Dienstag im Gerichtssaal: Rechtsanwalt Martin Barduhn mit seinem Mandanten, dem 37-jährigen Großkrotzenburger, der am Mittwoch sein Strafmaß für den Missbrauch seiner Stieftochter erfährt. Foto: Rainer Habermann

Hanau/Großkrotzenburg

Plädoyers im Großkrotzenburger Missbrauchsfall gehalten

Hanau/Großkrotzenburg. 181 einzelne Fälle des schweren sexuellen Missbrauchs der eigenen Stieftochter, dazu der Besitz und die „Eigenanfertigung“ von kinderpornographischen Bildern, die sexuelle Nötigung über WhatsApp und andere Mailingdienste im Internet.

Von Rainer Habermann

Die Vorwürfe gegen einen 37-jährigen Großkrotzenburger Familienvater wiegen schwer und sind in ihrem ganzen Ausmaß fast schon zu vergleichen mit dem sogenannten „Lügde-Fall“.

Auch auf diesem Campingplatz in Nordrhein-Westfallen währte das Martyrium von allerdings mindestens 34 Kindern über etliche Jahre, im beschaulichen Vorort der Brüder-Grimm-Stadt war ein Kind betroffen: zehn Jahre lang, eigentlich über seine halbe Kindheit und Jugend hinweg. Das Opfer hat es ganz augenscheinlich ohne größere psychische Schäden überstanden und tritt im Prozess gegen seinen Stiefvater als Nebenklägerin auf.

Weil die Stieftochter gerade erst volljährig geworden ist, und weil die Taten bis ins Jahr 2007 zurückreichen, arbeitet die 2. Schwurgerichtskammer unter der vorsitzenden Richterin und Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel auch als Jugendkammer, was vor allem für das Mädchen eine gewisse Erleichterung darstellt: Es konnte nämlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit aussagen. Und ganz wesentlich zur Verkürzung des Prozesses hat auch das umfassende und frühzeitige Geständnis des Angeklagten beigetragen.

Man stelle sich nur einmal vor: Alle 181 Fälle sexueller Übergriffe auf ein Mädchen, das zu Beginn der Misshandlungen gerade einmal sieben oder acht Jahre alt war, hätten in sämtlichen schockierenden, schmutzigen Details einzeln verhandelt, mit Zeugenaussagen belegt und bewiesen werden müssen. Analverkehr, Oralverkehr, vollzogener „normaler“ Beischlaf, das Ganze im Bild festgehalten, und was der delikaten Handlungen mit einer Minderjährigen mehr sind. Durch das Geständnis aber konnten gestern bereits die Plädoyers gehalten werden.

Nachdem eine forensische Psychologin ihr Gutachten verlesen hatte, das dem Angeklagten im wesentlichen Schuldfähigkeit während des gesamten Missbrauchszeitraums, aber generell keine psychischen Erkrankungen zugesprochen hatte.

"Manipulativer Charakter"

Eine „gesicherte pädophile Nebenströmung“ in den sexuellen Präferenzen des Angeklagten diagnostiziert die Psychologin nach mehrtägigen Untersuchungen des Großkrotzenburgers wohl. Aber nicht in „psychotischem Ausmaß“ neben seinen ganz normalen sexuellen Gewohnheiten: dem Sex mit seiner (inzwischen in Scheidung lebenden) Ehefrau.

Keine „wahnhafte Triggerung“, keine „dranghaft pädophilen Schübe“, keine „Hinweise auf tiefgreifende Bewusstseinsstörungen“. Aber eben eine „Neigung zu weitschweifigen Reden“, „wenig Ansätze zur Selbstkritik“, einen „manipulativen Charakter“. „Der Angeklagte zeigt ein sehr eigentümliches, schwer greifbares Persönlichkeitsbild“, lautet die abschließende Beurteilung der forensischen Psychologin.

„Warum kann man solche pädophilen Neigungen auch angesichts der Sanktionen durch die Öffentlichkeit nicht einfach sein lassen, wenn schon das sexuelle Eheleben stimmt?“, fragt die Richterin. Die Psychologin beantwortet diese Frage mit einer „hedonistischen Lebensweise: Man ist sich der Schädlichkeit bewusst, man macht es trotzdem“.

"Es tut mir alles sehr leid"

Bereits zu Verhandlungsbeginn hatte ein „Deal“ im Raum gestanden: Legt der Angeklagte umfassende Geständnisse ab, die seinem Opfer jugendlichen Opfer peinliche Detailbefragungen ersparen, könne er mit einer Verurteilung zwischen achteinhalb und neuneinhalb Jahren Haft rechnen.

Staatsanwältin Andrea Güde, die für die Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft die Anklage vertritt, plädiert auf Letzteres: neun Jahre und sechs Monate Gefängnis. Rechtsanwältin Jana Gawlaz als Nebenklagevertreterin schließt sich an, nicht ohne noch einmal die „mangelnde Verantwortungsübernahme“ und das „oberflächliche Geständnis“ des Familienvaters zu brandmarken, der das gesamte Geschehen mit unbewegter Miene verfolgt.

Sein Verteidiger, Rechtsanwalt Martin Barduhn, hätte gerne „eine acht vor der Haftstrafe“, weil er die Bedeutung des Geständnisses wesentlich höher bewertet als die Nebenklage. Das letzte Wort des Angeklagten, bevor heute um 12 Uhr im Saal A215 des Hanauer Landgerichts das Urteil fällt: „Schon meine erste Tat ist ein No-Go gewesen. Es tut mir alles sehr leid.“

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