Die erste Kollektive Performance zur Erinnerung an den Todesmarsch von Ende März 1945 fand am 25. März 2012 auf der Kennedystraße in Maintal-Dörnigheim statt. Zahlreiche Zuschauer beteiligten sich aktiv und trugen die von Ulrike Streck-Plath aus Filz und Eisen geschaffenen Figuren einige Meter über die Straße. Archivfoto: Lars-Erik Gerth

Langenselbold

Erinnern an KZ-Häftlinge: Kunstaktion mit bedrückender Aktualität

Langenselbold. Geplant hatte die Maintaler Künstlerin Ulrike Streck-Plath ihre Kollektive Performance in Langenselbold bereits im vergangenen Jahr. Damals war der Stadt der Termin jedoch aus organisatorischen Gründen zu kurzfristig.

Von Lars-Erik Gerth

Nun wird die Kunstaktion zur Erinnerung an den Todesmarsch von 350 Häftlingen des KZ Katzbach/Adlerwerke aus Frankfurt nach Hünfeld am Sonntag, 29. März, um 14 Uhr in der Gründaustadt stattfinden.

Die NS-Opfer wurden von den SS-Männern am 25. März 1945 auch durch Langenselbold getrieben. Nur etwa 280 Häftlinge kamen überhaupt am 29. März in Hünfeld an, die anderen wurden auf dem Weg dorthin erschossen, von den Tätern nur „hastig verscharrt oder einfach am Straßenrand liegen gelassen“, wie es im Aufruf zu der Teilnahme an der Kollektiven Performance am 29. März 2020 heißt. Von Hünfeld wurden die ausgemergelten Häftlinge dann in Güterwaggons nach Buchenwald transportiert. Von jenen, die den Todesmarsch und dessen Folgen überlebten, sind heute noch drei Männer am Leben.

Todesmarsch mitunter durch Maintal

Vor rund neun Jahren erfuhr Ulrike Streck-Plath von dem Todesmarsch, der unter anderem durch den heutigen Maintaler Stadtteil Dörnigheim führte, in dem die Künstlerin lebt. Allein im Bereich der damaligen Reichsstraße 40, an der auch Dörnigheim lag, wurden zwölf der Häftlinge erschossen. Das Thema ließ Streck-Plath nicht mehr los und – bestärkt durch die beiden Maintaler Klaus Klee und Klaus Seibert – kam sie auf die Idee, an dieses damals auch in der zweitgrößten Stadt des Main-Kinzig-Kreises kaum bekannte Kapitel aus der düstersten Zeit der deutschen Geschichte in Form einer Kollektiven Performance zu erinnern. Zwölf von ihr selbst erarbeitete lebensgroße Figuren aus Filz und Eisen wurden dann am 25. März 2012 von Zuschauern der Kunstaktion über die Dörnigheimer Kennedystraße getragen. Rund 200 Menschen waren damals zugegen.

Vor acht Jahren herrschte trotz strahlend blauen Himmels eine beklemmende Stille auf einer der sonst am meisten befahrensten Straßen der 40 000-Einwohner-Stadt zwischen Frankfurt und Hanau. Ebenfalls eine „Schweige-Performance“ soll nun die Veranstaltung in Selbold werden, die sich einreiht in von Ulrike Streck-Plath initiierte Erinnerungsaktionen in Frankfurt und Hünfeld (jeweils 2013), Fulda (2014), Gelnhausen (2015), Steinau an der Straße (2016), Schlüchtern (2017) und Ahl (2018).

„Diesmal werden es 45 Figuren sein, die über die Hanauer Straße bis zur Ecke Steinweg vorgerückt werden sollen“, informierte Streck-Plath gestern im Rahmen einer Pressekonferenz im Selbolder Rathaus über die Ausgabe 2020 der Kollektiven Performance. Erster Stadtrat Timo Greuel (SPD) sieht in der Kunstaktion einen wichtigen Beitrag zur Erinnerung an diese schlimme Zeit, auch auf dem Hintergrund des wieder aufflammenden Antisemitismus, von Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit.

"Eine beklemmende Aktualität"

„Durch die fürchterlichen Ereignisse von Hanau erhält diese Erinnerung an den Todesmarsch vom März 1945 eine beklemmende Aktualität“, waren sich Streck-Plath und Greuel einig über die noch gewachsene Bedeutung der Veranstaltung.

Gehört von den Geschehnissen, die sich zwischen dem 25. und 29. März 1945 vor allem auf dem Gebiet des heutigen Main-Kinzig-Kreises zugetragen haben, hatte Greuel zuvor noch nichts. Dass der Todesmarsch auch über Langenselbolder Gebiet verlaufen ist, war Bärbel Tárai von der lokalen Stolperstein-Gruppe, Dr. Manfred Keil und Helmut Urban vom Verein für Geschichte und Heimatkunde sowie Verena Lenz, der Leiterin des Amtes für Soziales, Familie und Kultur bei der Stadt Langenselbold, ebenfalls vorher nicht bekannt. Umso wichtiger sei es, so der designierte Bürgermeister, dass dieses Thema durch die Veranstaltung am 29. März „in Langenselbold bekannter gemacht wird“.

Die Maintaler Künstlerin sieht in ihrer Aktion nicht zuletzt einen Appell an die Menschlichkeit. Die Zuschauer können entsprechend aktiv teilnehmen, die Figuren über einen Abschnitt der Hanauer Straße tragen. Ulrike Streck-Plath musste gestern leider davon berichten, dass sie mit ihren Kunstaktionen in Erinnerung an den Todesmarsch auch immer wieder auf Unverständnis und „Ratschläge“, dies doch sein zu lassen, gestoßen sei. „Das hat mich aber nur darin bestätigt, weiterzumachen, um an das zu erinnern, was vor 75 Jahren passiert ist, damit sich dies nie wiederholt“, so Streck-Plath, die schon sehr gespannt darauf ist, auf welche Resonanz die Performance in Langenselbold stoßen wird.

Das könnte Sie auch interessieren