Putzig, aber gefürchtet: Auf dem Dachboden zerpflückt der Waschbär gerne Dämmmaterial. Auch ist das Tier eine Bedrohung für heimische Vogelarten.
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Putzig, aber gefürchtet: Auf dem Dachboden zerpflückt der Waschbär gerne Dämmmaterial. Auch ist das Tier eine Bedrohung für heimische Vogelarten.

Süß aber gefährlich

Waschbärenpopulation im Kreis steigt stark an - Tier wird zur Bedrohung

  • Holger Weber-Stoppacher
    vonHolger Weber-Stoppacher
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Region Hanau – Aufgerissene Müllsäcke, ausgeräuberte Vogelhäuschen: Bevor er das erste Mal auftaucht, hinterlässt der Waschbär meistens schon seine Spuren. In Oberissigheim hat Jagdpächter Hans-Walter Schäfer erst vor Kurzem vier Exemplare in einem einzigen Garten gefangen: „Jeden zweiten Tag einen“, berichtet er. Schäfer wird immer dann gerufen, wenn die vermeintlich possierlichen Tierchen mit dem Panzerknacker-Gesicht dem Menschen wieder zu dicht auf die Pelle rücken.

Und das kommt immer häufiger vor. Zum einen, weil es immer mehr Waschbären gibt. Und zum anderen, weil die Tiere die Scheu vor dem Menschen verlieren. Frech sind sie und nicht selten auch bedrohlich, wenn man ihnen zu nahe kommt. Schäfer hat Exemplare in seiner Lebendfalle gehabt, die brachten bis zu 15 Kilogramm auf die Waage. Mit denen sei nicht gut Kirschen essen, weiß der erfahrene Waidmann.

Fangquote um ein Drittel gestiegen

Schäfer führt eine Statistik über die Fangquote in seinem Revier, das sich über die Bruchköbeler Ortsteile Ober- und Niederissigheim sowie Butterstadt erstreckt. Gingen ihm im Jahr 2000 noch 22 Waschbären in die Falle, so sind es im vergangenen Jahr bereits 35 gewesen. Schäfers Beobachtung, dass sich die Tiere stark vermehren, deckt sich mit den offiziellen Zahlen des Deutschen Jagdverbandes. Im vergangenen Jagdjahr, also zwischen dem 1. April 2019 und dem 31. März 2020, haben Jäger in ganz Deutschland mehr als 200 000 Waschbären erlegt. Eine unglaubliche Zahl, so hoch wie noch nie zuvor.

Drahtfallen: Diese seien mittlerweile nicht mehr im Einsatz, weil sie nicht tiergerecht seien, sagt der Niederissigheimer Jagdpächter Hans-Walter Schäfer. Foto: Holger Weber

Nach Auskunft des Jagdverbandes hat sich das Verbreitungsgebiet allein in den vergangenen sieben Jahren nahezu verdoppelt. Am häufigsten kommt er in Brandenburg und in Hessen vor. Dass er in heimischen Gefilden besonders präsent ist, hat seinen Grund. 1934 wurde das erste Pärchen des eigentlich in Nordamerika heimischen Allesfresser von den Nazis am Edersee ausgesetzt, damit die Parteibonzen ihn später bejagen konnten. Besonders groß sei die Population deshalb in Nord- und Mittelhessen, doch mittlerweile gefalle es dem Tier auch immer mehr in den südhessischen Gefilden, weiß Thomas Schäfer, Sprecher des hessischen Jagdverbandes mit Sitz in Bad Nauheim.

Seit immer mehr Wildkameras in den heimischen Gärten angebracht werden, hat auch die Zahl der Beweisfotos zugenommen, die Leser an die Redaktion unserer Zeitung schicken.

