Robert Weißenbrunner von der IG Metall versicherte den Mitarbeitern von Thermo Fisher die volle Unterstützung der Gewerkschaft zu und skandierte mit ihnen „Stoppt die Gier“. Foto: Lars-Erik Gerth

Langenselbold

Thermo Fisher: Betriebsrat lehnt Vorschlag ab

Langenselbold. Es war gestern um 9 Uhr noch ziemlich kühl, aber immerhin schien die Sonne. Das griff Robert Weißenbrunner, der Erste Bevollmächtigte der IG Metall, gleich als gutes Omen für die Protestaktion von Betriebsrat und Gewerkschaft gegen den Stellenabbau am Selbolder Standort von Thermo Fisher auf.

Von Lars-Erik Gerth

„Bei unseren bisherigen Aktionen hat auch immer die Sonne geschienen“, stellte er fest und zeigte sich sehr erfreut darüber, dass eine große Zahl der rund 700 Mitarbeiter dem Aufruf zum Protest anlässlich des Jahrestags der Verkündung des Jobabbaus gefolgt war.

Die Mitarbeiter machten vor dem Haupteingang des US-amerikanischen Technologieunternehmens dann auch lautstark deutlich, was sie von dem neuen Vorschlag der Geschäftsführung halten. Betriebsratsvorsitzender Walter Heidenfelder hatte zuvor von den Gesprächen und dem Ergebnis berichtet, das die drei Entscheider aus der Thermo-Leitung in den USA, die zur Überprüfung der Abläufe in Selbold waren, Anfang der Woche vorgelegt haben.

Vorschlag: Verlagerung von 102 statt 80 Arbeitsplätzen

„Obwohl in den konzerninternen Workshops und Befragungen deutlich wurde, welche Risiken die Verlagerungen von Finanzabteilung, technischem Support und der Auftragserfassung und -abwicklung an andere Standorte mit sich bringen würden, wollen sie jetzt anstatt der vor einem Jahr angekündigten 102 immer noch 80 Arbeitsplätze hier in Selbold abbauen“, informierte Heidenfelder über den entscheidenden Punkt des von der Firmenleitung vorgelegten Ergebnisses der Überprüfung durch die aus den USA entsandten Mitglieder der Geschäftsführung.

Heidenfelder und im Anschluss auch Weißenbrunner erklärten, dass Betriebsrat und IG Metall weiter dafür kämpfen werden, alle Arbeitsplätze in Selbold zu erhalten. Diese Aussagen unterstützten die Mitarbeiter lautstark. Gemeinsam skandierten sie mehrfach „Stoppt die Gier, wir bleiben hier“ und sangen später auf die Melodie von „Bella Ciao“ das Lied „Wir stehen fest zusammen“, in dem es unter anderem heißt: „Was soll das bringen, uns zu verlagern. Die Spezialisten, die sitzen doch hier, hier, hier. Unser Schicksal spielt keine Rolle, denn es geht nur um die Gier!“

Ein Transparent mit Botschaft

Auf Transparenten war unter anderem zu lesen: „Hände weg von unseren Arbeitsplätzen bei Thermo in Langenselbold.“ Und auf einem anderen wurde deutlich, was die Mitarbeiter vom Vorgehen der Geschäftsführung halten. Jeder Buchstabe von Thermo stand dabei für einen Vorwurf an die Konzernführung in den USA: T für „Tod auf Raten“, H für „Habgier“, E für „Egoismus“, R für „Rücksichtslos“, M für „Mieses Management“ und O für „Ohne Gefühl“.

Heidenfelder machte in seinen Ausführungen deutlich, dass es bei den Gesprächen ein gutes Klima mit der Selbolder Geschäftsführung gegeben habe. Doch die Entscheidungen über die Zukunft würden allein in den USA getroffen. So bezeichnete er die Leitung vor Ort auch als „Opfer der Entscheider“ aus dem Hauptquartier in Massachusetts. Für diese hätte offenbar keine Rolle gespielt, dass im wichtigen Bereich von Auftragsannahme und -abwicklung ein über Jahre hinweg aufgebautes Vertrauensverhältnis zu den Kunden entstanden sei.

600 Millionen Euro Umsatz im vergangenen Jahr

Heidenfelder und Weißenbrunner sind überzeugt, dass es der Thermo-Geschäftsführung nur darum gehe, durch die Verlagerung nach Ungarn und Schottland Personalkosten zu sparen. Die Kompetenz der Mitarbeiter in Selbold sei dabei außen vor gelassen worden. Im Gespräch mit dem HA erinnerte der Betriebsratsvorsitzende daran, dass hier rund 600 Millionen Euro Umsatz im Jahr gemacht werde. Dies würde seiner Meinung nach durch die Verlagerung von technischem Support und vor allem der Auftragsabwicklung gefährdet.

Verstärkt will der IG-Metall-Bevollmächtigte nun mit den politischen Vertretern aus Kreis und Land sprechen, um den Druck auf die Thermo-Geschäftsführung zu erhöhen. Er kündigte ebenso weitere öffentliche Aktionen an. Heidenfelder und Weißenbrunner betonten abschließend nochmals, dass man so lange weiterkämpfen wolle, bis die Geschäftsführung in den USA ganz von ihren Plänen abrückt.

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