Eine Gruppe interessierter Langenselbolder hat sich der Führung zu ausgewählten „Stolpersteinen“ angeschlossen. Foto: Raab

Langenselbold

Bewegende Führung zu "Stolpersteinen": Opfern ein Gesicht geben

Langenselbold. „Mit den Stolpersteinen möchte ich den Langenselbolder Juden ihre Seele zurückgeben“, unterstreicht Bärbel Tarai, von der Stolpersteingruppe des Heimat- und Geschichtsvereins. Mit einer Führung zu ausgewählten „Stolpersteinen“ wurde am Tag nach dem 9. November das Gedenken an die Reichspogromnacht fortgesetzt.

Von Claudia Raab

Nahmen bei der Gedenkfeier am Freitagabend in der evangelischen Kirche etwa 100 Besucher teil, so fanden sich bei der Stolpersteinführung nur ein knappes Dutzend interessierter Damen ein und als einziger männlicher Teilnehmer der Erste Stadtrat Timo Greuel.

Leider sei bei Beginn ihrer Recherche in 2010 das Thema „Jüdisches Leben in Langenselbold“ noch nicht hinreichend aufgearbeitet worden, sodass sie keine Auskunft über die Ansiedlung jüdischer Bürger zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert geben könne, informierte Tarai. Auch der Kreis der Zeitzeugen sei inzwischen sehr klein geworden, dafür habe sie aber das Glück, auf das Internet sowie auf Archive zurückgreifen zu können, deren Akten jahrzehntelang unter Verschluss gehalten worden waren.

Ihre Recherchen führten Tarai zunächst nach Gelnhausen ins Zentrum für Regionalgeschichte, ins hessische Staatsarchiv Wiesbaden und zum internationalen Suchdienst nach Bad Arolsen. „Dort habe ich Einsicht in die Krematoriumslisten aus dem KZ Majdanek gehabt. Mir liefen anschließend die Tränen herunter, und ich dachte ‚wie können Menschen nur so grausam sein“, bekannte die engagierte Forscherin.

Insgesamt habe es in Langenselbold drei Synagogen gegeben, so Tarai weiter. Die erste befand sich in einer umgebauten Scheune in der Roten Hohl. Die zweite, bereits mit einer Mikwe, dem rituellen Bad, ausgestattet, stand in der Judengasse 7 bis 9, der heutigen Schäfergasse. Längst in Privatbesitz, wurde sie zum Wohnhaus umgebaut und die Mikwe abgerissen.

Als der Platz dort nicht mehr ausreichte, errichtete man im Steinweg 43 eine neue, größere Synagoge, die heute, ebenfalls ohne Mikwe, als Wohnhaus genutzt wird. „Die jüdischen Familien waren im alten Ortskern gut integriert. Sie lebten mitten im Zentrum, wo es damals noch viele Geschäfte gab“, informierte Tarai und führte die Gruppe zu den „Stolpersteinen“ in der Neugasse und weiter in die Jägergasse.

Unterwegs erzählte sie über das Leben der Familien Kanthal und Goldschmidt. Klara Kanthal, für die ein „Stolperstein“ in der Neugasse 6 verlegt wurde, habe mit ihrem bereits 1940 verstorbenen Mann eine Metzgerei geführt. Ihren drei Kindern sei die Flucht gelungen. Dank der Datenbank der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem habe sie Kontakt mit den Überlebenden aufnehmen können. Stolz zeigte Tarai alte Familienfotos, die sie von ihnen bekommen hat.

In der Jägergasse 13 erinnern zwei Stolpersteine an Kallmann „Karl“ und Jenny Goldschmidt, die dort eine Bäckerei betrieben. Ihren vier Töchtern gelang glücklicherweise die Emigration nach Südafrika. Weiter ging der Weg zur Neugasse 5, wo vor einem großen Gebäude, das einst ein Kaufhaus beherbergte, fünf „Stolpersteine“ für deren Eigentümer, Familie Hamburger liegen.

In der Gartenstraße 2 wurde im „Raum Glück“, der heute einer Yogaschule gehört, eine Pause eingelegt. „Das ist das einzige ehemals jüdische Haus, das man auch von innen besichtigen darf“, machte die Referentin deutlich. Hier befand sich das Konfektionshaus von Salomon und Karoline Simon, auf deren tragisches Schicksal ebenfalls mit zwei „Stolpersteinen“ neben der Haustür hingewiesen wird. Aber auch ihren Kindern gelang die Flucht nach Südafrika.

Im „Raum Glück“ berichtete Tarai über ihre Forschungen, die noch längst nicht abgeschlossen sind. Besonders freut es sie, wenn sie Fotos der Opfer bekommt oder Anekdoten über sie erfährt. „Damit bekommen die Opfer ein Gesicht und ihre Seele zurück. Diese persönlichen Geschichten, die ich weitergeben kann, sind für mich wichtiger als Zahlen und ‧Statistiken“, unterstreicht Tarai.

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