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Ines Dittmann vom Pflanzenmarkt in Erlensee und ihr Mann haben alle Hände voll zu tun – auch, wenn die Kunden in diesen Tagen wegen der verhängten Corona-Schutzmaßnahmen verstärkt zu Hause bleiben. Schließlich müssen die Pflanzen gegossen und gepflegt werden.

Frühjahr ist Hochsaison

Corona-Krise: Pflanzbetriebe, Gartencenter und Baumschulen der Region kämpfen gegen die Absatzflaute an

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Die Corona-Krise trifft  Gartencenter und Baumschulen gerade in der Hochsaison. Hunderttausende Pflanzen müssen weggeschmissen werden. Ein Lagebericht.

 „Sie dürfen den Gartenmarkt leider nur einzeln betreten!“ Die als Vorsichtsmaßnahme von Bundesregierung und Stadt Hanau verhängte Einschränkung, die der Gärtner am Eingang von Blumen Löwer in Hanau umsetzen muss, wird von dem Rentnerehepaar vor der Tür mit Kopfschütteln quittiert. Verärgert ziehen die beiden ab. Und so wie dieses Ehepaar reagieren an diesem Tag viele ältere Kunden.

„Es ist schade, dass viele Senioren so wenig Verständnis aufbringen, schließlich geht es um ihren Schutz“, kommentiert ein Mitarbeiter des Familienunternehmens die Lage. Corona verlangt allen Beteiligten viel ab. Davon wissen die Pflanzenmärkte, Gartenbaubetriebe und Baumschulen in der Region ein Lied zu singen. Sie kommen bislang mehr oder weniger gut mit der Situation zurecht.

Corona-Krise kommt genau zur Hochsaison

Einschränken müssen sie sich aber alle, ganz gleich ob Löwer in Hanau, Dehner in Wolfgang, der Pflanzenmarkt in Erlensee, die Baumschule Müller in Langenselbold, die Maintaler Filiale des Gartencenters Kitzinger oder die Baumschule Köhler in Bruchköbel – und mit ihnen viele weitere. Zurzeit ist für die Gärtner Hochsaison.

Jetzt müssen die Frühlingsblüher an die Frau und an den Mann gebracht werden, Primeln, Narzissen, Vergissmeinnicht oder Hornveilchen blühen in den schönsten Farben. Und wer einen Garten hat, eine Terrasse oder zumindest Balkonkästen, der deckt sich derzeit normalerweise mit diesen Pflanzen ein. Von normalen Zeiten kann aber aktuell keine Rede sein.

300 000 Pflanzen landen im Müll

Wir erreichen den Chef vonBlumen Löwer, Martin Löwer, an seinem Stammsitz in Seligenstadt. Bei Löwer werden alle Pflanzen für die fünf Betriebe selbst gezogen, in diesem Jahr vieles „für die Katz“. Die Filialen in Mömlingen und Goldbach mussten aufgrund der in Bayern verschärften Corona-Restriktionen schließen. Laut Martin Löwer liegt der Umsatz aktuell bei nur noch zehn Prozent.

Löwer hält desinfizierte Einkaufswagen bereit und weist Kunden darauf hin, dass sie nur einzeln eintreten dürfen.

„Wir fangen jetzt an zu kompostieren“, sagt er. Er und seine Mitarbeiter haben rund 300 000 Pflanzen auf den Müll geworfen. Die Frühblüher, die nicht verkauft werden, blockieren sonst den Platz für die Kräuter und Gemüsepflanzen, die als nächstes in die Erde müssten. „Wir bieten jetzt an, dass wir ausliefern und machen das Beste aus der Situation“, ergänzt Petra Müller, Marktleiterin von Löwer in Hanau. Eigentlich geht es um diese Jahreszeit dort so richtig rund. Vergangenen Samstag wäre ein besonders umsatzstarker Tag gewesen, an dem sonst fünf Kassen geöffnet sind. Jetzt war eine einzige Kasse offen, und die Verkäuferin wartete auf Kundschaft.

Bestellhotline läuft heiß

Im Garten-Center Dehne r in Hanau-Wolfgang stellt sich die Situation etwas anders dar. Das Unternehmen, das in Österreich und in Deutschland mit insgesamt 131 Filialen vertreten ist, musste unter anderem alle Geschäfte in Österreich und Bayern schließen. 69 Filialen sind noch geöffnet, heißt es bei der telefonischen Bestellhotline.

Im Garten-Center Dehner in Hanau-Wolfgang werden am Eingang Einmalhandschuhe für die Kunden ausgeteilt. Die begrüßen die Vorsichtsmaßnahme.

Bei der brummt es gerade. Weil die Menschen weniger vor die Tür kommen, bestellen sie verstärkt und ordern bei Dehner nicht nur blühende Pflanzen für den Garten, sondern auch Hunde- und Katzenfutter. „Der Renner ist zurzeit Vogelfutter, Meisenknödel sind sehr beliebt“, erklärt eine Mitarbeiterin. Dass sie durch die Krise und den Ansturm etwas im Lieferverzug sind, trügen die Kunden gelassen. „Jeder weiß ja, dass wir alle deutschlandweit im Dornröschenschlaf liegen“, sagt sie.

