Kennerblick: Wilfried Wies prüft das Ergebnis der Weinlese und ist zufrieden.
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Kennerblick: Wilfried Wies prüft das Ergebnis der Weinlese und ist zufrieden.

Weinlese

90 Grad Oechsle in Wächtersbach: Jahrgang 2020 könnte im Kinzigtal für Aufsehen unter Weinkennern sorgen

  • vonAndrea Euler
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Wilfried Wies steht vor der hölzernen Ladefläche des McCormick, schaut mit Kennerblick über die Weintrauben in den schwarzen Bottichen. Zwei der Traubenstränge an ihren Ruten greift er heraus, kostet die Früchte und zeigt sie den Weinfreunden, die gerade ihre Eimer mit frisch geernteten Trauben aus dem Weingarten tragen: „Guck mal hier, das ist interessant. Von der Süße her kein Unterschied“, sagt er.

Wächtersbach – Und das, obwohl die Trauben farblich zwischen hellem und dunklem Grün deutlich variieren. Und die hellen Früchte sogar mit kleinen „Sommersprossen“ übersät sind. „Die haben richtig viel Sonne abgekriegt“, sagt die Vorsitzende Maritta Rasch.

Bei den Früchten handelt es sich um die Johannitertraube, die aufgrund der herrschenden Witterungsbedingungen ausgewählt und 2007 gesetzt wurde.

Welche Trauben in früheren Jahrhunderten in der Gemarkung nahe Wächtersbach gepflanzt wurden, darüber gibt es keine Aufzeichnungen. Selbst das Wissen darum, dass hier überhaupt jemals Wein angebaut wurde, stützt sich nur auf sehr spärliche geschichtliche Informationen.

So heißt es auf der Homepage des Vereins: „Die alten Flurbezeichnungen ‘Im Vordere Wingerte’ und ‘Im Hintere Wingerte’ legen den Schluss nahe, dass hier einmal Weinbau betrieben worden ist, denn Wingert ist ein altes Wort für Weinberg.“

Die so bezeichneten Flurstücke liegen in südlicher bis südwestlicher Lage am mittelsteilen Hang oberhalb des Ortes – wenn überhaupt in diesem Talkessel ein Platz zur Aufzucht von Reben geeignet ist, dann ist es dieser. Ältere Mitbürger erzählen zudem, dass ihnen in ihrer Jugend vom örtlichen Weinbau erzählt worden ist.

Es gibt darüber hinaus einen sicheren Hinweis auf Weinbau aus dem Jahre 1781, als Neudorf noch von Aufenau verwaltet wurde. Da ist in einem Gutachten des Mainzer Kammerdirektors Linden von Weinbergen die Rede: ‘. . . über die Zahl und den Befund der zu der von Kurmainz gekauften Herrschaft Aufenau und Neudorf gehörenden Gebäude, Weinberge, Äcker, Wiesen, Waldungen, Jagd, Fischerei, Mühlen, Schäferei, Reuten und Gefälle . . .’“

Die Früchte erfreuen nicht nur die Weinliebhaber, auch die Kinder sind von dem süßen Saft begeistert und Naschen beim Ernten immer mal wieder die eine oder andere Traube.

Aber sie schleppen auch eimerweise Früchte zum Traktor, spielen mit Stöckchen mit dem Vereinsmaskottchen Rocky, einem knapp elfjährigen Labrador, der gutmütig das Getobe der Kinder mitmacht. Die Eimer werden zwischendurch zu Fußbällen, die Kurbel drehen im Keller macht den größeren Kindern Spaß. Für die jungen Erntehelfer besonders spannend ist die Frage: „Dürfen wir nachher mal mit dem Traktor mitfahren?“ Natürlich dürfen sie.

