Qualifikation in der Schreinerei: Karl-Peter Landherr setzt einzelne Holzlättchen zusammen, die zu Kistenseiten in allen Formaten zusammengetackert werden. Foto: Becker

Schlüchtern

Behinderten-Werkstatt in Schlüchtern stellt Qualitätsprodukte her

Schlüchtern. Seit 15 Jahren wird im Bergwinkel hochwertiges Imkereizubehör aus Holz hergestellt. Das Besondere: Bei der professionellen Qualitätsarbeit stehen behinderte Menschen im Mittelpunkt.

Von Thorsten Becker

Der Tür öffnet sich, aus allen Ecken der Werkshalle sind Kreissägen, Hobel, Standbohrer oder andere Maschinen zu hören. Der Geräuschpegel ist hoch. Markus Ottlich trägt daher einen Gehörschutz, der zur obligatorischen Arbeitsschutzsausrüstung gehört.

Ein Schritt nach dem anderenEr greift hinter sich in einen Stapel quadratischer Rahmen. Mit dem Akkuschrauber kontrolliert er alle Verbindungen – kein Millimeter Metall darf jetzt noch überstehen. Dann legt er diese Zarge in eine hochmoderne Schleifmaschine, die alle Unebenheiten beseitigt. Daumen hoch. Markus lächelt. Die Arbeit an „seiner“ Maschine macht ihm sichtlich Spaß. Nur ein paar Schritte weiter ist Karl-Peter Landherr über einen Tisch gebeugt. In Windeseile setzt er einzelne Holzlättchen zusammen, die dann zu Kistenseiten in allen Formaten zusammengetackert werden.

Eine hoch professionelle Schreinerei mit motivierten Menschen ist dort mitten in der Arbeit. Und die Produkte, die am Rande der Schlüchterner Innenstadt entstehen, sind weit über die hessischen Landesgrenzen hinaus bekannt und gefragt.

170 BeschäftigteUnd doch ist etwas anders: Die Bergwinkel-Werkstätten sind eine Einrichtung für behinderte Menschen und Teil des Behinderten-Werks Main-Kinzig (BWMK). „So normal wie möglich und mit so viel Unterstützung wie nötig“, beschreibt BWMK-Pressesprecherin Dorothee Müller das Leitbild der Einrichtung, in der insgesamt 170 Menschen arbeiten. „Vom Distelrasen bis nach Hanau und Großkrotzenburg kommen unsere Beschäftigten“, sagt Schreinerei-Teamleiter Volker Röll.

Zusammen mit Betriebsleiter Markus Reiter ist Röll in diesen Tagen damit beschäftigt, alles für den kommenden Sonntag vorzubereiten. Dann stehen die Bergwinkelstätten im Fokus von Hunderten von Imkern, die aus allen Himmelsrichtungen kommen.

Am Ende steht das BrandzeichenDenn dieser BWMK-Betriebszweig ist seit vielen Jahren für seine Produktion von Beuten bekannt. Darunter werden die „Holzkisten“ zusammengefasst, in denen die Bienenvölker gehalten werden. Diese müssen jedoch millimetergenau gearbeitet und robust sein, da sie möglichst lange Wind und Wetter standhalten sollen. Am Ende der Produktion steht dann ein Brandzeichen: Die Silhouette kleiner Gipfel zeigt an, dass es sich um Bergwinkel-Beuten handelt. „Das ist inzwischen unser Markenzeichen geworden, denn wir setzen konsequent auf Qualität“, betont Reiter.

In den 80er Jahren sind die Werkstätten für behinderte Menschen gegründet worden, die Schreinerei konzentrierte sich zunächst auf die Palettenproduktion. „In diesem Bereich ist die Konkurrenz zu groß, deshalb haben wir umgestellt“, sagt Reiter. Und es wurde erfolgreich eine Nische besetzt. Die Herstellung und der Vertrieb von Imkereizubehör sind das Standbein geworden.

Lieferung sogar nach Kenia„Rund 600 Kubikmeter Holz pro Jahr“, werden laut Teamleiter Röll verarbeitet. Daraus entstehen bis zu 15 000 Zargen für die Imkerei. „Wir liefern bundesweit aus sowie in die Schweiz, nach Italien und Österreich – ab und zu gingen Sendungen auch nach Schweden und sogar nach Kenia“, sagt Röll.

Röll und Reiter gehören selbst zur Haupt-Zielgruppe – beide sind Hobbyimker. Und deren Zahl hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. „Wir stellen bei unseren Kunden fest, dass die Imker jünger werden“, so Reiter.

60 Prozent der Artikel werden dort gefertigtLängst schafft es die große Schreinerei in Schlüchtern gar nicht mehr, alle Arbeiten zu erledigen. „Es werden rund 60 Prozent der Artikel hier gefertigt. Andere Arbeiten haben wir bereits an 15 andere Behindertenwerkstätten in der Umgebung vergeben.“

Trotz des wirtschaftlichen Erfolgs stehen immer die Menschen im Mittelpunkt. „Unsere Hauptaufgabe ist die berufliche Rehabilitation“, betont Müller. So würden die Menschen nach ihren ganz persönlichen Möglichkeiten gefördert.

Qualifikationen durch die Arbeit„Es geht darum, dass die Menschen durch die Arbeit eine Qualifikation erhalten“, so der Betriebsleiter. Als „größten Erfolg“ wertet er, dass eine Gruppe von 18 Beschäftigten bereits eine eigene Werksgruppe bei der Firma Woco bildet und dort in die Arbeitsabläufe integriert ist.

Doch nicht nur für die Bienenhüter und Honigproduzenten bieten die Bergwinkel-Werkstätten Handgefertigtes. Auch Kisten für Wein, Präsente oder Werkzeuge werden hergestellt. „Nisthilfen aller Art wären auch eine neue Nische“, blickt Reiter in die Zukunft.

Beeindruckend ist dann auch ein zweiter Rundgang durch die Werkshalle. Wieder kommen wir an Markus Ottlich und „seiner“ Maschine vorbei. Er ist fleißig bei der Arbeit. Und er lächelt. Daumen hoch!

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