Hier rieselt der Kalk, genauer gesagt kohlensaurer Magnesiumkalk, aus dem Sack vom Boot in den Kinzigsee.

Langenselbold

Kinzigsee wird gegen Algen geimpft

Langenselbold. „Ach nee, wie gemein ist das denn!?“ Claudia Wasgien fasst es nicht. Das Tor zum Kinzigsee ist verschlossen wie die Pforte von Fort Knox. „Da hat man mal unter der Woche frei“, sagt die Frau.

Von Torsten Kleinerüschkamp

Damit die Freigerichterin nicht umsonst ihr leichtes Strandkleid ausgesucht und ihren Korb für einen sommerlichen Tag am Strand gepackt hat, empfehlen wir ihr als Reporter und Fotograf dieser Zeitung stattdessen halt nach Nieder-Roden zu fahren, wo es auch einen prima Sandstrand mit FKK-Bereich gibt.

Kalk neutralisiert pH-Wert

Ab Donnersatg soll aber der Langenselbolder Kinzigsee für das sommerliche Badevergnügen öffnen. Zuvor musste der See erst einmal mit Kalk unter dem Zusatz eines Fällmittels „geimpft“ werden. Das Prozedere hat sich bewährt. Damit der pH-Wert des Wassers neutral ist, wird kohlensaurer Magnesiumkalk und Eisen(III)-Chlorid in das Wasser eingebracht.

Bevor man oder frau Badehose beziehungsweise Badeanzug und Bikini überstreifen können, ist erst einmal die Zeit der weißen Overalls und gelben Gummistiefel gekommen. Mehr als ein halbes Dutzend Männer arbeitet seit gestern daran, das Badevergnügen im Kinzigsee angenehm zu machen. Der See ist nämlich nicht irgendein Gewässer und schon gar kein Kiessee, in denen ständig Grundwasser zufließt.

pH-Wert seit 15 Jahren ein Problem

„Das Wasser des Sees stammt ausschließlich aus der Kinzig. Bei Hochwasser speist der Fluss stets den Kinzigsee“, erklärt der Frankfurter Limnologe und Hydrologe Steffen Zober. Die Limnologie ist die Wissenschaft der Seen und Binnengewässer und die Hydrologie die Wissenschaft vom Wasser. Seit 15 Jahren ist der Kinzigsee Patient in Sachen eines zu basischem pH-Wertes. Ein pH-Wert von 10 oder mehr treibt wiederum den Algenwachstum an. Durch die Zugabe der „Naturmittel“, wie sie von Zober bezeichnet werden und die auch in normalen Kläranlagen verwendet werden, erreicht der pH-Wert des Wassers einen neutralen Wert.

Die Mittel werden im Großhandel von der Stadt Langenselbold eingekauft. „Wir haben um 6 Uhr früh angefangen. Der Kalk und das Fällmittel setzen sich in 48 Stunden auf den Boden ab, so dass am morgigen Fronleichnam das Bad offiziell eröffnet werden kann. Die Wasserqualität wird regelmäßig mit Messungen überwacht. Der 21 Hektar große See wird durch eine bewegliche Tauchplane geteilt, die 6,20 Meter tief reicht. Sie teilt den See von dem behandelten und dem unbehandelten Wasser. Die behandelte Fläche umfasst etwa ein Viertel der gesamten Seefläche. „Durch die Schutzplane wird die Gefahr durch Blaualgen im Badebereich minimiert“, so Zober.

Impfungen mehrmals pro Jahr nötig

Durch die Zugabe der Mittel werden die Nährstoffe und die Algen aus dem Oberflächenwasser ausgefällt. Die Menge, die eingefüllt wird, schwankt von Jahr zu Jahr. „Wir müssen ja mehrmals impfen pro Jahr, manchmal zwei- oder dreimal“, sagt Zober. Pro Jahr werden zirka vier bis fünf Tonnen Kalk und zirka 15 000 Liter Fällmittel zugesetzt. „Wir haben das Verfahren so optimiert, dass wir heute mit einem Drittel weniger Kalk und Fällmittel auskommen als vor 15 Jahren“, so der freiberufliche Wissenschaftler, der als Mitarbeiter der Firma der AGLHH (Arbeitsgemeinschaft für Limnologie und Hydrologie in Hessen) im Auftrag der Stadt Langenselbold arbeitet.

Das in Langenselbold angewendete Verfahren ist nach Zobers Darstellung an der Frankfurter Universität entwickelt worden. Die Männer fahren auf einem Pontonboot recht flott über den See. Die Schiffsschraube verquirlt Kalk und Fällungsmittel. Die Männer, die bis auf den Neu-Isenburger Hydrologen, alle Mitarbeiter der Langenselbolder Stadtverwaltung sind, tragen bei ihrer Arbeit Overalls. „Das machen wir deswegen, weil das eisenhaltige Flockenmittel, wenn es auf die Haut kommt, bräunliche Flecken hinterlässt. Im Wasser flockt das Mittel sofort aus“, erklärt er.

Die Männer, die bei hochsommerlichen Temperaturen in ihrer schweißtreibenden Schutzkleidung hart gearbeitet haben, werden quasi als Entschädigung und als Erste – diesmal aber mit Badehose – in den See steigen. „Das Wasser ist dann wunderbar klar“, sagt Zober. Der See ist kalkarm. Das liegt daran, dass es sich nicht um einen Kiessee handelt. Beim Ausbaggern im Zuge des Autobahnbaus stieß man in den 1970er Jahren nach einer mickrigen Kiesschicht auf Rotliegendes. Der Sandstein ist arm an Kalk und lässt auch kein Grundwasser aus dem Untergrund nach oben strömen.

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