Mit fast 30 Männern, Frauen und Kindern geht es schnell, die Trauben zu ernten und „in den Keller“ zu bringen. Ungeachtet des leichten Nieselregens sind die Teilnehmer, darunter etliche Familien mit kleinen Kindern, mit Feuereifer bei der Sache. Auf die Fragen der kleinen Helfer gibt es stets eine kompetente Auskunft. „Warum sind denn unten die meisten Trauben?“, will ein Kind wissen. „Na, guck doch mal. Unten der Trieb, der ist doch am stärksten, der hat am meisten Kraft“, erfährt der Junge.

Und die kleine Mara darf Hannah erklären, was eigentlich bei der Lese zu machen ist: „Die Trauben abschneiden. Und Blätter wegpetzen, um dranzukommen. Und die faulen müssen raus.“

Auf Sorgfalt bei der Lese wird großer Wert gelegt: Die Früchte, die eimerweise aus dem 650 Quadratmeter großen Weinberg getragen werden, landen in Bottichen, werden nochmals durchgesehen. „Weißt du noch, im ersten Jahr. Da wollte der Gerhard sie alle abgezippelt haben, ohne Stiel. Wir wussten ja gar nix, damals“, erinnert sich der zweite Vorsitzende Wilfried Wies.

Das hat sich geändert: „Ab 2013 hatten wir einen richtig guten Wein“, berichtet Kellermeister Peter Lerch. „Der Wein wurde mit jedem Jahr besser. Obwohl: Das kann man so auch nicht sagen. Es ist halt die Frage, was einem schmeckt. Der 14er war wie ein Elsässer Edelzwicker, das ist auch nicht jedermanns Sache.“

Professionalisiert hat sich der Verein auch in anderer Hinsicht: Der ehemalige Wasserbehälter dient den Weinfreunden Neudorf als Kelterhalle und Lagerraum, wurde mit Durchbruch, Fenster, einer Treppe sowie Wasser- und Stromanschluss versehen.

Dort wird die Ernte gemahlen, darf zwei Stunden in Fässern lagern, wird dann schließlich gepresst. In diesem Jahr erstmals mit einer Speidel Hydropresse, bei der das Wasser die gemahlenen Früchte gegen das Korbgitter presst. „Wir machen alles selbst“, berichtet Rasch. Von der Ernte bis zur Abfüllung, selbst das Etikett: alles aus Vereinshand.

„Wir bekommen zudem fachliche Beratung“, ergänzt Lerch. Von einem Weingut aus Rheinhessen kommt die Expertise, „da geht am Tag nach dem Keltern eine Flasche zur labortechnischen Untersuchung hin, und wir bekommen Ratschläge, wenn wir noch was verbessern können“.

Gut gelagert: das „Neudorfer Ratzewäldche“.

Anders geht die Sache die befreundete Weinbruderschaft Steinau an, die ihre Trauben zur weiteren Verarbeitung an einen befreundeten Winzer schickt, sich aber dennoch einen Besuch im Keller der Neudorfer nicht nehmen lässt. Man will schließlich sehen, wie es die Kollegen so angehen.

Es ist Abend, bis die Arbeit ruht. Geschätzte 480 Liter Saft sind aus den Trauben geworden. Die neue Presse hat perfekt funktioniert. Der Trester wird verfüttert, ein Teil landet wieder auf dem Weinberg.

Gut 90 Grad Oechsle werden gemessen. „Ein sehr guter Wert“, wie Lerch sagt. Der neue „Neudorfer Ratzewäldche“ verspricht, gut zu werden. Vor dem Keller sammeln sich die verbliebenen Helfer und genießen den Feierabend. Im Hintergrund dreht sich ein Windrad, aus dem Tal schallt das Geräusch eines vorbeifahrenden Zuges den Berg hinaus. Der Blick schweift über das Tal, über Neudorf, Wächtersbach, Hesseldorf. „Da drüben“, sagt eine und zeigt auf einen Einschnitt im Berg, „da sieht man von hier oft die untergehende, güldene Sonne. Es muss nicht immer das Meer sein.“ Leises Gelächter von den Umstehenden. Es klingt zustimmend.

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