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Gemeindewerke-Chef Horst Prey: Warum Fernwärme mehr als doppelt so teuer wird

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Von: Christine Semmler

Er könne den Ärger der Kunden gut verstehen, sagt Horst Prey, der Geschäftsführer der Gemeindewerke Großkrotzenburg, im Gespräch mit unserer Zeitung.  
Er könne den Ärger der Kunden gut verstehen, sagt Horst Prey, der Geschäftsführer der Gemeindewerke Großkrotzenburg, im Gespräch mit unserer Zeitung.   © Christine Semmler

Die Gemeindewerke Großkrotzenburg haben es schon im November angekündigt, aber wenn in diesen Tagen die Abschlagsrechnung in den Briefkästen landet, wird es den Fernwärmekunden erst richtig bewusst: Im Schnitt zahlt ein Haushalt künftig 100 Euro mehr – und zwar im Monat. Ein Anbieterwechsel? Bei Fernwärme nicht möglich. Aus Sicht seines Unternehmens sei die Preiserhöhung unumgänglich gewesen, erklärt der Geschäftsführer der Gemeindewerke, Horst Prey.

Herr Prey, warum ist der Preis für Fernwärme in Großkrotzenburg so stark gestiegen?

Wir versorgen die Gemeinde seit 1988 mit Fernwärme und hatten gegenüber anderen Anbietern immer sehr günstige Konditionen. Jetzt explodieren die Energiepreise: Gas wurde um 650 Prozent, Kohle um 300 Prozent teurer, hinzu kommt die Besteuerung von CO2. Das Thema verfolgt uns schon seit Oktober im Aufsichtsrat: Wir haben gehofft, dass die Märkte sich beruhigen und haben die Preise zunächst stabil gehalten, um unsere Kunden zu entlasten. Damit haben wir ein negatives Betriebsergebnis in der Sparte in Kauf genommen. Aber die Preise sind weiter gestiegen, mit dem Resultat, dass wir zum 1. Januar den Arbeitspreis massiv erhöhen mussten. Ich weiß, dass das viel Geld ist und ich verstehe dass sich die Kunden ärgern.

Sie beziehen die Fernwärme bis Ende 2024 von Staudinger. Block 5 geht 2023 vom Netz. Ist die Versorgung trotzdem gesichert?

Wir haben keine eigenen Erzeugungsanlagen, das heißt wir beziehen die komplette Wärme von Uniper. Damit Kunden nicht kalt sitzen in Großkrotzenburg, haben wir den sogenannten Besicherungsvertrag. In Engpässen beziehen wir Wärme aus einem gasbefeuerten Hilfskessel. Wir haben einen sicheren Vertrag bis Ende Oktober 2024, auch wenn Staudinger vorher vom Netz geht.

Wenn die Fernwärme ausschließlich aus Erdgas gewonnen wird: Wird sie dann noch teurer?

Nein. Unser Liefervertrag bis 2024 sieht die gleichen Preiskonditionen vor, als würde Block 5 weiterhin 50 Prozent der Wärme erzeugen.

Fernwärme gilt aufgrund der Kraft-Wärme-Kopplung als besonders umweltfreundlich. Mit Wärme aus einem erdgasbefeuerten Hilfskessel sieht das anders aus, oder?

Da bin ich bei Ihnen, das ist keine umweltfreundliche Erzeugung mehr.

Hätten die Gemeindewerke die negative Preisentwicklung durch den Bau eines eigenen Blockheizkraftwerkes, also durch eine gewisse Unabhängigkeit von Uniper, verhindern können?

Es war für uns lange ein Vorteil, dass wir keine eigenen Anlagen haben. Wir hatten keine Investitionen und Unterhaltungskosten, die wir auf den Preis hätten umlegen müssen. Durch den sprunghaften Preisanstieg ist es jetzt ein Nachteil, weil wir keine eigenen, günstigeren Energieankäufe machen können. Tatsächlich haben wir zwischen 2014 bis 2018 regelmäßig die Option überprüft, ob sich ein eigenes Blockheizkraftwerk lohnen würde. Aber es wäre unter den damaligen Konditionen mit Uniper unwirtschaftlich gewesen. Unser Wärmepreis war unschlagbar. Allerdings haben wir 2015 einen Wärmespeicher gebaut, um die Besicherungslücke zu füllen. Wenn wir den nicht hätten, müssten wir noch mal zehn Prozent mehr Wärme aus Gas einkaufen.

Und was passiert Ende 2024, wenn der Vertrag ausläuft?

Uniper hatte der Gemeinde damals angeboten, künftig Energie aus großen Blockheizkraftwerken zu liefern. Wir haben uns für ein eigenes, grüneres Fernwärmekonzept entschieden. Wir bauen eine große Solarthermieanlage und ein etwas größeres Blockheizkraftwerk. Wir wollen außerdem eine Biomasseanlage einsetzen und eine Wärmepumpe, die die Energie aus dem Main holt. Die Machbarkeitsstudie ist abgeschlossen, jetzt geht es in die Umsetzung. Aber das braucht natürlich seine Zeit. Wir können die neue Anlage möglicherweise in Bausteinweise in Betrieb nehmen. Es ist denkbar, dass wir mit der Solarthermie schon Mitte 2023 ans Netz gehen.

Der Trend ist klar: Die Energiepreise schnellen überall nach oben. Aber Großkrotzenburg bricht bei der Erhöhung der Fernwärmepreise einen Rekord, oder?

So kann ich das nicht stehen lassen. Unsere Gemeinde hatte seit 18 Jahren mit die günstigsten Fernwärmepreise in ganz Deutschland. Deshalb erscheint die Anpassung jetzt besonders eklatant. Ich gehe davon aus, dass im Lauf des nächsten halben Jahres alle anderen Fernwärmeversorger nachziehen werden. Was gerade am Energiemarkt passiert, ist einschneidend, auch was die Strom- und Gasversorgung angeht. Wir sind leider der Vorreiter. Was die Zukunft der Energieversorgung für den Kunden bringt, bereitet mir Bauchschmerzen.

Energie wird also für alle eklatant teurer?

Die Wende, die die Politik ansteuert, braucht ihre Zeit. Allein der Stromverbrauch ist durch die boomenden Rechenzentren oder durch E-Autos massiv gestiegen. Das muss man erst mal regenerativ erzeugen können. Energie muss bezahlbar sein. Aber stattdessen explodieren die Preise. Ich finde, dass Kommunen und Kreise das in ihren Gremien mehr thematisieren sollten.

Wie, glauben Sie, werden sich die Preise der Gemeindewerke in Zukunft entwickeln?

Die Preise müssen einfach wieder günstiger werden. Ich glaube zwar nicht, dass wir wieder auf unser altes Level kommen. Aber durch unsere eigene, grünere Wärme, die bis zu 50 Prozent aus erneuerbaren Energien kommt, erhoffen wir uns eine uns eine gewisse Preisstabilität.

Das ist die Aussicht auf Ende 2024. Bis dahin müssen die Kunden doppelt so viel zahlen?

Ich verspreche: Wenn eine Beruhigung stattfindet, kann sich der Großkrotzenburger Kunde drauf verlassen, dass wir den Preis für Fernwärme wieder entsprechend reduzieren. Und das ist auch durchaus möglich: Wenn Block 5 im Januar und Februar wieder besser läuft, ändert sich auch das Verhältnis der Wärmearten wieder. Das wirkt sich günstig auf den Preis aus. Wir können das halbjährlich anpassen. Glauben Sie mir, wir wollen uns nicht die Taschen vollmachen. Der Kunde steht bei uns im Fokus.

Das Gespräch führte Christine Semmler

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