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Smalltalk funktioniert trotzdem. Allerdings wird es nach einer gewissen Zeit für Friseurin und HA-Redakteurin Kerstin Biehl ganz schön warm unter dem Stoff.

Kundenansturm sorgt für vollen Terminplan

Waschen, schneiden, föhnen zu Corona-Zeiten: Erster Friseurbesuch nach dem Lockdown

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 „Kleinen Moment noch, ich muss erst die Scheren desinfizieren.“ – Meine Friseurin spritzt sorgfältig reichlich Desinfektionsmittel auf die Schneidegeräte, lässt sie trocknen, rückt die Maske zurecht und kommt an meinen Platz. „Puh“, sagt sie, „das ist auf jeden Fall ein anderes Arbeiten als sonst.“

Heute ist Wiedereröffnung des Salons „Crehaartivo“. Seit 20. März war das Friseurgeschäft geschlossen. Seit 2010 ist die Friseurmeisterin in Langenselbold ansässig, seit 1992 ist Enza Napolitano Friseurin, sagt: „So etwas gab es in meiner Laufbahn noch nie. So mussten wir noch nie arbeiten.“

Drei Kreuze habe sie gemacht, als sie erfahren habe, dass sie wieder öffnen darf. Der Verdienstausfall sei groß gewesen. Sechs Wochen keine Einnahmen bei weiter laufenden Kosten. Das müsse jetzt wieder reingeholt werden. Deshalb sperrt die 45-Jährige nun auch montags ihren Salon auf. Und versucht, dem Kundenansturm gerecht zu werden.

Kundenansturm nach Corona-Lockdown: Voller Terminplan für Friseure

„Die Kunden haben gleich am Tag, als bekannt wurde, dass wir wieder öffnen können, angerufen. Mein Terminbuch ist entsprechend voll, ich kann mich nicht beschweren“, erzählt sie, während sie die Farbe für meine Strähnchen anrührt. Die müssen dringend nachgezogen werden, fünf Wochen bin ich überfällig. Alleine Hand anzulegen habe ich nicht gewagt.

„Ist auch gut so“, befindet Enza. Man könne da viel falsch machen, das habe sie auch ihren Kunden gesagt, die während der Schließungszeit angerufen haben und Rat wollten. „Einfach wachsen lassen. Augen zu und durch“, so ihre Devise.

Friseure müssen sich um ausreichend Desinfektionsmittel kümmern

Auf der Theke steht eine Flasche Desinfektionsmittel. Alle Kunden müssen sich, wenn sie in den Laden kommen, die Hände desinfizieren. Leicht sei es nicht gewesen, ausreichend Material, auch Handschuhe oder Masken, zu bekommen. Gerade habe sie ihren Mann losgeschickt, um zu schauen, ob es in der örtlichen Drogerie wieder Desinfektionsmittel gebe.

Farbe anrühren mit Maske. Zehn Kunden stehen am Montag im Kalender der Friseurmeisterin Enza Napolitano.

Im Hintergrund ist das Rattern der Waschmaschine zu hören. „Ich muss permanent die Kittel waschen, die Handtücher, das kostet Zeit“, erklärt Enza, während ihre Brille beschlägt. Warm sei es unter der Maske, das Atmen manchmal schwer, vor allem wenn der Föhn an sei. Die Friseurmeisterin versucht, die Einschränkungen, mit denen sie nun arbeiten muss, gelassen hinzunehmen. „Wir werden schließlich noch länger damit umgehen müssen.“

Corona-Ansteckung: Gedanken ja, Angst nein

Als der Salon geschlossen war, habe sie Hummeln im Hinter gehabt – Enza ist nicht der Typ, der gut im Nichtstun ist. „Es war ein ungewöhnliches Gefühl. So lange hatte ich noch nie zu.“ Die Schere hat sie während der Schließung trotzdem in die Hand genommen. Für die beiden Söhne und den Ehemann. Und sich selbst einmal die Haare nachgefärbt.

Ob sie Angst hat, sich bei einem Kunden anzustecken? „Angst ist das falsche Wort. Klar macht man sich Gedanken, wenn jemand hustet oder niest. Es kommen ja schließlich so viele verschiedene Menschen zu mir und ich kenne auch nicht jeden und weiß nicht, wo die Kunden waren. Aber eine übertriebene Angst habe ich nicht. Ich halte mich ja an die Regeln.“ 

Ob diese eingehalten werden, überprüft das Ordnungsamt. Bislang sei aber niemand da gewesen, erzählt die Friseurin, während sie meine letzte Strähne einfärbt. Normalerweise würde ich jetzt eine Gala und einen Cappuccino bekommen. Doch auch das ist laut der neuen Vorschriften untersagt. Stattdessen muss erneut desinfiziert werden.

Friseur-Plausch auch in der Corona-Krise

Den typischen Friseurtalk lassen wir beide uns aber nicht nehmen. Von Kindern über Männer über Hobbys kommen wir letztlich doch wieder zu Corona, denn die Waschmaschine piept. Handtücher raus, Kittel rein. Für mich geht's ab ans Waschbecken, Farbe rauswaschen. Enza beschwert sich über die Handschuhe, die sie tragen muss. „Damit spüre ich gar nichts. Ich muss ständig fragen, ob die Temperatur angenehm ist.“

Mich hingegen stören die Handschuhe nicht, ich genieße die Kopfmassage, bevor es an den Haarschnitt geht. Hier ist die Maske im Weg. Also halte ich erst das linke, dann das rechte Ohrbändchen hoch. Jetzt kribbelt es ordentlich in meiner Nase. Kleine Härchen haben sich unter die Maske verirrt, am liebsten würde ich sie absetzen. Darf ich auch gleich, denn ich bin fertig. Das Resümee des ersten Friseurbesuchs nach Wiedereröffnung der Salons: etwas mehr Zeitaufwand, etwas höherer Preis, aber große Freude über frisch gefärbte und geschnittene Haare.

Die neuen Regeln beim Friseurbesuch

  •  Es darf nur einzeln eingetreten werden, mit Mundschutz.
  • Der Kunde bringt seine Jacke zur Garderobe, wird dabei begleitet.
  • Dann werden die Hände gewaschen, vorher darf er nicht   zum Bedienplatz. 20 Sekunden, mit Seife, Abtrocknen mit Papiertüchern. 
  • Umhang und Servietten für den Kunden, Handschuhe,   Atemmaske und eventuell Shield für den Mitarbeiter.
  • Keine Zeitungen, keine Getränke.
  • Haare müssen im Salon gewaschen werden. Herren trocken schneiden wird es nicht mehr geben.
  • Keine Cut-and-Go-Dienstleistung mehr. 
  • Desinfizieren des Platzes und der Werkzeuge für den   nächsten Kunden.

Hanaus Innungsobermeister Michael Dörr im Interview zur Wiedereröffnung der Friseursalons.

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