Anfang des Jahres musste Tobias Dillmann (rechts) in der Stichwahl um die Nachfolge von Bürgermeister Jörg Muth eine schmerzliche Niederlage hinnehmen. Nun hat er nach den Querelen um Patrick Heck seinen Rücktritt als Selbolder CDU-Chef erklärt.
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Anfang des Jahres musste Tobias Dillmann (rechts) in der Stichwahl um die Nachfolge von Bürgermeister Jörg Muth eine schmerzliche Niederlage hinnehmen. Nun hat er nach den Querelen um Patrick Heck seinen Rücktritt als Selbolder CDU-Chef erklärt.

Lokalpolitik

Langenselbolder CDU steht vor Scherbenhaufen: Mehrere Rücktritte nach Ränkespielen

  • Lars-Erik Gerth
    vonLars-Erik Gerth
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24 Jahre lang hat die CDU in der Gründaustadt mit Heiko Kasseckert (1996 bis 2008) und Jörg Muth (2008 bis 2020) den Bürgermeister gestellt. Seit 2001 sind die Christdemokraten in der früheren roten Hochburg die stärkste Fraktion, erzielten zweimal sogar die absolute Mehrheit. Nun aber, nach der unheilvollen Suche nach einem Kandidaten für das Amt des Ersten Stadtrats, steht die Partei vor einem Scherbenhaufen.

Langenselbold – Am Dienstag (15. September 2020) wurde nämlich bekannt, dass der CDU-Stadtverbandsvorsitzende und vormalige Bürgermeisterkandidat Tobias Dillmann seinen sofortigen Rücktritt erklärt hat, den er auf Rückfrage des HANAUER ANZEIGER auch bestätigte. In einem Brief, der an alle Selbolder Parteimitglieder versandt wurde und der Redaktion vorliegt, legt Dillmann die Gründe für seine Entscheidung dar und erhebt schwere Vorwürfe in Richtung des CDU-Stadtverordneten Patrick Heck. Dieser wurde trotz der ausdrücklichen Ablehnung seiner Nominierung durch die CDU-Mitgliederversammlung von der Fraktion (sie allein kann den Bewerber nominieren) mit 9:6 Stimmen zum Kandidaten für die zweite hauptamtliche Magistratsstelle bestimmt. Obwohl der Koalitionspartner SPD mit einem einstimmigen Fraktionsbeschluss klar gemacht habe, Heck nicht zum Ersten Stadtrat zu wählen, es laut Dillmann für die „Kandidatur Hecks und die CDU keine Chance auf einen Wahlerfolg“ gäbe, „hat Heck weiter an seiner Kandidatur festgehalten“.

Im Gespräch mit unserer Zeitung wies Dillmann nochmals darauf hin, dass Heck dem Stellenprofil für die Position des Ersten Stadtrats nicht entspreche. Dieses Stellenprofil hat Dillmann auch seinem Schreiben an die Parteimitglieder angehängt. Gesucht wird demnach ein Jurist, Ökonom oder Verwaltungsfachwirt im Alter zwischen 35 und 45 Jahren „mit fundierten beruflichen Erfahrungen“. Der 31-jährige Heck ist noch Student und nebenher freiberuflich tätig.

Langenselbold: Schwere Vorwürfe gegen CDU-Stadtverordneten Patrick Heck

Zwar habe es dann nach einem Gespräch zwischen Heck, Kasseckert, Dillmann und dem stellvertretenden Stadtverbandsvorsitzenden Gerhard Groß – mit „eindringlichen Appellen an Heck, seine Bewerbung zurückzuziehen“, so Dillmann – einen überraschenden Vorschlag des Kandidaten an die Parteigremien gegeben. Heck habe darin aber seinen Verzicht auf die Kandidatur mit „nicht abänderbaren Bedingungen“ verknüpft. Dillmann bezeichnet in seinem Brief an die Selbolder Parteimitglieder Hecks Vorgehen als „Erpressung von Partei und Fraktion beim Verzicht der Nominierung“, die einer christlichen Partei nicht würdig sei.

Das deckt sich mit Heiko Kasseckerts Urteil. Der frühere Bürgermeister und heutige Landtagsabgeordnete sieht durch das Verhalten von Heck und der Fraktion schlicht die demokratischen Regeln ausgehebelt. „Die Mitgliederversammlung als das höchste Gremium der Partei hat beschlossen, Patrick Heck nicht zu nominieren. Diese demokratische Entscheidung wird von Heck und der Fraktionsmehrheit einfach ignoriert. Das ist mit den politischen Werten der CDU unvereinbar. Aber alle Gespräche haben nichts genützt. Es ist ein unüberbrückbarer Riss zwischen der Partei und den handelnden Personen in der Fraktion entstanden. Zum Schaden der Langenselbolder CDU“, ist Kasseckert beim Telefonat mit dieser Zeitung auch die Ratlosigkeit über dieses „furchtbare Dilemma“ deutlich anzuhören.

CDU Langenselbold: Heck weist Vorwürfe zurück

Patrick Heck weist unterdessen auf unsere Nachfrage hin den Vorwurf der Erpressung entschieden zurück. Er habe viel mehr als Kompromiss einen Stufenplan vorgeschlagen, der dann auch von der Fraktion angenommen worden sei. Demnach schlägt die CDU nun den derzeitigen ehrenamtlichen Stadtrat Gerhard Groß als neuen Ersten Stadtrat vor. Heck hält seine Entscheidung zu kandidieren zwar weiterhin „zu 100 Prozent“ für richtig, doch seien seine Aussichten auf eine Wahl aufgrund der Ablehnung der SPD nicht sehr groß gewesen.

