Die frischgebackene Wahlhelferin verteilt die Wahlzettel an die Wähler. Foto: Häsler

Langenselbold

HA-Redakteurin war als Wahlhelferin in Langenselbold im Einsatz

Langenselbold. Freie Wahlen gehören zu den Grundfesten unserer Demokratie. Doch ohne die Menschen, die diese Abstimmungen leiten, könnte niemand von diesem Recht Gebrauch machen. Wahlhelfer sind also unabdingbar. Und wer denkt, sie würden den lieben, langen Tag nur faul herumsitzen und freundlich lächeln, der irrt.

Von Elfi Hofmann

„Irgendwann ist immer das erste Mal.“ Diesen weisen Satz hat mir schon meine Oma als kleines Kind mit auf den Weg gegeben. Dass mein erstes Mal als Wahlhelferin ausgerechnet um 7.30 Uhr am bisher kältesten Tag des Herbstes anfangen muss, davon war damals aber nicht die Rede.

So oder ähnlich schießt es mir an diesem Sonntagmorgen durch den Kopf, als ich gegen den kalten Wind ankämpfe und mich auf den Weg zu „meinem“ Wahllokal in der Gründauschule in Langenselbold mache. 600 Meter können um diese Uhrzeit ziemlich lang sein. Dort angekommen, warten bereits meine Kollegen für diesen Tag im neu erbauten Pavillon der Schule. Insgesamt sind wir sechs Personen, die bis zum Ende der Landtagswahl um 18 Uhr überprüfen, ob die Wähler auch im richtigen Wahllokal sind, Stimmzettel ausgeben, Wählerverzeichnisse durchschauen, Häkchen hinter die jeweiligen Namen setzen und die Urne durch ein Stück Papier öffnen und wieder verschließen.

Der erste Wähler bereits vor 8 Uhr da

In der ganzen Stadt sind über 70 Wahlhelfer im Einsatz. Doch vor das „Vergnügen“ hat der liebe Gott bekanntlich die Arbeit gesetzt. Und das heißt in diesem Fall, die Wahlurne zu leeren. Die erinnert eher an eine große Mülltonne, ist blau und hat ein Schloss. Beherzt greift einer der erfahrenen Kollegen in den großen Behälter und fördert zu Tage, was wir in den kommenden Stunden brauchen: mehrere Pappkartons mit den Wahl- und Stimmzetteln und einen mit den wichtigsten Utensilien wie Stifte, Klebeband, blauen Mülltüten und dicken Eddings. „Damit werden später die Tüten, in denen die Abstimmungsergebnisse sind, beschriftet“, erklärt er mir. Die drei Wahlkabinen, die aussehen wie verstärkte und halb umgedrehte Pappkartons, stehen bereits auf den Tischen.

Bis 8 Uhr kleben wir die mitgelieferten Pfeile außerhalb des Raums auf, damit man uns leicht entdecken kann, schließlich fanden in den letzten Jahren die Wahlen in einem anderen Gebäude statt. Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier. Nachdem auch die Stifte verteilt und die ersten Wahlzettel aufgefaltet auf dem Tisch liegen, kann es eigentlich losgehen. Als ob man uns beobachtet hat, kommt der erste Wähler pünktlich zwei Minuten vor acht über den Hof gelaufen. „Da hat es wohl jemand ganz eilig“, sagt der Wahlvorsteher hinter mir lachend.

Zwei Minuten später erklärt er den Wahlvorgang für eröffnet, schüttelt uns allen feierlich die Hand, verteilt an jeden 25 Euro Erfrischungsgeld und entlässt gleich mal wieder drei der Beteiligten. Sie müssen erst um 13 Uhr wieder kommen und uns dann vorläufig ablösen. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg, denn nach den ersten drei Wählern passiert erst einmal gar nichts. Einsam sitze ich vor meinen zwei Stapeln, einer für die Landtagswahl, einer für die Volksabstimmung. Die Protokollantin und der Wahlvorsteher haben sich am anderen Rand des Raums niedergelassen, dort geben die Wähler ihre Stimmen ab. Wenn sie denn nur kämen. Doch plötzlich, gegen halb zehn, scheint der Knoten geplatzt zu sein. Immer wieder strömen die Menschen in den kleinen Raum, freuen sich über die warme Heizung und warten geduldig, wenn kein Platz in den Kabinen frei ist.

Rund 700 Personen sind in „meinem“ Bezirk wahlberechtigt, knapp 100 haben bereits per Brief abgestimmt. „Ich rechne mit 400 Leuten, die heute kommen“, erklärt mir der Wahlvorsteher. Besonders vor und nach den „Kirchzeiten“ gäben die Leute ihre Stimme ab. Und tatsächlich, gegen 11 Uhr bildet sich sogar ab und an ein kleiner Stau vor meinem Tisch am Eingang des Raums.

Um 18 Uhr beginnt das Auszählen

Die Müdigkeit ist jetzt wie verflogen, mit dem Auseinanderfalten und Verteilen der Zettel komme ich kaum noch hinterher. Auf der anderen Seite füllt sich jetzt nicht nur merklich die blaue Tonne, auch der Stapel mit den abgegebenen Wahlbenachrichtigungen wird immer höher. Und auch der Altersdurchschnitt sinkt, je später es wird. Junge Leute kommen gemeinsam mit ihren Großeltern, Eltern haben ihre kleinen Kinder dabei, die mit großen Augen zuschauen. Selten kommen Fragen auf, die Menschen scheinen sich gut vorbereitet zu haben.

„Die Wahlbeteiligung scheint mir ziemlich groß“, resümiert der Wahlvorsteher gegen Mittag. Im übrigen Hessen sieht das anders aus, wie sich schon am Nachmittag abzeichnet sind dort weniger Personen an die Urnen gegangen als noch fünf Jahre zuvor. Kurz nachdem ich um 13 Uhr abgelöst werde, gebe auch ich meine Stimmen ab und laufe die 600 Meter wieder nach Hause. Pünktlich um 18 Uhr soll es mit dem Auszählen der Zettel weiter gehen. Als ich wieder zurück bin im Wahllokal, kommen auf den letzten Drücker noch einige Wähler über den Hof gerannt, bevor es um 18 Uhr heißt: „Hiermit ist der Wahlvorgang beendet!“ Schnell schieben wir vier Tische zusammen, schließen die blaue Tonne auf und schütten ihren Inhalt auf den Tischen aus. Grüne und gelbe Zettel fallen heraus, ein heilloses Durcheinander.

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Plötzlich sind meine fünf Kollegen und ich ganz still, hochkonzentriert sortieren wir die Zettel erst nach Farben, dann nach Erststimmen, zählen diese aus und machen neue Stapel für die Zweitstimmen. Beide Male stimmen die ausgerechneten Zahlen mit der Anzahl der Wähler überein, insgesamt 390 Personen waren gekommen, die Prognose von 400 stimmte also fast genau. Anschließend werden noch die Zettel der Volksabstimmung aufgeteilt und gezählt, auch hier passt alles.

Nach nicht einmal zwei Stunden sind die Ergebnisse telefonisch durchgegeben, unser Wahlbezirk ist der erste in Langenselbold, der eine Rückmeldung gegeben hat. Und jetzt fällt auch die Anspannung ab, alles hat geklappt.

„Nächstes Jahr kommen wir wieder so zusammen“, ist der einhellige Tenor. Ob ich dann beim Bürgerentscheid zur Verpachtung des Kinzigsees oder bei der Europawahl dabei bin, kann ich jetzt noch nicht sagen. Spaß hat es aber auf jeden Fall gemacht.

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