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Altstadt-Erlebnisführungen sind seit 20 Jahren ein voller Erfolg

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Daniel Glöckner, der neue Bürgermeister der Stadt Gelnhausen, ist schon seit Jahren bei den Erlebnisführungen dabei. Das Foto zeigt ihn in seiner Paraderolle als „Jean-Frédéric“, einen französischen Besatzungssoldaten, der mit einer Gelnhäuserin (Tanja Steinbock) anbandelt. Foto: PM
Daniel Glöckner, der neue Bürgermeister der Stadt Gelnhausen, ist schon seit Jahren bei den Erlebnisführungen dabei. Das Foto zeigt ihn in seiner Paraderolle als „Jean-Frédéric“, einen französischen Besatzungssoldaten, der mit einer Gelnhäuserin (Tanja Steinbock) anbandelt. Foto: PM

Gelnhausen. Am Anfang war es nur eine Idee: Stadtführungen werden so originalgetreu wie möglich angeboten. In der Barbarossastadt hat sich dieser Umgang mit der eigenen Geschichte in 20 Jahren zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt.

Von Thorsten BeckerWer ihr am Schreibtisch gegenübersitzt, erkennt schnell: Simone Grünewald ist ein Organisationstalent. Fast pausenlos klingelt bei der Leiterin des Fachbereichs Kultur und Tourismus der Stadt Gelnhausen das Telefon. Absprachen mit den Kollegen sind nötig, ab und zu ist es auch ein auswärtiger Gast, der Details zu den Stadtführungen haben möchte.

Informationen hat sie schnell zur Hand, doch Karten gibt es für die drei regulären Weihnachts-Erlebnisführungen schon lange nicht mehr. „Innerhalb weniger Tage waren alle Tickets ausverkauft“, sagt Grünewald. Rund um das erste Adventswochenende werden etwa 3500 Besucher in der Altstadt erwartet. Daher sind nur noch individuelle Führungen an anderen Tagen buchbar.Erfolgsrezept seit 20 JahrenDass diese Rundgänge derart erfolgreich sind, liegt an den „Zutaten“, die dafür verwendet werden: Man nehme eine geschichtsträchtige, fast vollständig erhaltene Altstadt aus dem Mittelalter, enthusiastische Gästeführer sowie bis ins Detail getreue Rekonstruktionen und Dialoge.

Seit genau 20 Jahren sorgt dieses Erfolgsrezept dafür, das Tausende Besucher zum Obermarkt kommen. „Wir waren deutschlandweit die Ersten, die das angeboten haben“, berichtet Grünewald, die selbst seit 19 Jahren dabei ist. Seit dieser Zeit hätten sich zahlreiche Delegationen aus der gesamten Republik offiziell – manchmal aber auch heimlich – in Gelnhausen informiert und abgekupfert. Die Fachbereichsleiterin, die zudem noch das Museum leitet, nimmt es locker: „Nur was gut ist, wird auch kopiert.“ Und sie pocht darauf, dass in Gelnhausen nur Gästeführungen angeboten werden, die – trotz aller Unterhaltung für die Teilnehmer –, sehr detailgetreu und wissenschaftlich fundiert sind.Ein Jahr VorbereitungEin paar Darsteller einfach in mittelalterlich anmutende Gewänder stecken – das geht gar nicht. „Wir achten sehr auf den geschichtlichen Hintergrund“, sagt die Historikerin, die in Würzburg Geschichte und Germanistik studiert und ihre Magisterarbeit über das Werk von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen geschrieben hatte.

So achtet sie ganz genau darauf, dass die Gewänder wirklich in die jeweiligen Epochen passen. „Die Farben Purpurrot oder Königsblau dürfen nicht für einfache Leute verwendet werden, Pelze waren beispielsweise ein Privileg des Adels, während Gelb die Farbe der Aussätzigen oder Huren war“, gibt sie einen kurzen Einblick. Bis eine neue Erlebnisführung „steht“, dauert es daher rund ein Jahr – vom Dialog bis hin zu den passenden Requisiten – aufwändige Recherchen inklusive.Zirka drei Führungen pro TagInsgesamt sind es in Gelnhausen 50 Erlebnisführer, die pro Jahr rund 20 000 bis 25 000 Gästen die Geschichte näherbringen. Durchschnittlich sind es drei Führungen pro Tag. Unterstützt werden die Protagonisten von rund 30 Helfern, die in Nebenrollen wie Bettler, Torwachen oder Hübschnerinnen schlüpfen. Vor Weihnachten zählt das Team sogar bis zu 150 Köpfe.

„Angefangen hatten wir damit, dass es nur freitags diese Touren gab“, erinnert sich Grünewald. Inzwischen sind es über 80 verschiedene Führungen, einige davon mit Speis und Trank. Über den Zulauf können sich Grünewald und ihr Team nicht beschweren. „An manchen Wochenenden waren es bis zu maximal 15 Führungen . . . da geht es in der Kirche zu wie im Kölner Dom.“Spontane Teilnahme immer möglichWas trotz der großen Nachfrage von Anfang an geblieben ist: die Möglichkeit, spontan teilzunehmen. Bis auf die ausgebuchten Führungen steht dann immer eine Bauchladenverkäuferin auf dem Obermarkt, die Tickets verkauft.

Das Angebot zahlt sich laut Grünewald für die Stadt aus. „Die ganze Welt kommt nach Gelnhausen.“ Aus Japan, den USA, selbst aus Brasilien oder dem indonesischen Teil von Papua kommen die Besucher.Ohne die Anwohner funktioniert nichtsDoch nicht nur die Liebe zum Detail ist ein Garant für den Erfolg, es kommen noch zwei weitere Faktoren hinzu: die Gästeführer selbst sowie die Anwohner der Altstadt. „Das sind alles Enthusiasten, die bei uns mitmachen. Und die Bewohner der Altstadt stehen hinter uns, machen sogar manchmal spontan mit.“

Ohne die Anwohner, da ist sich Grünewald sicher, funktioniere das Ganze nicht. Daher werde auch darauf geachtet, dass in den alten Gassen auch beizeiten Ruhe einkehrt. Keine Führung startet deshalb nach 20 Uhr.„Er ist ein Sprachtalent“Einer, der schon seit vielen Jahren in historischem Gewand mitmacht, muss erwähnt werden, denn er ist der Chef von Grünewald: Daniel Glöckner, der neue Bürgermeister der Barbarossastadt.

„Er ist wirklich ein Sprachtalent.“ Zwar hat Glöckner angekündigt, auch künftig ab und zu in eine Rolle zu schlüpfen. Aber so häufig wie bisher wird er nicht mehr als „Simplicissimus“ oder „Philipp Reis“ unterwegs sein. „Wir müssen für ihn jetzt Ersatz finden . . .“ Das wird Grünewald sicher schaffen, schließlich ist sie ein Organisationstalent, was sie gleich wieder unter Beweis stellen muss – ihr Telefon klingelt schon wieder.

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