Unterm Pflaster liegt der Gang: Der Zugang ist wieder zugemauert. Dr. Manfred Keil war untertage und kennt das Selbolder Rätsel des Tunnels aus eigener Anschauung. Fotos: Torsten Kleinerüschkamp (1)/PM (2)

Langenselbold

Selbolder Unterwelt: Archäologen rätseln über Klosterberg-Tunnel

Langenselbold. Es gab Zeiten, da konnte man nicht einfach die Polizei anrufen und sagen: „Helft mir!“ Mauern waren einst ein mehr oder weniger probates Mittel, sich vor Feinden zu schützen.

Von Torsten Kleinerüschkamp

Im Barock, als Festungsanlagen durch moderne Geschütztechnik obsolet wurden, half dann nur noch ein Fluchttunnel, wenn der Gegner einem nach dem Leben trachtete. Der Adel oder der Klerus? Wer sich früher in Langenselbold schnell aus dem Staub machen wollte oder musste, ist heute unklar. Fakt ist: Im Klosterberg steckt ein Tunnel. Dass es einen solchen Gang gibt, wissen Ortskundige schon länger. Zu dem Rätsel gibt es mannigfach Anekdoten.

Archäologen haben erstmals einen Teilbereich des Tunnels inspiziert. Die Ergebnisse haben Dr. Manfred Keil, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins, und der Archäologe Thomas Hahn publiziert. Ihr Beitrag ist im aktuellen Mitteilungsblatt des Zentrums für Regionalgeschichte abgedruckt, das vom Main-Kinzig-Kreis herausgegeben wird.

Tunnel führt über die gesamte Länge des Schlossparks

Wenn Keil vor die Türe des Heimatmuseums tritt, hat er direkt einen Teil des Tunnels vor der Nase, wenn er freilich durch die Grasnarbe schauen könnte. Die Grabung fand direkt vor dem Heimatmuseum statt. Näher dran geht’s nimmer.

„Im Schlosspark sind ja neue Leitungen für eine Fernwärmeheizung verlegt worden, die das Schloss, die Klos‧terberghalle und das Rathaus versorgen sollen“, sagt Keil. Der Tunnel führt über die gesamte Länge des Schlossparks auf der Seite des Heimatmuseums entlang. Weil in geschichtsträchtigem Raum gebaut wurde, ist das Projekt von Archäologen begleitet worden. Der Kreis hat in diesem Falle das Unternehmen Spau, Archäologische Untersuchungen aus Rockenberg, vertreten durch Sascha Piffko, beauftragt.

Keil, der die Geschichte des Langenselbolder Klosters erforscht, und Thomas Hahn, Mitarbeiter der Firma Spau, entdeckten ihr gemeinsames Interesse an der Sache, zumal Hahn auch in Langenselbold wohnt. Hahn zeigte Keil das Tunnelstück. Nach der Visite ist der Deckel über dem Einstieg verschlossen worden.

"Das ist ein Tunnel, in dem man laufen könnte"

„Wir wollen weiter recherchieren, vermutlich ging der Tunnel am Rathaus vorbei in Richtung Rentei. Aber das wissen wir noch nicht hundertprozentig“, so der Geschichtsverein-Chef. Wo der Graben weiter verlaufen könnte, haben die Forscher schon mal mit der Wünschelruten-Methode eruiert. „Ich bin eigentlich kein Fan von Wünschelruten“, sagt Keil, der von zu Hause aus Naturwissenschaftler, nämlich Tierarzt ist. „Wie der Stecken sich in meiner Hand bewegt hat, das war unglaublich“, sagt er.

Ein Ausschlagen im konkreten Fall habe ihn vorerst doch überzeugt. „Der Graben ist ganz fantastisch. Er muss seinen Ursprung im Kloster gehabt haben“, vermutet er. In dem Tunnel kann man stehen, allerdings nur leicht gebückt. Keil hat dies zusammen mit Hahn ausprobiert. „Wenn man die auf dem Boden herumliegende Erde wegmacht, kann man gut drin stehen. Das ist ein Tunnel, in dem man laufen konnte“, schätzt Keil.

Die Grabung fand vor mehr als einem Jahr statt. Dabei wurde im Bereich des westlichen Grabensystems ein Einstiegsschacht dokumentiert, der in den Tunnel führt. Der Schacht ist 1,30 Meter hoch und 80 Zentimeter breit. Der Einstieg war mit Sandsteinblöcken abgedeckt.

Abwasserkanal, Fluchttunnel oder beides?

Die Blöcke, etwa einen Meter lang, waren von Steinmetzen bearbeitet und könnten einmal Teile von einer Tür oder einem Fenster gewesen sein. Der Zugang zum eigentlichen Tunnel zeigte sich „nach beiden Seiten für einige Meter offen“. Der Bereich war seitlich und oben mit Sandsteinen gemauert.

Der Boden des Tunnels habe den Eindruck erweckt, als habe er über lange Zeit durch Ablagerung von Erdsediment an Höhe verloren, das heißt, die ursprüngliche Höhe müsste etwas mehr als 1,30 Meter gemessen haben, heißt es.

„Entweder es handelt sich um einen Abwasserkanal, einen Fluchttunnel oder eine Kombination von beidem. Die Lage und die Maße des Tunnels lassen für alle drei Möglichkeiten genügend Spielraum für eine Deutung“, lautet das Fazit der beiden Forscher.

Während Kloster- oder Schlossbau entstanden

Die Frage, wann der Tunnel gebaut worden ist, gestaltet sich als schwierig. Für Keil und Hahn gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder hat bereits ein Probst oder Abt während der Existenz des Klosters von 1108 bis 1543 einen solchen Tunnel in Auftrag gegeben. Oder der Tunnel ist zu Beginn des 18. Jahrhunderts im Zuge des Schlossbaus errichtet worden. Ab 1543 ist das verlassene Kloster ein Steinbruch. Der Baumeister des Schlosses, Christian Ludwig Hermann, soll sich dort eifrig bedient haben.

„Noch heute finden sich in den Gebäuden verschiedene Spolien in den Außenmauern, die vom Kloster zeugen“, weiß Keil. Der nun geöffnete Tunnel enthalte an Wänden und Decken Baumaterial aus vermutlich älterer Zeit. „Es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Steinbruch zuzuordnen, das heißt dem ehemaligen Kloster“, so Keil und Hahn.

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