvollziehbare Hinweise auf ein Motiv ist der Hanauer Prozess um eine Gesichtsverstümmelung am Donnerstag zu Ende gegangen. Das Landgericht verurteilte den Angeklagten zu neuneinhalb Jahren Gefängnis. Der Flüchtling aus Eritrea nahm das Urteil äußerlich regungslos zur Kenntnis.

Von Dieter A. Graber

Am Ende bleibt das Rätsel ungelöst. Was bewog Dawit W., seinen Freund Mustafa zu massakrieren? Richterin Susanne Wetzel stellt resignierend fest: „Das Motiv dieser bizarren Tat, die einen rituellen Charakter hat, lässt sich nicht aufklären.“ Dawit W. schweigt. Und selbst die dürftige Erklärung, die er Verteidiger Ulrich Will verlesen lässt, ist nicht mehr als in Worte gekleidetes Schweigen: Mustafa habe ihn an jenem Abend als „Depp“ beleidigt, ansonsten könne er sich nicht erinnern. Was auch noch bleibt am Ende dieses Verfahrens ist ein mürrisches Unbehagen. Zu viele Versäumnisse hat es gegeben. Was die Arbeit der Polizei angehe, sagt Wetzel, könne man von „Ermittlungspannen“ sprechen. Ärger ist da herauszuhören. So war es unterblieben, Blutspuren am Besteckkasten in der Tatwohnung zuzuordnen, Mobiltelefone auszuwerten, DNA-Spuren zu sichern. Pfusch am Tatort. „Hingegen haben sich die beiden Streifenpolizisten vor Ort vorbildlich verhalten“, betont sie. Die Beamten, von einer Hausbewohnerin alarmiert, hatten die Tür aufgebrochen und den rasenden Dawit W. von seinem Opfer heruntergezerrt. Sie retteten Mustafa das Leben.

Teile der Lebensgeschichte sind erfunden

Jörg Lüders-Heckmann ist Kinder- und Jugendpsychologe. Er sagt, Dawit W. leide an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Laut internationaler Krankheitenliste (ICD-10) ist das eine „Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation (…) mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde“. Doch welche mag das gewesen sein?Die aktenmäßige Lebensgeschichte des Dawit W. ist eine Autobiografie. Zumindest Teile davon sind erfunden. Zum Beispiel, dass er in Italien ein „Hundeleben“ habe führen müssen. Dass er seinen Hauptschulabschluss im ersten Anlauf bestanden habe. Dass er 1997 geboren sei. Zumindest als fragwürdig muss gelten, dass er Misshandlungen, sogar Folter erlebt haben will auf seiner 4400 Kilometer langen Flucht von Eritrea durch den Sudan, die Sahara, übers Mittelmeer nach Bari. An seinem Körper fanden sich keine Narben, wohl aber Tattoos. Der Psychiater will bei ihm einen Intelligenzquotienten von lediglich 55 festgestellt haben. Er hält verminderte Schuldfähigkeit für möglich, sogar die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. Das ist jetzt . . . – nun, sagen wir mal: ein wenig gerichtsfremd in einem Verfahren, das auf lebenslänglich zusteuert.

Angeklagter ist viel älter als er angab

Dawit W. hat sich als angeblich „unbegleiteter minderjähriger Flüchtling“ nach Deutschland eingeschlichen, obwohl er, als Erwachsener, in Italien bereits Asyl erhalten hatte. Es muss Leute gegeben haben, auch unter den Betreuern, die sein wahres Alter ahnten. Es gab Hinweise. Er hätte umgehend abgeschoben werden müssen. Niemand kümmerte sich darum. Für „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ sind pro Jahr bis zu 60 000 Euro fällig. Es ist ein Geschäft.Die Gerichtsmedizinerin Constanze Nies zählt zu den führenden Experten auf dem Gebiet der forensischen Altersdiagnostik. Auf Anordnung der 2. Jugendkammer hat sie Dawit W. untersucht. Anschaulich beschreibt sie ihre Arbeit. Körperbau, Skelettentwicklung, Zahnzustand geben Auskunft über das Alter eines Menschen. Bei dem Angeklagten wurden unter anderem computertomografische Aufnahmen des Schlüsselbeins und Röntgenbilder einer Hand angefertigt. Ein aufwändiges, teures Verfahren mit dem Ergebnis: Dawit W. ist mindestens 26, vielleicht sogar etwas über 30 Jahre alt. Damit fällt er nun unter das Erwachsenenstrafrecht. Eine späte Erkenntnis. Wäre der Fall von vornherein richtig bearbeitet worden, sagt Wetzel, hätte er vorm Schwurgericht verhandelt werden müssen und nicht bei der Jugendkammer.

Staatsanwalt forderte lebenslang

Die Tat vom 7. Oktober 2016, das Zustechen, das Abschneiden von Ohrmuschel und Augenlider, die Todesangst des Opfers, das alles dauerte mindestens 15 Minuten. Wie kann man da von einem „Blackout“ (Lüders-Heckmann) ausgehen? Staatsanwalt Voigt hält ein beeindruckendes Plädoyer. Er fordert eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen der besonderen Grausamkeit dieses Mordversuchs. Verteidiger Will hält höchstens zehn Jahre für angemessen. „Es muss etwas Gravierendes passiert sein, was zu der Tat führte.“ Ratlos klingt das. Will ist ein erfahrener Strafrechtler.

Revision angekündigt

Aber wie grausam muss Grausamkeit sein, damit sie eine Verurteilung wegen Mord rechtfertigt? Die Kammer sieht „nur“ einen versuchten Totschlag. Die Verstümmelungen, so Richterin Wetzel, also das als „grausam“ empfundene Geschehen während der Tat, seien „nicht vom eigentlichen Tötungsvorsatz“ erfasst gewesen. Quälen und Morden als getrennte Vorgänge. Juristenarithmetik ist das. Oberstaatsanwalt Mies sagt später, das Urteil verwundere ihn.Gleichwohl kündigt Verteidiger Will an, Revision einlegen zu wollen. Dies habe er vorher mit seinem Mandanten besprochen. Dawit W. habe „nur einen Anflug von Reue“ gezeigt, konstatiert Richterin Wetzel. Sein Gesicht bleibt auch unbewegt, als er das Urteil hört.

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