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So verlief der Warnstreik beim Kraftwerk Staudinger

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Insgesamt 90 Mitarbeiter des Kraftwerks haben ihre Arbeit niedergelegt. Foto: PM
Insgesamt 90 Mitarbeiter des Kraftwerks haben ihre Arbeit niedergelegt. Foto: PM

Großkrotzenburg. Bereits aus einiger Entfernung fallen die gelben Warnwesten auf. Wann immer sich ein Auto nähert, sind Trötentöne zu hören. 90 Mitarbeiter des Kraftwerks Staudinger haben am Mittwoch die Arbeit niedergelegt.

Von Sebastian Zeh

Und sie sind damit nicht alleine: Nachdem bereits am Dienstag laut Informationen des WDR rund 500 Mitarbeiter an der Hauptzentrale in Düsseldorf gestreikt hatten, stellte das Personal gestern an allen 13 deutschen Uniper-Standorten die Arbeit ein.

Bereits in der Frühschicht um 6 Uhr morgens hatte der Streik begonnen. Die Arbeiter wollen damit ein Zeichen setzen und in den aktuellen Tarifverhandlungen Druck auf den Konzern ausüben. Konkret fordern die Angestellten des Betriebsbereichs Erzeugung 6,8 Prozent mehr Lohn. Der zugehörige Tarifvertrag soll dabei eine Laufzeit von zwölf Monaten aufweisen. Außerdem wurde eine Erhöhung der Auszubildenden-Gehälter um monatlich 160 Euro gefordert.

"Angebot nicht verhandlungsfähig"

Uniper hatte in der zweiten Verhandlungsrunde ein Angebot unterbreitet: Eine Lohnerhöhung um 1,8 Prozent ab Mai sowie eine weitere Erhöhung um 2,8 Prozent für 2020. Tarifvertragslaufzeit: 24 Monate.

„Das Angebot war für uns nicht verhandlungsfähig, deswegen haben wir es einstimmig abgelehnt“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Helmut Demel im Gespräch mit unserer Zeitung. Er ist einer der rund 5000 deutschen Uniper-Mitarbeiter, die sich am Streik beteiligen. Außerdem ist er Teil der Tarifkommission, die am heutigen Mittwoch bereits zum dritten Mal mit Uniper-Vertretern um bessere Vertragskonditionen verhandeln.

Unzufrieden mit Verteilung der Gelden

„In Nordrhein-Westfalen haben sie schon eine einstweilige Verfügung ausgesprochen“, ruft Demel über den Vorplatz des Kraftwerks. Immer wieder gibt er seinen Kollegen Statusberichte der anderen Standorte durch. „Wir sind über eine Whatsapp-Gruppe vernetzt“, erklärt er. Die Belegschaft sei in den vergangenen Monaten eng zusammengerückt.

Unzufrieden sind die Mitarbeiter insbesondere über die aus ihrer Sicht ungerechte Verteilung der Gelder. „Branchenintern heißt es, dass Aktionäre mit 25 Prozent mehr Dividende rechnen können. Gleichzeitig gehen die Mitarbeiter aber leer aus“, kritisiert Betriebsratsmitglied Kai Hampe. Im Gegenteil: Zu Jahresbeginn seien den Angestellten der Sparte Erzeugung fünf Prozent ihrer Leistungen gekürzt worden.

Unbefristeter Streik möglich

Und auch bezüglich des demografischen Wandels gebe es großen Nachholbedarf in Großkrotzenburg: „Der Altersdurchschnitt der Belegschaft ist inzwischen bei 50 Jahren angekommen. Und obwohl wir eine gute Ausbildung anbieten, haben wir Schwierigkeiten, neue Azubis zu finden und auch zu halten“, so Hampe weiter. Zu häufig würden Folgeverträge befristet ausgeschrieben. Auch zahlten Konkurrenzunternehmen mitunter eine bessere Vergütung und könnten auch zukunftssicherere Stellen anbieten. „Unser Nachwuchs hingegen wird zu häufig kurzfristig vertröstet.“

Entsprechend hatten sich die Mitarbeiter – 90 Prozent der Belegschaft sind Verdi-Mitglieder – an ihre Gewerkschaft gewandt. „Am Montag haben wir dann zu einem Warnstreik aufgerufen“, erklärt Berthold Leinweber, Geschäftsführer des Verdi-Bezirksfachbereichs Osthessen. „Sollte in der anstehenden dritten Verhandlungsrunde erneut kein besseres Angebot gemacht werden, kann es durchaus auch sein, dass wir zu einem unbefristeten Streik aufrufen.“ Subunternehmer, die am Standort verschiedene Aufgaben übernehmen, hätten sich solidarisch gezeigt und ihren Dienst ebenfalls nicht aufgenommen.

Abschaltung von Block 5 wirtschaftlich schmerzhaft

Das könnte am Ende nicht nur dem Unternehmen an sich, sondern auch dem Standort Großkrotzenburg schaden. „Da unser Block 4 vom Land Hessen als systemrelevant eingestuft worden ist, konnten wir zumindest diesen Betrieb durch einen vertraglich geregelten Notdienst sicherstellen“, erklärt Kraftwerksleiter Matthias Hube. Auf diese Weise konnte auch die Fernwärmeversorgung für die Gemeinde sichergestellt werden.

Wirtschaftlich schmerzhaft stelle sich hingegen die Abschaltung von Block 5 dar. „Über diesen realisieren wir die Fernwärme für die Stadt Hanau“, so Hube weiter. Da dieser Service-Auftrag nun über andere, wirtschaftlich teurere Lösungen realisiert werden musste, ergeben sich Verluste für den Standort Staudinger. „Dennoch kann ich natürlich die Argumente und Sichtweisen der Mitarbeiter nachvollziehen“, sagt er.

„Wir wollen nicht die Anlage zerstören, aber wir sind an einem Punkt, an dem wir sagen müssen: Es reicht, wir wollen ein Zeichen setzen“, so der zweite Betriebsratsvorsitzende Joachim Plöderl. So setzen die Mitarbeiter große Hoffnungen auf die heutige Verhandlung, wollen aber auch in Zukunft weiter für ihre Belange kämpfen. „Die Streikbereitschaft ist groß“, so Plöderl.

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