Alphabetisch geordnet hatten Dr. Willi Heinrich (links) und Dr. Volker Janssen die Unterlagen ihrer Patienten. Die letzten werden nun mit der Post verschickt. Foto: Axel Häsler

Langenselbold

Dr. Willi Heinrich findet keinen Nachfolger für Hausarztpraxis

Langenselbold. Das Bedauern darüber, wie sich das Ende seiner 35-jährigen Hausarzttätigkeit in den letzten 14 Tagen abgespielt hat, war Dr. Willi Heinrich bei unserem Telefonat leicht anzuhören.

Von Lars-Erik Gerth

Zusammen mit Dr. Volker Janssen war er nochmals in die Praxis in den Steinweg 13 gekommen, um die letzten Datenträger mit den elektronisch gespeicherten Unterlagen an ihre nun ehemaligen Patienten herauszugeben. „Es sind jetzt noch etwa 20 bis 30 USB-Sticks übrig, die wir dann per Post verschicken werden“, erläuterte Dr. Heinrich, der in diesem Jahr seinen 71. Geburtstag feiern wird.

Bereits seit drei Jahren haben sich die Mediziner um eine Nachfolge für die Praxis bemüht. Heinrich und der 65-jährige Janssen führten die Praxis gemeinsam seit 15 Jahren. Zuvor hatte Heinrich 20 Jahre in Räumlichkeiten im Steinweg 1 praktiziert. „Wir hatten in diesen drei Jahren mehrere Bewerber. Ich war auch bereit, die 'Neuen' stundenweise zu unterstützen.

Gründe unklar

Zuletzt hatten wir dann die Zusage von einem Kollegen, der den Vertrag auch unterzeichnen wollte. Zum vereinbarten Termin ist er dann aber nicht erschienen“, berichtete der 70-jährige Mediziner über die negativen Erfahrungen bei der Suche nach einem Nachfolger. „Wir wollten die Praxis sogar verschenken. Es wollte sie aber keiner haben“, stellte Dr. Heinrich resigniert fest.

Über die Gründe kann er nur spekulieren: „Zu groß, nicht barrierefrei, renovierungsbedürftig, zu viel Arbeit?“ Denn immerhin betreuten Heinrich und Janssen in ihrer hausärztlichen und diabetologischen Gemeinschaftspraxis über 2500 Patienten. Gegen den Vorwurf, diese über die bevorstehende Schließung nicht informiert zu haben, wehren sich Heinrich und Janssen. „Wir haben allen Patienten mitgeteilt, dass wir Ärzte am 30. Juni 2019 die Praxis schließen werden.

"Nicht mehr arbeitsfähig"

Und wir mussten unseren langjährigen Mitarbeiterinnen rechtzeitig kündigen, um uns selbst abzusichern bei dieser unsicheren Situation“, erklärte Heinrich gegenüber unserer Zeitung.

Diese ausgesprochenen Kündigungen hätten dann aber zu Spannungen im Team geführt. Und am Montag, 3. Juni, sei es dann zum Super-GAU gekommen, der laut Heinrich vorher nicht abzusehen gewesen sei. Alle Mitarbeiterinnen hätten Krankmeldungen vorgelegt.

„Wir waren ab diesem Zeitpunkt nicht mehr arbeitsfähig. Ich werde diese Aktion nicht bewerten, wir sind aber sehr enttäuscht darüber. Wir haben daraufhin in Zwölf-Stunden-Tagen die Unterlagen der Patienten elektronisch gespeichert und die Patienten über Aushänge informiert“, so Willi Heinrich. Und der Vorwurf, sie hätten dies nicht rechtzeitig mitgeteilt, sei in dieser Situation nicht richtig. So habe die Änderung des Anrufbeantworters am 4. Juni durch eine Fachfirma erfolgen können. Die Ausgabe der Datenträger und von Rezepten haben die Ärzte alleine vorgenommen, da die Mitarbeiterinnen ja nicht mehr zur Verfügung standen.

25 Jahre Hausarzttätigkeit

„Wir hatten die Ausgabe der Datenträger für den 12. und 13. Juni angesetzt. An beiden Tagen haben wir zwölf Stunden gearbeitet. Da diese Zeiten nicht ausgereicht haben, wurde die Ausgabe am 14. Juni fortgesetzt.

Zusätzlich haben wir den Patienten empfohlen, Rückumschläge zu den Datenträgern zu legen und in unseren Briefkasten zu werfen“, erläuterten die Mediziner den Ablauf der vergangenen Tage. Es tue ihnen „außerordentlich leid, nach 35-jähriger Hausarzttätigkeit ein solches Ende zu erleben“.

„Wir entschuldigen uns bei allen Patienten, die sehr lange, teilweise im Regen, warten mussten. Wir bedanken uns auch für die Gesten der Zuneigung, die Abschiedsgeschenke und die guten Wünsche“, wenden sich die beiden nun ehemaligen Selbolder Hausärzte auf diesem Wege nochmals an ihre Patienten.

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