60 Selbolder Laiendarsteller wirkten mit an der Neuinszenierung des "Selbolder Bachtanzes". Foto: Habermann

Langenselbold

Riesenspaß beim Bachtanzspektakel im Schlossgarten

Langenselbold. Eine Theaterinszenierung mit Lach-, Knall- und Platsch-Effekten stand am Samstagabend im Schlossgarten auf dem Programm. Laienschauspieler führten den "Bachtanz zu Selbold" in einer zeitgemäßen Version auf.

Von Rainer Habermann

Ist es so gewesen? Oder anders? Egal: am Samstagabend lieferte ein „Dorf“ seine ganz eigene Interpretation von Geschichte. Der historische – oder zumindest historisch geglaubte - „Bachtanz zu Selbold“ feierte "prickelnde Urständ" vor der ebenso historischen Kulisse des Schlosses zu Selbold. Ein echter Spaß, mit allem, was dazu gehört.60 Laiendarsteller engagierten sichMarkus Karger hieß der Mann der Stunde, Regisseur der über 60-köpfigen Bachtanz-Truppe und ihrer „kleinen Helfer, großen Helfer, Super-Helfer und Workaholics“, wie Andy Böckler als Erzähler und „Engel-Wirt“ am Ende meinte.Über Karger und seine Frauen und Mannen war im Vorfeld so viel berichtet worden, dass, um im Bild der „fröhlichen Urständ“ zu bleiben, den „echten Selboldern“ gar nichts anders übrig blieb, als zu der Uraufführung des neuen Bachtanz-Spektakels im Schlossgarten zu gehen.Stehende Ovationen für CharakterheldenWer zu Hause blieb, war selber schuld, er verpasste einen Riesenspaß mit stehenden Ovationen des Publikums am Ende; in einem ausverkauften Freiluft-Halbrund, das gut und gerne noch hunderte weitere Stühle vertragen hätte.Er verpasste Laienschauspieler, die sich im Laufe der Inszenierung als wahre Charakterhelden und ebensolche Heldinnen entpuppten. Er verpasste eine Lokalmatadorin, Bettina Böckler, in der Rolle der „Engels-Wirtin“, die mit ihrer hysterischen Mutter-Nummer ein ums andere Mal Szenenapplaus einheimste.Kabarettist überzeugte in drei RollenEr verpasste einen (nicht nur) stadtbekannten Kabarettisten, Matthias Mayer, der in der Rolle des glühenden Liebhabers „Heinrich“ halbwegs überzeugte, als „Knastbruder“ dann schon eher, vollends aber als begossener Pudel in der Furt der Gründau, liebevoll reproduziert mitten im Schlosspark.Er verpasste einen „Bettler“, Ewald Knelangen, der in klassischem „Raal“-Dialekt und bis zur Unkenntlichkeit zerlumpt, wie ein Mahner in der Wüste vor der drohenden Gefahr warnte. Er verpasste ein Bataillon „waschechter“ Mainzer Soldaten auf echten Pferden, die zum Sturm auf das Dorf ihre Runden im Hinterhof des heutigen Rathauses drehten. Und er verpasste zu guter Letzt ein wahres kleines Volksfest, das es in dieser Form nur alle Jubeljahre geben dürfte.Zeitgemäße Komödie statt VolkstümeleiHatte jüngst ein lokaler Hobbyhistoriker noch die Reliquien einer Bachtanz-Aufführung während der Zeit des Nationalsozialismus wieder ausgegraben, so hatte die neue Inszenierung mit jener Glorifizierung des Völkischen und des Volkstums herzlich wenig zu tun. Im Grunde genommen gar nichts.Kargers Bachtanz, immerhin nach dem Theaterstück von Hermann Gottlieb, „Der Bachtanz von Selbold – Heimatfestspiel in drei Aufzügen mit Liedern und Tänzen“ aus dem Jahr 1935, hatte zwar den Text als Probenvorlage. Was er mit dem Ensemble aus (heutigen) Theaterlaien daraus machte, war eine erfrischende Komödie so recht nach dem Geschmack eines (heutigen) Publikums.Neuinszenierung kam mit wenig Pathos ausHistorische Elemente darin, wie etwa der Graf von Ysenburg mit seiner Gattin, gespielt von einem „echten“ Vertreter der Linie (aber mit „I“), dem (heutigen) Stadtverordneten John Philipp Prinz von Isenburg und von Andrea Heinlein, kamen wortlos daher.Dafür durften die Weiber und Burschen des historischen Dorfes Selbold umso mehr die Rede schwingen, war auch die Liebesgeschichte zwischen Marie (Sandrin Mohn), der Tochter des Schultheiß, und besagtem Wirtssohn Heinrich (Matthias Mayer) eine „echt unstandesgemäße“, und kam das Pathos, die „Heldenverehrung“, angenehm zu kurz in der Neuinszenierung. Gottlob, nicht Gottlieb. Bauernschläue siegteWer also eine originalgetreue Rekonstruktion des Bachtanzes erwartet hatte, wurde enttäuscht. Wer sich eine nette Theaterinszenierung mit Lach-, Knall- und Platsch-Effekten erhoffte, der kam voll auf seine Kosten.Und am Ende „siegte“ nicht ein überhöhtes „Volk“ über „jüdischen Ungeist“ wie im Original, sondern „gesunder Bauerngeist“ über Dünkel, Einfalt und schiere Macht. Zumindest im Spiel, und mit einem Augenzwinkern.

Da die Schauspieler allesamt mehr oder weniger stadtbekannt sind, blieb die Kirche auch im Dorf, wenn schon die Gründaufurt in den Schlosspark wanderte.

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