Garten ist für viele der einzige Ort zum Wohlfühlen

„Fast normal“ lief vor wenigen Tagen noch alles bei derBaumschule Köhler in Niederissigheim. Zwar weisen auch dort im großen Verkaufsraum Absperrungen und Plakate darauf hin, dass Abstand gehalten werden muss. „Aber die Leute reagieren vernünftig“, findet Chefin Sabine Köhler, deren fast 30 Mitarbeiter aus der Region kommen.

Schade drum: Die Schneebälle - hier mit Max Köhler - muss die Baumschule Köhler in Niederissigheim zum Teil kompostieren, um Platz für neue Pflanzen zu schaffen.

Bei Köhler, wo die Pflanzen ebenfalls alle selbst produziert werden, werden Obst-, Straßen- und Alleebäume sowie Beerensträucher und -pflanzen und Ziersträucher verkauft. Zwar ist es auch dort etwas ruhiger geworden und die Anrufe mehrten sich mit Nachfragen, ob überhaupt geöffnet sei. Aber die Kunden suchten sich im Freien ihre Pflanzen aus. „In solchen Zeiten ist das ja die einzige Möglichkeit, sich den eigenen Garten schön zu gestalten, um einen Ort zum Wohlfühlen zu haben", sagt Sabine Köhler.

Pflanzenmarkt kann auf sinkende Nachfrage reagieren

„Wir kommen sehr gut klar“ – so die Aussage von Ines Dittmann aus Rückingen vom Pflanzenmarkt Erlensee. Sie, ihr Mann und eine angestellte Kraft könnten sich gut aus dem Weg gehen, das Gewächshaus und die weiteren Flächen seien alle offen. Bis letzte Woche war bei ihr noch viel los. Mit der weiteren Einschränkung auf nur zwei Personen an einem Ort sei es aber deutlich ruhiger geworden.

„Wir müssen alles alleine machen“: Klaus Müller von der Baumschule in Erlensee muss auf die Helfer aus Polen verzichten. Diese dürfen nicht einreisen.

Die Pflanzen ziehen die Dittmanns nicht selbst, sie können also bei den Bestellungen jetzt auf die nachlassende Nachfrage reagieren. Genug Arbeit gibt es dennoch. Denn damit sich die Bäume länger halten, müssen sie eingepflanzt und gepflegt werden. „Für die Rhododendren ist es besonders schade“, bedauert Dittmann, „was da jetzt verblüht, ist hinüber.“

Helfer aus dem Ausland fehlen - Skepsis über Staatshilfe

Klaus Müller, Inhaber der Baumschule Müller in Langenselbold, klagt vor allem über Personalmangel. „Jetzt hätten drei Mann aus Polen kommen sollen, um die Pflanzen auszugraben. Sie bleiben aber in Polen. Alles hat Angst vor Corona“, stöhnt er. Der 70-Jährige arbeitet jetzt im Zweierteam „Wir machen so viel, wie wir können.“

Vergangene Woche sei das Geschäft sehr gut gelaufen, schildert er die Lage. Seit Montag aber sei es deutlich weniger. Dass er am Samstag einem Bekannten aus Versehen die Hand geschüttelt hat, beunruhigt ihn nicht allzu sehr: „Ich bin fatalistisch.“ Auf den üblichen Sicherheitsabstand achtet er aber doch. Und einkaufen, so sagt er, gehe er nach Möglichkeit früh morgens um sieben Uhr, wenn noch keiner unterwegs ist. Auf die vom Staat in Aussicht gestellte Hilfe vertraut Müller nicht. „Bis die Hilfe kommt, sind die Kleinen Pleite“, befürchtet er.

Kundenandrang geht drastisch zurück

Adrian Kitzinger vom gleichnamigen Garten-Center in Offenbach, das unter anderem eine Filiale auf dem Parkplatz von Globus in Maintal unterhält, registriert gegenüber vergangener Woche ebenfalls ein deutlich verändertes Kundenverhalten: „Letzte Woche haben sich die Leute nochmal richtig eingedeckt und haben Corona wohl noch nicht wirklich ernst genommen“, sagt er.

In dieser Woche sei es vergleichsweise ruhig. Im Vergleich zur Vorwoche kämen nur noch 30 bis 40 Prozent. Beim Einkauf müsse man jetzt sehr vorsichtig sein, gibt er zu bedenken. Gut verkauft würden derzeit noch die selbst gezogenen Stiefmütterchen, die von den Friedhofsgärtnereien benötigt werden. Die meisten der 25 Mitarbeiter des Betriebes kommen laut Kitzinger engagiert zur Arbeit. Sie schützen sich mit Folien oder Plexiglas an den Verkaufsschaltern. „Wir haben nur einige wenige Mitarbeiter, die aus Angst vor Corona nicht mehr kommen. Und das akzeptieren wir auch.“

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