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Langenselbolder Stolpersteine: Schwierige Spurensuche

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Rundgang bei Dämmerung: Mit der Taschenlampe werden die Stolpersteine gefunden. Sie sollen erinnern, nicht anklagen. (Foto: Pongratz)
Rundgang bei Dämmerung: Mit der Taschenlampe werden die Stolpersteine gefunden. Sie sollen erinnern, nicht anklagen. (Foto: Pongratz)

Langenselbold. Startpunkt für den Rundgang zu den Stolpersteinen in Langenselbold war die evangelische Kirche. Regen und Wind am Samstagnachmittag sorgten allerdings dafür, dass Bärbel Tárai, die Initiatorin der Führung, den geplanten Ablauf spontan änderte.

Von Ulrike Pongratz

Sie lotste die kleine Gruppe interessierter Zuhörer zunächst in den „Raum Glück“. „Herzlich willkommen zum Stuhlkreis Stolpersteine. Dieses Wetter wirbelt alles durcheinander.“ Die Änderung hat der Veranstaltung gutgetan. Denn im warmen Raum erzählte es sich entspannt und auch das Zuhören fiel leichter. Tatsächlich wurde es schon dunkel, als die Gruppe sich auf den Weg machte, sich die Erinnerungssteine vor Ort bewusst zu machen. Das sei in erster Linie das Anliegen der 2010 gegründeten Gruppe Stolpersteine, sagte Tárai, zum 75. Jahrestag der Deportation von Langenselbolder Juden. Außer den Stolpersteinen – 46 vor den letzten freiwilligen Wohnstätten von Juden und sechs im Rathaus – und einer Gedenkschrift gäbe es sehr wenig zur Geschichte jüdischer Familien und deren Nachkommen.

Nachforschungen in der Freizeit

Die Spurensuche sei schwierig, Zeitzeugen fehlten. Sie selbst betreibe diese Nachforschungen als Autodidaktin in ihrer Freizeit. Bereits gegen Ende des 17. Jahrhundert hätten sich erste jüdische Familien als „Schutzjuden“ in Selbold angesiedelt. Ihre Zahl sei bis 1920 auf etwa 200 Personen angewachsen. Es habe Synagogen, Bäcker, Metzger, jüdische Kaufhäuser gegeben. Bis 1933 wären jüdische Familien in die Gesellschaft integriert gewesen.

„Ab 1933 begann die systematische Entrechtung von Juden, begann der Ausschluss aus dem öffentlichen Leben und eine Schikane, die auch vor dem Privatleben nicht Halt machte. Grausamer Höhe- und Schlusspunkt waren die Deportationen am 30. Mai 1942 und am 5. September 1942, die direkt in die Vernichtungslager führten“, sagte Tarái.

Bewegende Geschichten

„Gebt der Erinnerung Namen“: Dieser Forderung von Saul Friedländer kommen die Stolpersteine immerhin nahe. Tarái erzählte darüber hinaus, was sie über die Familien, über Deportierte, Ermordete und Überlebende in Erfahrung gebracht hatte. Die Buchhändlerin recherchierte in diversen Archiven von Stadt, Kreis und Land, im Alemannia Judaica, sie loggte sich bei Yad Vashem und weiteren Forschungs- und Dokumentationszentren ein.

Bärbel Tárai berichtete von der Familie Isaak, die ihre über 80-jährige Großmutter mit dem Holzwagen zur Deportation nach Theresienstadt karren mussten, von der Kaufmannsfamilie Hamburger, für die acht Stolpersteine in Langenselbold liegen. Sie zeigt den Davidstern von „Oma Sauerwein“, die nie über diese Zeit sprechen wollte. Ihre Familie war lange Zeit Ansprechpartnerin für jüdische Belange.

Schicksale lassen niemanden unberührt

Tárai kennt das Schicksal vieler weiterer jüdischer Familien, deren Mitglieder zum Teil deportiert wurden, zum Teil sind sie emigriert. Sie sucht weiter nach Nachkommen, freut sich über eine gelungene Kontaktaufnahme. „Manche freuen sich über ein Foto vom Haus ihrer Vorfahren, vom Friedhof, vom Grab, andere melden sich nicht.“

Die Schicksale der jüdischen Familien Kanthal, Goldschmidt, Sommer, Katz, Seiferheld gingen alle unter die Haut, niemand blieb unberührt. Inzwischen war es dunkel geworden, doch der Regen hatte nachgelassen. Der erste Erinnerungsstein, über den die Gruppe stolperte, lag in Zusammenhang mit „Raum Glück“: Katharina und Salomon Simon, die ehemaligen Eigentümer wurden deportiert, ihre fünf Söhne sind nach Südafrika emigriert. Der ein wenig verkürzte Rundgang durch das historische Langenselbold endet am Rathaus, an der Stelle wo sich vor 75 Jahren die Juden sammeln mussten.

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