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Prozess gegen Selbolder: Keine Belege für Erpressung

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Am Hanauer Landgericht wurde der Prozess gegen den 47-jährigen Langenselbolder mit dem dritten Verhandlungstag fortgesetzt. Archivfoto: Thorsten Becker
Am Hanauer Landgericht wurde der Prozess gegen den 47-jährigen Langenselbolder mit dem dritten Verhandlungstag fortgesetzt. Archivfoto: Thorsten Becker

Hanau/Langenselbold. Im Mittelpunkt des Verfahrens gegen einen 47-jährigen Selbolder, dem versuchter Mord an seiner Noch-Ehefrau und weitere Delikte vorgeworfen werden, standen am dritten Verhandlungstag Fragen der Unterschlagung von Laptops und PCs, aber auch Aussagen von Ermittlern zum „schwarzen Kleinwagen“.

Von Rainer Habermann

War der schwarze oder dunkle Wagen, den Zeugen in der Nacht des 13. Januar 2018 in Seligenstadt gesehen haben wollen, das Tatfahrzeug? Es wurde beobachtet, dass eben ein solcher Wagen in der Nähe des Tatortes wegfuhr, wo just die Ehefrau des Beschuldigten niedergeknüppelt und wo ein gebückt wegrennender, großer Mann gesichtet worden war. War es jener schwarze Opel Corsa, den der Angeklagte – angeblich auf Forderung eines Erpressers – am Wochenende des 12. bis 14. Januar 2018 angemietet hatte? Ein 29-jähriger und ein 33-jähriger Kripobeamter sagten dazu aus.

Die Spurensicherung, die sich in der Langenselbolder Schulstraße den Corsa anschaute, fand im Kofferraum „Holzsplitter, länglich verteilt“, und „Schmutzpartikel auf den Fußmatten unter dem Lenkrad“. Aber Beweise einer Beteiligung des Angeklagten an dem Überfall auf seine Frau, gar als Täter, gibt es nicht. Es sind Indizien; sie deuten allenfalls darauf hin, dass die Dachlatte, mit der auf die Ehefrau eingeschlagen wurde, in diesem Kofferraum gelegen haben könnte. Auch die mit dem Mietfahrzeug gefahrenen 270 Kilometer lassen keinen Rückschluss auf den Angeklagten als Täter zu. Es sollen ja ein oder mehrere Erpresser gewesen sein, die ihm auch am Sonntag, den 14. Januar 2018, den Schlüssel in den heimischen Briefkasten nahe der Schulstraße geworfen habe; wie zugesagt.

Ermittler glauben nicht an Erpressungs-Version des Angeklagten

Im Gerichtssaal gezeigte Aufnahmen der Video-Überwachungsanlage vor der Haustür des Angeklagten belegen lediglich, dass ein Beamter der Autobahnpolizeistation Langenselbold um etwa 2.30 Uhr morgens am Tattag dort geklingelt hat. Die angebliche Rückgabe des Schlüssels am Mittag des gleichen Tages belegen sie nicht, weil der Briefkasten außerhalb des Blickwinkels der Kamera liegt.

An eine tatsächlich stattgefundene Erpressung glaubt der 33-jährige, als Zeuge vernommene, Ermittlungsbeamte nicht. Er hatte dem Angeklagten seinerzeit die Nachricht überbracht, dass er im Sorgerechtsstreit mit seiner mittlerweile in Scheidung lebenden Ehefrau um die drei gemeinsamen Kinder unterlegen sei. Und ihm gleichzeitig ein Annäherungsverbot an sie ausgesprochen. „Es gibt für die angeblichen Erpresseranrufe keinerlei Belege“, resümierte der Kripobeamte und bekundete, dass auch eine Ermittlungsgruppe von fünf Kriminalisten gebildet worden war. Zu deren Tätigkeiten gehörte auch die Überwachung der Telekommunikation des Angeklagten.

Ausrangierte Firmenlaptops für Sportverein verwendet

Den an diesem Tag zur Verhandlung anstehenden, zweiten Vorwurf gegen den 47-Jährigen, nämlich die Unterschlagung oder der Diebstahl von betriebseigenen Laptops, PCs, Festplatten und Mobiltelefonen, will dieser ebenfalls nicht begangen haben. Im Gegenteil, so sagt er. Es sei sogar schriftlich belegter Usus bei seinem Arbeitgeber, einer Landesbehörde, gewesen, dass ausrangierte Hardware gemeinnützigen Einrichtungen zukommen dürfe. Und als Vorstandsmitglied eines Sportvereins habe er diese Hardware mit gelöschter Software bei sich zu Hause neu installiert und für Vereinszwecke verwendet. Und einige Laptops durchaus auch privat genutzt, was ihm ein im Gerichtssaal gezeigter Vermerk seines Vorgesetzten ausdrücklich zubillige; zumindest nach seiner Auffassung.

Zwei Zeugen der Landesbehörde war dieses Schreiben aus dem Jahr 2011 „völlig neu“, wie sie bekundeten. Der Angeklagte verwahrte sich auch gegen eine ebenfalls im Gerichtssaal gezeigte Liste, nach der insgesamt 39 PCs, Laptops, Festplatten und Mobiltelefone bei einer Hausdurchsuchung bei ihm am 19. Januar 2018 von der Polizei sichergestellt wurden. 29 davon gehören zwar nach Aussage der Zeugen und anhand der Liste in irgendeiner Form zum ehemaligen Bestand der Landesbehörde, allerdings mit Einschränkungen. So musste ein 57-jähriger Stabsstellenleiter selbst eingestehen, dass es „auch 40 andere Kollegen gewesen sein können“, die Vermerke in eine Datenbank schreiben durften.

Und aus dieser Datenbank seien schließlich sechs Objekte auf der Liste hervorgegangen, welche als „kritisch“, also „gestohlen“ oder „Verbleib unklar“, eingestuft wurden. Auf entsprechende Fragen des Vorsitzenden Richters der Kammer, Dr. Peter Graßmück, erklärte der Revisor der Landesbehörde, dass man lediglich noch den Ausgang dieses Prozesses abwarten wolle, bevor die Praxis des Umgangs mit ausrangierter Hardware generell auf den Prüfstand gelange.

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