Andrea Kunz auf einem Foto vor ihrem Verschwinden. Foto: Polizei

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Bei "Aktenzeichen XY": Callgirl seit über neun Jahren vermisst

Ein Fall für "Aktenzeichen XY": Seit mehr als neun Jahren ist Andrea Kunz aus Bad Orb spurlos verschwunden. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen davon aus, dass die 47-Jährige, die als Prostituierte gearbeitet hat, einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Die letzten Spuren führen nach Schlüchtern und in den tiefen Spessart.

Von Thorsten Becker

Michael Zull von der Kripo Hanau wird den Fall am Mittwochabend in der ZDF-Fahndungsendung „Aktenzeichen XY“ (20.15 Uhr/live), die von dem in Rodenbach lebenden Moderator Rudi Cerne geleitet wird, aufrollen.

„Wir erhoffen uns durch die bundesweite Fahndung im Fernsehen eine neue Spur in diesem Fall, denn die Frau ist seit mehr als neun Jahren wie vom Erdboden verschluckt“, sagte Oberstaatsanwalt Dominik Mies dem HA und bezeichnete die Umstände des Verschwindens als „mysteriös“.

Er lobte insbesondere das Engagement des zuständigen Kommissariats, das diesen Fall zusammen mit dem ZDF-Team neu aufgerollt hat. Morgen Abend wird dazu ein Filmbeitrag ausgestrahlt, in dem Schauspieler Szenen nachstellen. Kriminalhauptkommissar Michael Zull (Hanau) wird zusammen mit Rudi Cerne über den aktuellen Stand der Ermittlungen berichten.

Prostitution unter PseudonymDie damals 47 Jahre alte Frau ging den Ermittlungen zufolge 2008 von einer Privatwohnung in Bad Orb unter dem Pseudonym „Andrea König“ der Prostitution nach. Zuvor hatte sie von 2005 bis Ende 2006 in einer ähnlichen Wohnung in Biebergemünd gearbeitet.

Am Vorabend des Nikolaustages, (Freitag, 5. Dezember 2008), hatte sich angeblich mit einem Freier aus dem Raum Schlüchtern einen Termin vereinbart. Sie sollte zu einem „Hausbesuch“ abgeholt werden. „Ob sie dort jemals ankam, oder ob die Fahrt woanders hinging, ist bis heute völlig ungewiss“, so der Oberstaatsanwalt gestern.

Letzter Kunde aus wohlhabendem Elternhaus gesuchtDennoch konzentrieren sich die Ermittlungen auf diesen Mann, dessen Alter damals auf 30 bis 40 Jahre geschätzt wurde. Dieser, so die Ermittler, soll „von Beruf „Sohn gewesen sein. Die Kripo Hanau bringt ihn deswegen mit einem „eher wohlhabenden Elternhaus“ in Verbindung, in dem es eine Sauna und sogar ein eigenes Schwimmbad gegeben haben soll.

Daher hoffen die die Beamten, dass sich dieser letzte Kunde, der für die Ermittler ein wichtiger Zeuge sein könnte, meldet. Die Prostituierte soll diesen Mann bereits aus ihrer Zeit in Biebergemünd gekannt haben – möglicherweise war er ein Stammkunde.

Mysteriöse UmständeDass die Kriminalisten ein Verbrechen vermuten, hängt mit mysteriösen Umständen und dem letzten Lebenszeichen von Andrea Kunz zusammen. Am Tag ihres Verschwindens rief sie gegen 22 Uhr bei ihrem Ehemann an, der von ihrer Beschäftigung als Callgirl wusste.

„Es waren offenbar nur Wortfetzen, weil die Verbindung wohl schlecht war“, so einer der Ermittler damals. Die 47-jährige klang jedoch so, als ob sie sich in einer akuten Notlage befindet.

Letzte Spur am HahnenkammseeDen Spezialisten der Fahndung gelang es, das Handy-Telefonat nachzuverfolgen. Die Spur führt an den Hahnenkamm, direkt an die hessisch-bayerische Grenze. Im Ortsteil Mömbris-Hemsbach, zwischen Alzenau und Niedersteinbach gelegen, soll sich die 47-Jährige letztmals telefoniert haben. Danach verliert sich ihre Spur im Spessart.

Was die Frau, die aus Frankfurt stammt, dorthin führte, rund 50 Kilometer von Schlüchtern entfernt, ist bis heute ein Rätsel. Drei Wochen nach dem Verschwinden startete die Polizei eine umfangreiche Suche. Im Visier war dabei der Hahnenkammsee (auch Hemsbachsee genannt). Doch die Suche blieb erfolglos.

Gerüchte und IndizienBereits im Januar 2009 berichtete „Aktenzeichen XY“ über den Vermisstenfall Andrea Kunz. Doch entscheidende Hinweise gab es nach der Sendung nicht.

Neben der Möglichkeit eines Verbrechens gab es in der Folgezeit immer wieder Gerüchte, dass Kunz womöglich ein neues Leben begonnen haben könnte. Dass Kunz möglicherweise aus freien Stücken ihr bisheriges Umfeld verlassen hat, hält Oberstaatsanwalt Mies indes für eher unwahrscheinlich. „Natürlich können wir das bislang nicht ausschließen. Aber alle Indizien weisen darauf hin, dass Frau Kunz offenbar einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist.“

Mord verjährt nichtAuch nach dieser langen Zeit sei es wichtig, mögliche neue Fakten zu finden. „Wenn es ein Verbrechen war, müssen wir den oder die Täter überführen – denn Mord verjährt nicht“, so Mies

„Die Kriminalisten in Hanau haben in den vergangenen Monaten zahlreiche Kapitalverbrechen aufzuklären gehabt. Umso bemerkenswerter ist es, dass auch solche Fälle nicht in Vergessenheit geraten und die Ermittler alles daran setzen, diese zu lösen – schließlich geht es um ein Menschenleben“, betont der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft.

Andrea Kunz ist etwa 1,65 Meter groß und hatte zum Zeitpunkt ihres Verschwindens, als sie 47 Jahre alt war, eine schlanke Gestalt. Sie trug damals schulterlanges, gelocktes schwarzes Haar mit roten Strähnen und sprach Frankfurter Dialekt. Am linken Unterarm hatte sie eine markante Tätowierung in Form eines stilisierten Kreuzes mit Strahlenkranz.

Bekleidung:Zuletzt trug Kunz eine Bluejeans und eine schwarzen Winter-Langjacke aus synthetischem Material, das Innenfutter dieser Jacke ist schwarz/braun gemustert.

Tag des Verschwindens: Freitag, 5. Dezember 2008

Die Fragen von Oberstaatsanwalt Dominik Mies und Kripo-Ermittler Michael Zull: Wer hat Frau Kunz am Abend des 5.12.2008 im Raum Schlüchtern oder im Bereich des Hahnenkamms bei Mömbris gesehen? Wen hat Frau Kunz an diesem Abend im Raum Schlüchtern besucht? Wer kann sagen, in wessen Begleitung die Gesuchte war? Wer kann Hinweise darauf geben, wo sich Frau Kunz möglicherweise heute aufhält?

Sachdienliche Hinweise nimmt die Kriminalpolizei Hanau unter der Rufnummer 06181/ 100345 entgegen.

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