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Gerechtigkeit gibt es nicht umsonst

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Kleidung, die ökologisch und fair produziert wird, hat bekanntlich ihren Preis. Auch das war Thema des Gesprächs, zu dem Textilfachmann Nils Tödter und Journalist Tobias Schwab eingeladen waren.
Kleidung, die ökologisch und fair produziert wird, hat bekanntlich ihren Preis. Auch das war Thema des Gesprächs, zu dem Textilfachmann Nils Tödter und Journalist Tobias Schwab eingeladen waren. © DPA

Die Gemeinde hat Anfang November ihr Fairtrade-Siegel bekommen. Die Steuerungsgruppen aus Großkrotzenburg und Hainburg haben zu ihrer ersten Infoveranstaltung nach der offiziellen Zertifizierung eingeladen. Der Schwerpunkt des Gesprächsabends drehte sich um nachhaltige Kleidung und das neue Lieferkettengesetz.

Großkrotzenburg/Hainburg - Als Sprecher der Hainburger Fairtrade-Steuerungsgruppe begrüßte Harald Schicke die Gäste im Evangelischen Gemeindezentrum in Hainburg. Dabei erinnerte er an die letzte Gesprächsrunde über nachhaltige Kleidung, die vor fünf Jahren an gleicher Stelle stattfand: „Damals waren die Leute etwas unzufrieden, dass es schlicht noch kein breites Angebot an nachhaltiger Kleidung auf dem deutschen Markt gab.“

Diese Unzufriedenheit der Verbraucher dürfte mittlerweile etwas gewichen sein. Nachhaltigkeit spielt auch für die Mode- und Textilindustrie eine immer wichtigere Rolle.

Textilbranche „zweitschmutzigste der Welt“

Das sei besonders wichtig, schließlich sei die Textilbranche nach der Ölindustrie „die zweitschmutzigste Branche der Welt“, erklärte Tobias Schwab, Redakteur bei der „Frankfurter Rundschau“, der die Gesprächsrunde moderierte. Es gebe mittlerweile eine erfreuliche Entwicklung im Bereich der Textilherstellung – ein nach jahrelangem Ringen mit Lobbyverbänden im Juni dieses Jahres verabschiedetes Gesetz mit dem sperrigen Namen „Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz“, auch als Lieferkettengesetz abgekürzt. Lobbyverbände hätten es in der Vergangenheit teilweise „als das dümmste Gesetz“ bezeichnet, so Schwab. Ihr Widerstand hatte letztendlich keinen Erfolg, Anfang 2023 tritt das Gesetz in Kraft.

Viele Menschen begrüßten die Regelung, die unter anderem dazu führen soll, dass große Unternehmen in Zukunft auch darauf achten, „was ihre Sub- und Subsubunternehmer machen“. Einer dieser Menschen ist Nils Tödter von Hess Natur, einem Anbieter für nachhaltige Textilien, der in diesem Jahr sein 45. Jubiläum feiert.

„Wir haben Herrn Tödter eingeladen, weil er für ein Unternehmen steht, das sich Nachhaltigkeit von Beginn an auf die Fahnen schreibt“, so Schwab. Freiwilligkeit funktioniere in diesem Bereich einfach nicht, habe er im Rahmen seiner Tätigkeit festgestellt, erklärte Tödter mit Blick auf das neue Gesetz. „Es geht dabei um die Transparenz der Lieferketten und eine faire Behandlung von Arbeiterinnen und Arbeitern.“

Auf Langlebigkeit zu achten, macht mehr Sinn

Ein europäisches Lieferkettengesetz, das über die Vorgaben des Bundesgesetzes hinausgeht, sei ebenfalls bereits in Planung, erklärte Schwab. Das deutsche Gesetz beschränke sich derzeit „auf Unternehmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern“. „Wir sind davon also gar nicht betroffen“, stellte Tödter fest, dessen Unternehmen 365 Menschen beschäftigt. „Das Gesetz sollte aber für alle gelten und nicht an die Größe des Unternehmens geknüpft sein.“ Nachfragen aus dem Publikum gab es unter anderem zu den relativ hohen Preisen der nachhaltig produzierten Textilien.

Tödter wies darauf hin, dass man dieses Thema auch von der anderen Seite denken müsse.

Neben „existenzsichernden Löhnen“ für Arbeiterinnen und Arbeiter im geografischen Süden, auf die das Lieferkettengesetz abzielt, „müssen wir auch über existenzsichernde Löhne in Deutschland sprechen“.

Insgesamt waren sich die Steuerungsgruppen der beiden Fairtrade-Gemeinden Hainburg und Großkrotzenburg einig, dass es „für Verbraucher mehr Sinn macht, auf die Langlebigkeit und Qualität von Kleidung und Textilien zu achten, als auf den Preis“.

Joachim Kesberg, Mitglied der Fair-Trade-Steuerungsgruppe Großkrotzenburg stellte fest, dass es gelte, darauf auch beim bevorstehenden Weihnachtseinkauf zu achten. Denn so könne man „langfristig gesehen sogar Geld sparen“. Per Bergmann

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