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Alexander Kraft am Fenster seines Apartments in Midtown Manhattan.

Hanauer in aller Welt

Der Hammersbacher Alexander Kraft erlebt den Ausbruch der Corona-Pandemie in New York

  • Mirjam Fritzsche
    VonMirjam Fritzsche
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New York gilt als das Epizentrum der Corona-Pandemie in den USA. Und Alexander Kraft lebt mittendrin. Der 37-Jährige, der in Hammersbach aufgewachsen und in Hanau zur Schule gegangen ist, ist erst vor wenigen Monaten an die amerikanische Ostküste gezogen.

In New York arbeitet der studierte Wirtschaftswissenschaftler im Risikomanagement einer US-Investmentbank – aktuell im Homeoffice. Die Millionenmetropole ist allerdings kein totales Neuland für Alexander Kraft. „Von 2010 bis 2012 habe ich an der New York University studiert und hier meinen Master in Economics gemacht. Danach ging es erst mal wieder nach Europa, wo ich acht Jahre in London gelebt und gearbeitet habe. Ende letzten Jahres war es dann Zeit für einen Tapetenwechsel und es hat mich wieder nach New York gezogen“, sagt Kraft. 

Selbst zur Rushhour herrscht in New Yorks Untergrundbahnhöfen gähnende Leere: Wer kann, bleibt dieser Tage zu Hause und arbeitet im Homeoffice.

Dort lebt er in Midtown Manhattan, einen Block entfernt von Penn Station und Madison Square Garden. Als Transportknotenpunkt ist in der Gegend sehr viel los, viele Pendler beginnen oder beenden hier ihre tägliche Reise durch die Stadt. Mehr als eine halbe Million Passagiere sind an Werktagen unterwegs. „Hier beginnt auch für mich meine tägliche Fahrt mit dem A-, C- oder E-Zug Richtung Downtown Manhattan zum World Trade Center“, erzählt der Hammersbacher. 

Die Anzahl der Fahrgäste der New Yorker U-Bahn hat sich um 90 Prozent reduziert

Durch die Nähe zu vielen Sehenswürdigkeiten gebe es zusätzlich noch eine Menge Touristen und mobile Essensstände. Doch das ist mittlerweile ganz anders. „Etwa seit Mitte März sieht man deutliche Veränderungen und die Stadt kommt mehr und mehr zum Stillstand“, berichtet Alexander Kraft. Penn Station, normalerweise komplett überfüllt zur Rushhour, sei jetzt fast komplett ausgestorben. 

Mit einer Plastikabdeckung wird der Kassenbereich dieses Supermarkts geschützt.

Die Anzahl an Fahrgästen habe sich um 90 Prozent reduziert, seit mehr und mehr Firmen auf Homeoffice umgestellt haben. Die Straßen haben sich geleert und Autos sieht man hauptsächlich geparkt am Straßenrand – auf den Straßen sind jetzt nur noch Fahrräder von Restaurant-Lieferdiensten, Transporter von Paket-Lieferdiensten oder Jogger und Leute auf dem Weg zu Supermärkten oder zum Gassigehen mit ihren Hunden unterwegs. Bars und Restaurants sind geschlossen, manche Restaurants akzeptieren noch Bestellungen zur Lieferung oder zur Selbstabholung. Supermärkte seien noch geöffnet, allerdings mit langen Schlangen – besonders am Wochenende. 

Versorgung in New York sei sehr gut, so Alexander Kraft

Der Alltag hat sich für Alexander Kraft total verändert. „Das tägliche Pendeln fällt jetzt aus, und der Arbeitstag beginnt direkt im Wohnzimmer am Laptop. Ich koche jetzt mehr selbst und zum ersten Mal ist der Kühlschrank wirklich voll.“ Wenn möglich bestelle man seine Lebensmittel online, aber einmal pro Woche gehe es doch noch in den Supermarkt zum Aufstocken, kombiniert mit einem Spaziergang durch verschiedene kleine Parks, um frische Luft und Sonne zu tanken. 

Die Grand Central Station ist ein riesiger Bahnhof in Manhattan – und aktuell verwaist.

Generell sei die Versorgung in New York sehr gut. Manche Produkte seien zwar limitiert wie zum Beispiel Desinfektionsmittel, Toilettenpapier und Küchentücher, manche nicht-rezeptpflichtige Medikamente oder Reinigungsmittel. Aber erhältlich sei noch alles. „Ein Freund aus Japan besuchte mich Mitte Februar und anstatt der üblichen Souvenirs war sein Koffer am Ende mit Hand-Desinfektionsmitteln gefüllt – als Mitbringsel für Freunde in Japan. Dort waren diese Produkte schon länger nicht mehr erhältlich. Das war eine gute Vorwarnung für die Dinge, die in den USA noch anstanden“, sagt Alexander Kraft. 

Persönlicher Bezug half, die Tragweite zu erfassen

Die Krise habe sich langsam aufgebaut, erzählt Kraft. Die volle Tragweite sei ihm am Abend des 11. März

Menschenleer: Dabei wird der Times Square auch als „The Heart of the World“ (das Herz der Welt) bezeichnet.

bewusst geworden. An diesem Tag kamen viele Ereignisse zusammen. Die USA verhängte ein 30-tägiges Einreiseverbot. „Das war bitter, weil meine Familie aus Deutschland für den April einen Besuch in New York geplant hatte.“ Die US-Basketball-Liga NBA kündigte an, ihre Saison einzustellen, als ein Spieler positiv getestet wurde. Der Schauspieler Tom Hanks hat sich in Australien angesteckt – und die US-Börsen um den Dow Jones setzten ihre Talfahrt fort. 

„Obwohl man die Entwicklungen in Asien schon vorher verfolgt hat, hat es wahrscheinlich diesen persönlichen Bezug gebraucht, um die Tragweite zu erfassen“, so Kraft. Persönliche Treffen mit Freunden gibt es aktuell natürlich nicht mehr. „Sie werden durch Videotelefonate ersetzt. Bei meinen Freunden und Bekannten herrscht eine generelle Unsicherheit, wie lange die aktuelle Lage noch anhält, wann man sich wieder treffen kann und wann das tägliche Leben wieder anläuft.“ Größte Sorge im Moment sei auf der gesundheitlichen Seite, dass der aktuelle Anstieg an neuen Fällen bald gestoppt werden kann und dass Freunde und Familie gesund bleiben. Der Höhepunkt der Corona-Pandemie in New York ist noch nicht erreicht. Er wird in ein bis drei Wochen erwartet. 

In der Krise würde man die Zeit in seiner Wohnung verbringen - Egal ob in Hammersbach oder New York

Große Hallen und Kongresszentren werden derzeit zu Notfall-Hospitälern umgebaut. Selbst im Central Park steht ein kleines Feldlazarett. Bis Ende April soll die Zahl der Krankenhausbetten in New York City von 20 000 auf 85 000 erhöht werden. Die Zeit dafür ist knapp. Die Millionenmetropole ist ein Hochrisikogebiet. Wünscht sich Alexander Kraft, nach Deutschland zurück? „Im Moment besteht dieses Gefühl nicht“, sagt Kraft, „die aktuelle Situation ist eine globale Krise und man verbringt (fast) seine gesamte Zeit in der Wohnung – und das würde sich nicht ändern, egal ob ich in New York, London – oder in Hanau/Hammersbach bin.“

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