„Jüdische Bürger müssen Langenselbold verlassen, hier der Abstransport vor dem Rathaus 1938“. In der Bildunterschrift in der Neuauflage von Christine Wittrocks Buch wird ferner darauf hingewiesen, dass die Aufschrift auf dem Lkw nachträglich unkenntlich gemacht worden ist. Archivfoto: PM/Cocon-Verlag

Langenselbold

Neuauflage von Buch zur Judenverfolgung in Langenselbold

Langenselbold. Die Neuauflage von Christine Wittrocks Buch „Das Unrecht geht einher mit sicherem Schritt“ beleuchtet die Nazi-Zeit in Langenselbold. Wie bereits in einem Überblicksartikel am 13. Februar beschrieben, hat das Buch 1999 für Furore gesorgt.

Von Torsten Kleine-Rüschkamp

Die Familie eines im Buch beschriebenen Langenselbolders war gerichtlich gegen die Veröffentlichung vorgegangen. Das Buch durfte nur mit Schwärzungen von Textpassagen erscheinen. Sie sind in der Neuauflage nach wie vor vorhanden. Unsere Zeitung beschreibt in dieser Folge das Thema Judenverfolgung als einen Teilaspekt aus Wittrocks Buch.

Am 11. November 1938 hat die „Langenselbolder Zeitung“ laut Wittrock die Ereignisse der Novemberpogrome in Langenselbold wie folgt bejubelt: „Die hiesige Synagoge, die stets bei Tag und Nacht der Sammelpunkt der Juden war und in der sie alle ihre Pläne und Gaunereien gegen unser Bauerndorf und seine Bevölkerung ausheckten, ist am gestrigen Tag in Stücke gegangen . . . Die hiesigen Juden müssen nun endlich einsehen, dass hier in einem deutschen Bauerndorf schon längst für sie kein Platz mehr ist und sich auf dem schnellsten Weg verduften.“

Alltäglicher TerrorDie Autorin schreibt: „Im November 1938 wurden alle männlichen arbeitsfähigen Juden festgenommen, zum Rathaus gebracht und dort unter Tätlichkeiten sowie Hohn- und Spottrufen einer großen Menschenmenge auf Lastwagen geladen und nach Hanau gebracht.“ Die meisten seien dann für einige Zeit in Konzentrationslager eingewiesen worden.

Die letzten 40 bis 50 Juden aus Langenselbold seien im September 1942 abgeholt und vom Langenselbolder Bahnhof aus nach Hanau und von dort in die Vernichtungslager gebracht worden. Zunächst sei Selma Sauerwein als einzige Jüdin in Langenselbold geblieben. Die Ehefrau eines „Ariers“ habe lange unter „alltäglichem Terror“ gelitten und sei noch in den letzten Kriegsmonaten abgeholt worden und ins KZ Theresienstadt deportiert worden. Sauerwein habe aber überlebt und sei nach der Befreiung des Konzentrationslagers nach Langenselbold zurückgekehrt.

Verheerendes KlimaDie Historikerin beschreibt das Klima von Denunziation und Bespitzelung während der zwölf Jahre Faschismus in einem so kleinen Ort wie Langenselbold als besonders verheerend. In Langenselbold sei aufgrund seiner bescheidenen Größe schließlich kein anonymes Leben möglich gewesen.

Die Wissenschaftlerin beschreibt exemplarisch die Geschichte des Ehepaares Fritz und Hedwig Worch, das auf dem Baumwieserhof arbeitete. Das Paar soll im Krieg einen englischen Radiosender gehört haben. Sie seien wahrscheinlich von anderen Mitarbeitern des Hofes denunziert worden.

„Die beiden Polizeimeister Hohmann und Iser auf der Polizeibehörde im Langenselbolder Rathaus nehmen den Fall pflichtgemäß auf und leiten ihn weiter. Das Ehepaar Worch wird 1941 zu sechs beziehungsweise vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Fritz Worch kehrt aus der Haft nicht mehr zurück. Er kommt im Januar 1944 im Zuchthaus um“, so Wittrock.

Christine Wittrock, „Das Unrecht geht einher mit sicherem Schritt – Notizen über den Nationalsozialismus in Langenselbold und Schlüchtern“, ISBN 978–3–86314–290–2, Cocon-Verlag, 2017, 110 Seiten, Hardcover, 14,80 Euro.

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