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Prozessauftakt zum Messerangriff auf schlafende Eltern

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Während des Verfahrens ließ der Beschuldigte über seinen Anwalt mitteilen, dass sich der Tathergang wie in der Anklageschrift beschrieben zugetragen haben kann. Er selbst habe jedoch keine Erinnerung an die Nacht des 14. März.  Foto: Habermann
Während des Verfahrens ließ der Beschuldigte über seinen Anwalt mitteilen, dass sich der Tathergang wie in der Anklageschrift beschrieben zugetragen haben kann. Er selbst habe jedoch keine Erinnerung an die Nacht des 14. März. Foto: Habermann

Großkrotzenburg/Hanau „Hier ruft jemand um Hilfe, Sie müssen sofort kommen“, schallt es aus den Lautsprechern im Hanauer Landgericht. Im Hintergrund hört man Schreie. Es ist der Notruf, der am 14. März dieses Jahres abgesetzt wurde. In dieser Nacht soll ein 39-Jähriger seine Eltern im Schlaf mit einem Messer attackiert haben.

Von Sebastian Zeh

Die Stimme, die deutlich zu hören ist, gehört einer Zeugin. Am ersten Verhandlungstag des Sicherungsverfahrens schildert sie vor der ersten großen Strafkammer eindrücklich die Vorfälle der Nacht aus ihrer Sicht.

Die 59-Jährige arbeitet in einer Bäckerei an der Brüder-Grimm-Straße in Großkrotzenburg, rund 70 Meter vom Tatort entfernt. Dort habe sie am 14. März wie gewohnt ihren Dienst begonnen, als sie Schreie wahrnimmt. „Die waren ein wenig dumpf, ich dachte erst, da feiert jemand“, sagt sie. Kurze Zeit später habe sie dann registriert, dass jemand um Hilfe ruft. Sofort setzte sie den Notruf ab. Am anderen Ende der Leitung empfiehlt man ihr, nachzusehen, was eigentlich los ist. Sie geht in Richtung der Schreie.

Angriff auf das schlafende Paar

Dort findet sie zwei ältere Personen vor einem Haus vor – die Eltern des Beschuldigten. Beide sind mit Blut befleckt. Dann sei der Beschuldigte aus dem Haus gekommen. „Er ist ein wenig getaumelt, wirkte fast betrunken“, sagt die Zeugin. Sie stockt kurz in ihren Ausführungen, kämpft mit den Tränen. Denn der 39-Jährige soll anschließend auf seinen Vater, der sich noch auf dem Grundstück befand, eingestochen haben. Die Attacke habe nicht gezielt, sondern eher „tollpatschig“ gewirkt. Was die Zeugin zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Zuvor soll der Beschuldigte seine Eltern im Schlaf angegriffen und mit Küchenmessern auf sie eingestochen haben.

Auf Anraten der Notrufzentrale führt sie das Ehepaar gemeinsam mit einem hinzugekommenen Nachbarn in die Bäckerei. Verfolgt fühlen sie sich dabei nicht. In der Bäckerei versorgen sie die Verwundeten und warten auf den Rettungswagen.

Beschuldigte habe der Zeugin gegenüber gestanden

Dann habe plötzlich der 39-jährige Beschuldigte an der Tür gestanden. Die Zeugin sagt, sie habe Aug in Aug mit ihm gestanden, getrennt lediglich durch die Glastür. „Er hatte unruhige Augen und hat mit dem Kopf hin und her gezuckt“, berichtet sie. Dabei soll er an der Tür gerüttelt haben, weiterhin mit einem Messer in der Hand.

Auch der zweite Zeuge, ein 28-jähriger Nachbar, bestätigt das Szenario. An der Tür soll der Beschuldigte hysterisch gewirkt haben. „Er hat große Kraft aufgewendet. Ich hatte das Gefühl, dass er seine Tat fortsetzen will.“

Graßmück spricht seinen Respekt vor der Zeugin aus

Als der Vorsitzende Richter Dr. Peter Graßmück mit seinen Fragen am Ende ist, nimmt er sich einen kurzen Moment, um der Zeugin seine Anerkennung auszusprechen. „Für das, was Sie da getan haben, gebührt Ihnen Respekt. Sie haben durch Ihr Eingreifen vermutlich Schlimmeres verhindert.“

Der Beschuldigte nickt bei diesen Worten, ist sichtlich dankbar. Er lässt über seinen Rechtsanwalt Matthias Reuter mitteilen, dass der Tathergang sich so zugetragen haben kann. Er selbst habe allerdings keine Erinnerung mehr an besagte Nacht.

Zettel mit Drohungen am Tatort

Dieser Umstand deckt sich mit dem Eindruck, den ein Kriminalpolizist am Tag nach der Tat vom Beschuldigten erhielt: „Es wirkte auf mich, als ob er die Situation selbst gar nicht verstand. Es machte den Anschein, dass man nicht mehr dem Täter gegenübersitzt, der zwei Menschen angegriffen hat.“

Der Beschuldigte habe auf den Kriminalpolizisten einen ruhigen, ungefährlichen Eindruck gemacht. Anders stellen sich hingegen Äußerungen in Schriftstücken dar, die am Tatort gefunden wurden. Sie sollen vom Beschuldigten verfasst worden sein, geschrieben in kaum leserlicher Handschrift. Es zeichnet sich ein beunruhigendes Bild ab. Von „Blutbad“ ist auf einem der Zettel die Rede, auf einem anderen steht „ihr dummen Schweine, ich bring euch alle um.“

Einige Fragen sind noch zu klären

Auch von den Eltern habe man einige Dokumente gefunden. In einem dieser Schriftstücke hatten sie eine Veränderung im Verhalten des Sohnes festgestellt. Sie befürchteten, dass er womöglich seine Medikamente abgesetzt hat. Inwiefern die Medikation eine Rolle gespielt hat, soll im Laufe des Verfahrens noch geklärt werden.

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