Die Selbolder Kläranlage am Kinzigsee ist an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen. Die Stadtverordneten haben sich nun in einer gemeinsamen Sitzung von Haupt- und Finanzausschuss sowie Bauausschuss für die Errichtung eines Faulturms ausgesprochen. Foto: Axel Häsler

Langenselbold

Selbolder Kläranlage stößt an ihre Grenzen

Langenselbold. Die mittlerweile 30 Jahre alte Kläranlage am Kinzigsee ist an die Grenzen ihrer Kapazitäten gestoßen. Wie die Stadt dem Problem nun begegnen will, darüber berieten die Mitglieder des Haupt-und Finanzausschusses (HFA) und des Planungs-, Bau- und Sicherheitsausschuss (PBSA) in einer gemeinsamen Sitzung.

Von Anja Goldstein

Nadja Hruby vom Planungsbüro Häfner undamp; Oefner, das 2018 vom Stadtparlament für die Planungen beauftragt wurde, stellte dabei zunächst die drei Alternativen vor. Die Stadtverordneten präferierten schließlich die Variante, die den Neubau eines Faulturms vorsieht.

Bei ihrem Bau im Jahr 1988 wurde die Kläranlage auf 13 000 Einwohnergleichwerte (EWG) ausgelegt. Diese Zahl stellt die Summe aus allem, was in die Kanäle gespült wird, als theoretische Einwohner dar. Die Maximalbelastung ist zwar auf 18 000 EWG ausgelegt. Doch bereits jetzt liegt die aus Betriebsdaten ermittelte Kläranlagenbelastung bei 19 100 EWG.

Bei Starkregen völlig überbelastet

„Bei Starkregen, wie sie mittlerweile immer wieder vorkommen, sind wir völlig überlastet“, erklärte Betriebsleiter Manuel Weckel den Ausschussmitgliedern. „Eine Erweiterung auf 36 000 EWG ist mit Blick auf den Zuwachs an Gewerbe und Neubaugebieten in Selbold dringend nötig“, erklärte Nadja Hruby die Sachlage.

Zudem sei, so der Bauamtsleiter Thomas Wagner, „überhaupt nicht klar, in welchem Zustand sich die Bausubstanz befindet. Da ist 30 Jahre alter Beton ununterbrochen im Kontakt mit Wasser. Wenn da ein Riss auftritt, haben wir ein echtes Problem“, gab er zu bedenken.

Klärschlamm kann nicht mehr ausreichend verdichtet werden

Derzeit sorge die Kläranlage noch für eine ausreichende Qualität des Wassers, aber es existiere ein weiteres Problem, so Wagner: Durch den ständigen Betrieb an der Maximalgrenze könne der Klärschlamm nicht mehr ausreichend verdichtet werden. Die gewünschte Verweildauer des Schlamms werde nur in 45 Prozent des Messungszeitraums erreicht. Dadurch fallen mehr Klärschlamm und damit auch mehr Entsorgungskosten an, als eigentlich nötig wäre.

Die von Hruby zunächst vorgestellte erste Lösungsvariante beinhaltet den Bau zweier weiterer Klärbecken. Mit diesen könnten dann sowohl Mikroplastik als auch Medikamentenrückstände aus den Abwässern gefiltert werden. Mit der größeren Kapazität läge dann ebenso die Verweildauer des Klärschlamms bei den gewünschten Werten.

Der große Nachteil daran ist aber laut Hruby der wachsende Platzbedarf. Bürgermeister Jörg Muth (CDU) berichtete, dass er bereits im Gespräch sei mit dem Grundstücksbesitzer, dessen Flurstück im Norden an die Kläranlage angrenzt. „Nach Süden hin ist das Land sowohl FFH-Schutzgebiet als auch Hochwasserschutzgebiet und kann nur im Notfall in Betracht gezogen werden“, so das Stadtoberhaupt.

Ein Faulturm soll es richten

Die zweite Variante hingegen lasse sich auf dem vorhandenen Grundstück realisieren: der Bau eines Faulturms. Mit der Herausnahme des Schlamms für die Gasnutzung nach bereits 15 anstatt 45 Tagen wäre auch die Kapazität in ausreichendem Maße hergestellt und könne mit den vorhandenen Klärbecken sichergestellt werden. Mit der Verbrennung der Faulgase ließen sich sogar 60 Prozent des Strom- und Wärmebedarfs der Kläranlage decken. Der Klärschlamm wäre damit weit komprimierter als zuvor und es würden weniger Entsorgungskosten anfallen.

Die ersten beiden Varianten erforderten jeweils Investitionskosten von rund 4,5 Millionen Euro, bei denen die Grundstückskosten noch nicht eingerechnet seien. Die Betriebskosten lägen bei Variante II etwas niedriger, da die benötigte Energie teilweise selbst produziert werden könnte, so Hruby. Bis zum Umbau der Kläranlage werden aber „wohl noch drei bis sechs Jahre vergehen. Es sind vorher noch Tausende Schritte zu tun“, warf Muth ein.

Eine Kooperation mit Erlensee lehn Jörg Muth ab

Die Variante III, eine Zusammenarbeit mit dem Nachbarn aus Erlensee, wurde von Muth direkt verworfen: „Wir haben vor Jahren darüber gesprochen. Jetzt ist auch unsere Nachbarkommune an der Grenze der Möglichkeiten.“ Muth bevorzugt jedoch „eine Variante, bei der wir autark bleiben und uns nicht an Investitionen der Nachbargemeinde beteiligen müssen“.

Planungsbüro, Betriebsleiter und Bürgermeister empfahlen den Ausschüssen die zweite Variante. Die Mitglieder einigten sich einstimmig darauf, dem Magistrat grünes Licht für das weitere Vorgehen zu geben, um den Faulturm Realität werden zu lassen. Mike Mutterlose von den Freien Wählern enthielt sich allerdings der Stimme, da er ein zweites Gutachten eines unabhängigen Ingenieurbüros für notwendig erachtete. Sein entsprechender Antrag wurde von den anderen Stadtverordneten abgelehnt.

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