Seit nahezu 50 Jahren auf der Pirsch

Der Jäger nimmt den HA-Reporter mit zu einem Biotop in der Nähe der Hochzeitsallee in Bruchköbel. Schäfer, seit nahezu 50 Jahren auf der Pirsch und beim Jagdklub Hanau für die Ausbildung der Jungjäger zuständig, kann die Spuren des Waschbären schon auf dem mit Laub bedeckten Waldboden ausmachen. Zwei Tage zuvor hat er an Ort und Stelle seine Lebendfalle aufgestellt. Früher wurden die Tiere mit Drahtboxen gefangen, diese sind bei Tierschützern jedoch verpönt, weil die Waschbären Licht nicht mögen und in Panik geraten. Schäfer nutzt deshalb hölzerne Kästen. In der Dunkelheit bleiben die nachtaktiven Tiere auch in Gefangenschaft ruhig.

So groß wie ein Hund: Dieses Exemplar wurde in einem Garten in Roßdorf gesichtet.

Der Jäger hat jede Menge Süßigkeiten mitgebracht: In seinem Eimer befinden sich neben Maiskörnern auch ein Glas Nutella und Schokoladenkekse. Am liebsten aber mag der Waschbär Marshmallows – ein echter Amerikaner eben.

Der Waschbär gilt als intelligent

Die ersten beiden Tage lässt Hans-Walter Schäfer die Falle ohne Köder geöffnet stehen. Der Waschbär gilt als intelligent, das Tier soll zunächst keinen Verdacht schöpfen und sich an den Anblick des Kastens gewöhnen. Erst später wird er mit den Leckereien in die Röhre gelockt. „In zwei Tagen hab ich ihn“, ist Schäfer zuversichtlich. Geht das Tier in die Falle, wird der Waschbär in einem Käfig aufs Feld gebracht und dort erschossen. An der Notwendigkeit, die Population deutlich zu reduzieren, lässt Hans-Walter Schäfer keinen Zweifel. Denn der Waschbär sei nun einmal ein animalis non gratum, ein unerwünschtes Tier in unseren Breiten. Nicht nur weil er Obstbäume abräumt, sondern auch, weil er das natürliche Gefüge gehörig durcheinanderbringe. Waschbären plündern die Nester von Bodenbrütern, setzen Höhlenbrütern zu, in dem sie Baumhöhen im Altholz besetzen und nicht zuletzt stellen sie Amphibien und Reptilien nach, die unter der Erde in Winterstarre liegen.

Gute Kletterer: Dieses Bild schickte uns HA-Leserin Elsbeth Brossmann aus Erlensee.

Dass Waschbären eine Gefahr für den Bestand heimischer Tierarten sind, sehen Tierrechtler wie beispielsweise die Mitglieder der Organisation Peta zwar nicht so. Sie vertreten die These, dass der Mensch eine viel größere Bedrohung für die Artenvielfalt darstellt als der Waschbär. Doch die gesetzliche Grundlage ist eindeutig: Waschbären dürfen außerhalb der Brunft- und Aufzuchtzeiten, also zwischen dem 1. August und dem 28. Februar, bejagt werden, Jungtiere unter einem Jahr so gar ganzjährig.

Auch die EU will den Bestand minimieren

Wer jemals mit einem Hausbesitzer gesprochen habe, dessen Dachboden von einem Waschbär verwüstet worden sei, der habe keine Zweifel, dass man den Tieren auf den Pelz rücken müsse, sagt Schäfer.

Ein echter Amerikaner: Waschbären, einst aus Nordamerika importiert, mögen vor allem Marshmallows.

Im Übrigen ist der Waschbär auch im Visier der Europäischen Union, die den kleinen Nordamerikaner seit 2014 auf der Liste der unerwünschten Spezies führt. Die Empfehlung für den Umgang mit invasiven Arten klingt in der Brüsseler Behördensprache zwar hölzern, aber bestimmt: „Prävention, Minimierung und Abschwächung der nachteiligen Auswirkungen der Einbringung und Verbreitung.“

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