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Kinderarztmangel: Dr. Stefan Sgoll hinterlässt Versorgungslücke

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Noch ist die Praxis von Dr. Sgoll an der Spessartstraße ein Anlaufpunkt für die kleinen Patienten. Foto: Häsler
Noch ist die Praxis von Dr. Sgoll an der Spessartstraße ein Anlaufpunkt für die kleinen Patienten. Foto: Häsler

Langenselbold. Der Kinderarzt Dr. Stefan Sgoll, der seine Praxis erst im Januar von Dr. Hans-Dieter Hüwer übernommen hatte, will in seinen Heimat- und Wohnort Gründau umziehen. Dies war ganz offensichtlich bereits bei Praxisübernahme geplant, wie wir jetzt auf Nachfrage beim Langenselbolder Bürgermeister Jörg Muth erfuhren.

Von Rainer Habermann

Der Zeitpunkt für eine Sitzverlegung liegt wohl noch etwas in der Ferne. Weitere Details wurden im Laufe der Woche bekannt. Sgoll meldete sich gegenüber unserer Zeitung am späten Donnerstagabend per E-Mail, allerdings nicht inhaltlich. Er werde sich „nicht zu einem Verfahren äußern, das zum jetzigen Zeitpunkt nicht abgeschlossen und dessen Ausgang aufgrund der Unabhängigkeit der urteilenden Instanzen nicht vorhersagbar ist“. An „Spekulationen, die großes öffentliches Interesse und Verunsicherung hervorrufen“, wolle er sich nicht beteiligen.

Der Kinderarzt, der sich auch auf das Gebiet der Kinder-Gastroenterologie (Erkrankungen des Magen-Darmtrakts, der Bauchorgane und Fragen der Ernährung) spezialisiert hat, hatte offenbar bereits vor Übernahme der Hüwer’schen Praxis in der Spessartstraße auf eine Baugenehmigung für das neue geplante Ärztehaus im Nachbarort Gründau gewartet. Die sei jetzt erteilt, mit dem Bau könne begonnen werden, so der Langenselbolder Bürgermeister. Das Genehmigungsverfahren hing lange Zeit in der Schwebe.

Ablehnung des Verlegungsantrags„Die Art und Weise, wie wir von der geplanten Praxisverlegung erfahren haben, ist nicht so ganz die feine englische Art“, kommentierte Muth die Tatsache, dass Eltern von Patienten bei der Stadtverwaltung angerufen hatten, als sie Mitte Februar in der laufenden Praxis von Dr. Sgolls Umzugsplänen Kenntnis erlangten.

Daraufhin bemühten sich sowohl Muth als auch die Leiterin des Fachbereichs Soziales, Familie und Kultur, Verena Lenz, und ebenso der Erste Stadtrat Gustav Schreiner, umgehend um eine Vermittlung. Schreiner bat in einem Schreiben an die Kassenärztliche Vereinigung (KV) um eine Ablehnung des Verlegungsantrags von Sgoll. Denn für die Stadt Langenselbold habe die Sitzverlegung nach Gründau ganz erhebliche Konsequenzen.

Kinderarztmangel im KreisDie Praxis in der Spessartstraße versorgt nicht nur sie mit fachärztlichen – in diesem Fall kinderärztlichen – Leistungen, sondern hat ein Einzugsgebiet von rund 40 000 Menschen. Auch in Erlensee, Neuberg und Ronneburg gibt es, laut Schreiner, keinen weiteren niedergelassenen Kinderarzt.

Für den Ersten Stadtrat ist die Sitzverlegung, neben erhöhtem Fahrtaufkommen für die Patienten, also Kinder und deren Eltern, aus noch einem weiteren Grund nicht nachvollziehbar. „Wir sind eindeutig eine prosperierende Zuzugskommune im Main-Kinzig-Kreis, haben rund 14 000 Einwohner und erwarten in unseren Neubaugebieten in relativ kurzer Zeit weitere 1000 bis 1500 Neubürger, überwiegend junge Familien mit Kindern“, meint Schreiner.

Keine räumlichen Probleme für die PraxisRäumliche Probleme gebe es für eine Praxis ohnehin nicht, es seien genügend Möglichkeiten auch in Langenselbold vorhanden oder projektiert. „Seit 1987 hatte Dr. Hüwer praktiziert, uns ist völlig unverständlich, warum es zukünftig keinen Kinderarzt mehr in der Stadt geben soll“, lautet der Kommentar Schreiners.

Eine Praxisverlegung stößt sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der gesamten Stadtverwaltung auf Kopfschütteln. Denn in dem Begriff „Verlegung“ liegt auch das Hauptproblem begraben: ist die Praxis erst einmal nach Gründau umgezogen, könne sich kein neuer Kinderarzt in Langenselbold niederlassen, wie Schreiner bestätigt.

Dependance-LösungenDamit tue sich für die 14 000-Einwohner-Kommune eine große Lücke in der medizinischen Versorgung auf. Der von der KV errechnete Facharztbedarf für den Main-Kinzig-Kreis liege fest, neue Fachärzte dürfen sich in ihm nicht niederlassen.

Lediglich Umzüge innerhalb des Kreises seien – auf Antrag – erlaubt. Und „Dependance-Lösungen“, also Zweitpraxen von im Landkreis niedergelassenen Fachärzten. Auf eine solche Dependance setzt jetzt wohl auch die Stadt in ihren weiteren Gesprächen mit dem Kinderarzt und den Gremien der KV. Oder auf ein Umbesinnen Sgolls.

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