An diesem Abend Ende 2017 schien die Karriere von Patrick Heck in der Selbolder CDU zu Ende zu sein, als ihn die Mitglieder als Parteivorsitzenden abwählten. Doch Heck kam wieder und steht nun kurz davor, Fraktionschef zu werden.

„Es hängt nun zunächst alles davon ab, ob Gerhard Groß am 28. September vom Stadtparlament zum neuen Ersten Stadtrat gewählt wird. Wenn dies eintritt, wird unser bisheriger Fraktionsvorsitzender Gerhard Mohn in der Novembersitzung als ehrenamtlicher Stadtrat den Platz von Gerhard Groß im Magistrat übernehmen. Und dann werden Gerhard Mohns Ämter als Fraktionschef und Vorsitzender des Haupt- und Finanzausschusses (HFA) neu gewählt“, erläutert Heck seinen Stufenplan. Er selbst werde für das Amt des Fraktionsvorsitzenden der CDU kandidieren und seine Fraktionskollegin Steffi Gerk für den Vorsitz des HFA.

Appell blieb in der Langenselbolder CDU-Fraktion ungehört

Laut Dillmann seien das Vorgehen und die Bedingungen von Heck vom Vorstand scharf kritisiert und erneut an ihn appelliert worden, „den Weg für die Suche externer Kandidaten freizumachen. Leider blieb auch dieser Appell in der Fraktion ungehört“.

Dass sich Gerhard Mohn bereit erklärt hat, in den Magistrat zu wechseln, stößt bei Dillmann – und übrigens auch beim ehemaligen Bürgermeister Jörg Muth – auf besonders großes Unverständnis. Hecks Vorschlag, so Dillmanns Vorwurf an den amtierenden Fraktionsvorsitzenden, sei erst durch Mohns Bereitschaft möglich geworden, als ehrenamtlicher Stadtrat in den Magistrat zu wechseln.

Gerhard Mohn wiederum kann die ganze Aufregung nicht nachvollziehen. So sei durch Patrick Hecks Bewerbung überhaupt erst Bewegung in die Suche nach einem Kandidaten für die Position des Ersten Stadtrats gekommen, so Mohn gestern auf Nachfrage unserer Zeitung.

CDU Langenselbold: Neue Aufgabe würde Mohn reizen

Und bezüglich seines geplanten Wechsels in den Magistrat, weist Mohn darauf hin, dass er in seiner langen kommunalpolitischen Laufbahn zwar schon mehrfach CDU-Partei- und Fraktionschef sowie auch Stadtverordnetenvorsteher und Ausschussvorsitzender gewesen sei, jedoch nie dem Magistrat angehört habe. Eine solche für ihn neue Aufgabe würde ihn entsprechend reizen.

Derweil kann auch Jörg Muth nur den Kopf über die Vorgänge in der Selbolder CDU schütteln. Auch er habe Patrick Heck klar gesagt, was er von seinem Vorgehen halte, so der langjährige Rathauschef gestern im HA-Gespräch. Hecks Handeln sei allein durch persönlichen Egoismus geprägt. Mit seinem Verhalten schade dieser der Partei nachhaltig, so Muths Einschätzung.

Nicht anders sehen es die stellvertretenden Vorsitzenden Christoph Obladen und Bernd Michael Matt, die genauso wie Schriftführerin Thea Schneider ebenfalls bereits ihren Rückzug aus dem Vorstand der Selbolder CDU angekündigt haben.

Dillmann begründet die Niederlegung des Parteivorsitzes der CDU Langenselbold

Sie dürften auch die Ansichten von Tobias Dillmann teilen, der zu seiner Entscheidung, den Parteivorsitz niederzulegen, zusammenfassend in seinem Brief an die Mitglieder schreibt: „Das Blockieren der Suche nach einem geeigneten auch auswärtigen Kandidaten, das Risiko, nicht als Erster Stadtrat gewählt zu werden, und die anschließende Erpressung von Partei und Fraktion beim Verzicht der Nominierung sind einer christlichen Partei nicht würdig. Wenn die Fraktion sich mehrheitlich gegen den Willen der Partei stellt, dann bleibt für mich nur die Konsequenz, diese Partei nicht mehr zu führen.“

Er, so Dillmann weiter, bedauere diese Entwicklung und diesen Schritt. „Die Auseinandersetzungen begleiten uns schon längere Zeit und haben uns den Blick auf die so wichtige Sacharbeit verstellt. Die Arbeit in der Fraktion ist an Egoismen und nicht an politischen Zielen gescheitert. Der so dringende Neuanfang bleibt damit leider aus“, stellt der zurückgetretene Vorsitzende frustriert fest.

Er will sich, was die Selbolder Politik angeht, jetzt eine Pause gönnen und verzichtet darauf, bei der Kommunalwahl 2021 für die Stadtverordnetenversammlung zu kandidieren. Bis zum Ende der laufenden Legislaturperiode will er aber Stadtverordnetenvorsteher bleiben.

Den Kommentar der Redaktionsleiterin des HANAUER ANZEIGER finden Sie hier.

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