Ausgegrenzt, entrechtet, deportiert und ermordet: Chasan (Kantor) Daniel Kempin, der Mitbegründer des „Egalitären Minjan“ der liberalen Synagogengemeinschaft in Frankfurt erinnerte an die getöteten Langenselbolder Juden. Foto: Ulrike Pongratz

Langenselbold

Gedenkstätte zur Erinnerung an die jüdischen Bürger eingeweiht

Langenselbold. 121 Namen stehen auf den Bronzetafeln der Gedenkstätte für jüdische Bürger Langenselbolds, die mit einer akademischen Feier eingeweiht worden ist.

Von Ulrike Pongratz

Eingeladen hatte der Verein für Geschichte und Heimatkunde Langenselbold, dessen Stolperstein-Gruppe maßgeblich zur Realisierung des Denkmals beigetragen hatte. Fritz Schüßler und Bärbel Tárai machten in ihren sehr eindrucksvollen Reden deutlich, warum der Standort des Mahnmals zwischen Rathaus und Schlossgebäude genau der richtige sei.

Landrat Thorsten Stolz (SPD) und Bürgermeister Jörg Muth (CDU) bekannten sich mit nachdenklichen Reden zu einer vielfältigen Erinnerungskultur. Sehr viel Lob und Anerkennung erhielten Schülerinnen und Schüler der Käthe-Kollwitz-Schule für ihr Engagement.

Lieder in jiddischer und hebräischer Sprache

Eröffnet wurde die Feier mit dem Gebet „Schomer Jissrael“ von Musiker und Chasan (Kantor) Daniel Kempin, der Mitbegründer des „Egalitären Minjan“ der liberalen Synagogengemeinschaft in Frankfurt am Main ist. Minjan bedeutet zehn gezählte Personen. Das ist in der jüdischen Tradition die Mindestzahl für eine Gemeinde.

Kempin beeindruckte zudem mit Liedern, vorgetragen in Jiddisch und Hebräisch, die er ausdrucksstark und zugleich gefühlvoll interpretierte. An der Gedenkstätte im Schlosspark rezitierte Kempin das liturgische Gebet für die Opfer der Shoah. Zu Beginn der Veranstaltung erinnerte Fritz Schüßler daran, wie jüdische Familien in Langenselbold „ausgegrenzt, entrechtet, deportiert und ermordet“ wurden.

„Sie alle konnten ihr Leben nicht zu Ende leben.“

Das Ausmaß dieser vier Worte, die auf der Gedenktafel angebracht sind, ließ sich nachvollziehen, als Schüßler aus dem offiziellen Berichten des Gendarmeriemeisters zur Pogromnacht 1938 und zu den „Judentransporten“ vorlas: 21 männliche Juden sind ordnungsgemäß auf Lastwagen aufgeladen und nach Hanau transportiert worden, es herrschte unter der Volksmenge vor dem Rathaus „begeisterte Stimmung“ und „unbeschreibliche Freude“.

Vor dem Rathaus, in nächster Nähe zur Kirche, dem Gründungsort und kulturellem Zentrum der Stadt also, wurden 121 jüdische Bürger, aus Selbold deportiert. „Sie alle konnten ihr Leben nicht zu Ende leben.“

Jedes Opfer habe eine Geschichte

121 Namen stehen auf den Bronzetafeln, eine Zahl, die im Abstrakten bliebe und nichts aussagte über das Leben des Einzelnen, würde nicht Bärbel Tárai in mühe-voller Kleinarbeit die Lebens- und Familiengeschichten recherchieren.

Jedes Opfer habe eine Geschichte, sei es Vater, Sohn, Onkel oder Mutter, Schwester oder Tochter, sagte Tárai, die zu den Gründungsmitgliedern der Stolperstein-Gruppe gehört. Seit über zehn Jahren forsche sie in Archiven, in Akten, in Dokumenten und es sei kein Ende in Sicht, da immer noch weitere Akten freigegeben würden.

Dank an alle Förderer und Unterstützer

Nicht nur die 44 Stolpersteine, auch die Gedenkstätte solle an jede einzelne Lebensge-schichte, an David Gold-schmitt und seinen Sohn, an Anneliese und Alfred Rosenbaum oder Aaron Katz erinnern. „Tárais Rede schneidet einem die Luft ab“, musste Bürgermeister Jörg Muth bekennen, der in seinem Grußwort persönliche Betroffenheit offenbarte. Keinen Zweifel ließ der Bürgermeister an der Richtigkeit des Denkmals, auch als „Mahnung für die Zukunft.“ Deshalb habe auch der Magistrat der Stadt nicht gezögert, seine Zustimmung zur Errichtung der Gedenkstätte zu geben.

Für die zahlreichen Spenden, unter anderem durch die Stiftungen der Sparkasse und der Volks- und Raiffeisenbank, durch das hessische Wirtschaftsministeriums, namentlich gefördert durch Tarek Al- Wazir, dessen Grußwort vorgelesen wurde, und durch den Kreis, dankte Bärbel Tárai im Namen der Initiatoren für Förderung und Unterstützung.

Stolz hält das Gedenken und Erinnern für wichtig

Landrat Thorsten Stolz (SPD) plädierte für eine lebendige Erinnerungskultur, zu der auch Stolpersteine und Gedenkstätten einen Beitrag leisteten. „Sie setzen ein weiteres Zeichen gegen das Vergessen“, sagte Stolz und sah den Tag der Einweihung als Tag der Mahnung und Hoffnung, der Erinnerung und des Gedenkens an die Opfer.

Stolz sprach sich gegen einen „Schlussstrich“ aus, sondern sah das Gedenken und Erinnern als notwendig, gegen Gleichgültigkeit, verbunden mit der Hoffnung, dass Hass und Terror nicht wiederkommen. „Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung“, zitierte Stolz eine alte jüdische Weisheit.

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