Mord aus niedrigen Beweggründen? Sechs Monate nach der Bluttat im Großkrotzenburger Flüchtlingsheim hat die Staatsanwaltschaft Hanau nun Anklage vor dem Schwurgericht erhoben. symbol
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Mord aus niedrigen Beweggründen? Sechs Monate nach der Bluttat im Großkrotzenburger Flüchtlingsheim hat die Staatsanwaltschaft Hanau nun Anklage vor dem Schwurgericht erhoben. symbol

Mordanklage nach Bluttat in Großkrotzenburg

Wegen Beschwerde über dreckige Dusche Menschen erstochen?

  • Thorsten Becker
    vonThorsten Becker
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Der 34-jährige Abdiqadir M. muss sich wohl bald wegen des Verdachts des Mordes vor dem Hanauer Schwurgericht verantworten. Denn die Staatsanwaltschaft Hanau hat sechs Monate nach der Bluttat im Großkrotzenburger Flüchtlingsheim vor der Schwurgerichtskammer Anklage gegen den Somalier erhoben. Wie jetzt bekannt wurde, sind zudem mehrere Ermittlungsverfahren gegen Mitarbeiter der Gemeinde Großkrotzenburg eingeleitet worden. Bewohner des Flüchtlingsheims hatten Anzeige erstattet, weil es offenbar zu Übergriffen gekommen sein soll.

Großkrotzenburg/Hanau - M. soll laut Staatsanwaltschaft einen 25-jährigen Mann aus niedrigen Beweggründen erstochen haben. Damit erhebt die Anklagebehörde schwerere Anschuldigung, denn zunächst hatte der Vorwurf gegen den einschlägig vorbestraften Abdiqadir M. auf Totschlag gelautet. Unterdessen ist auch bekannt geworden, dass Bewohner zahlreiche Anzeigen gegen Mitarbeiter der Gemeinde erstattet haben. Die Staatsanwaltschaft bestätigte, dass mehrere Ermittlungsverfahren eingeleitet worden seien.

Staatsanwältin zum Fall aus Großkrotzenburg: „Mord aus niedrigen Beweggründen“

Staatsanwältin Lisa Pohlmann nennt auf Anfrage den konkreten Vorwurf: „Nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen könnte es sich um einen Mord aus niedrigen Beweggründen gehandelt haben.“ So habe M. aus „offenbar völlig nichtigen Grund“ seinen Kontrahenten getötet. M. war zunächst wegen des Vorwurfs des versuchten Totschlags in Untersuchungshaft geschickt worden.

Ins Zimmer gestürmt und Küchenmesser geholt: „Ich töte ihn!“

Laut den Ermittlungen sei die Tat durch einen Streit über die mangelnde Sauberkeit des Angeschuldigten entstanden. „Das spätere Opfer soll M. am Abend der Tat gefragt haben, weshalb dieser die Dusche nicht sauber gemacht habe“, so Pohlmann zum mutmaßlichen Auslöser der Bluttat. Der 33-Jährige habe daraufhin Beleidigungen ausgestoßen und sei mit den Worten „Ich töte ihn!“ in sein Zimmer gestürmt. Dort habe er ein Küchenmesser gegriffen, sei im Flur auf den Afghanen losgegangen und habe zugestochen. Der 25-Jährige soll noch versucht haben, sich in Sicherheit zu bringen und durch den Notausgang zu fliehen. Dort sei er jedoch von M. eingeholt und durch weitere Messerstiche getötet worden, so die Staatsanwältin zu dem von Polizei und Sachverständigen rekonstruierten Tatablauf.

M. ist bereits wegen eines Kapitalverbrechens verurteilt worden

Nun muss die 1. Strafkammer am Landgericht Hanau über die Zulassung der Anklage und die Terminierung des Prozesses entscheiden. Sollte M. schuldig gesprochen werden, droht ihm eine lebenslange Freiheitsstrafe. Oder sogar noch mehr, denn der 33-Jährige ist bereits einschlägig wegen eines versuchten Kapitalverbrechens verurteilt worden, weil er im November 2013 in der Asylbewerberunterkunft an der Neckarstraße in Maintal-Dörnigheim einen 19-jährigen Landsmann lebensgefährlich verletzt hatte. Die Ursache war in diesem Fall eine Lappalie, denn die Männer stritten heftig über die Beleuchtung im Raum. So heftig, dass die Polizei einschreiten und schlichten musste. Danach griff M. zum Messer und stach dem 19-Jährigen in den Rücken. Für diese Bluttat wurde er 2014 von der 1. Schwurgerichtskammer des Landgerichts wegen versuchten Totschlags sowie gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten verurteilt.

Ausländerbehörden schaffen es nicht, M. in seine Heimat abzuschieben

Wie Recherchen unserer Zeitung ergaben, hätte M. bereits nach einem Teil der Strafe in sein Heimatland Somalia abgeschoben werden müssen. Doch das ist den Ausländerbehörden nicht gelungen. „Die Rückführung scheiterte bislang an der Tatsache, dass Somalia trotz der Bitte der Koordinierungsstelle der Passersatzpapiere beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge kein Reisedokument für Herrn M. ausgestellt hat“, hatte ein Sprecher des Regierungspräsidiums Darmstadt erklärt. Ohne Reisedokumente sei eine Abschiebung nach Somalia „nicht möglich“. Daher hatte M. seine komplette Haftstrafe abgesessen und war anschließend vom Main-Kinzig-Kreis in der Großkrotzenburger Einrichtung untergebracht worden.

Bewohner erheben schwere Vorwürfe gegen Mitarbeiter der Gemeinde Großkrotzenburg

Ob es vor der Bluttat in der Asylbewerberunterkunft zu Unregelmäßigkeiten oder Übergriffen von Mitarbeitern der Gemeinde Großkrotzenburg gekommen sein könnte, beschäftigt die Staatsanwaltschaft indes weiter. Nach Informationen unserer Zeitung sollen die Bewohner der Unterkunft zahlreiche Anzeigen gegen Mitarbeiter erstattet haben. Darunter seien Vorwürfe unter anderem wegen Nötigung, Körperverletzung sowie Vorteilsnahme im Amt. Staatsanwältin Pohlmann nimmt mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen keinerlei Stellung zu konkreten Vorwürfen. Sie bestätigt lediglich, dass „aufgrund der Anzeigen mehrere Ermittlungsverfahren“ eingeleitet worden seien. Die Untersuchung der Vorwürfe dauerten an. (Von Thorsten Becker)

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